Stand: 13.09.2019 15:21 Uhr

"Kraft": Alan Gilbert und die Trillerpfeife

von Daniel Kaiser

Das Publikum in der Elbphilharmonie erlebte mit "Kraft" von Magnus Lindberg aus dem Jahr 1985 eines der spektakulärsten Werke der jüngeren Musikgeschichte. Das NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung von Alan Gilbert bespielte dabei nicht nur die Bühne, sondern den ganzen Saal. Das Publikum jubelte, aber nicht alle hielten bis zum Schluss durch.

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Eimer statt Oboe: Ein Musiker bläst für die Inszenierung von "Kraft" mit einem Schlauch in einen Eimer.

Dass es laut werden wird, ist spätestens dann klar, als vor dem Konzert Ohrstöpsel verteilt werden. Alan Gilbert steht mit Trillerpfeife im Mund vor dem Riesen-Orchester und gibt das Startsignal. Er löst eine Klangexplosion mit Riesengong aus. Anderthalb Minuten breitet sich ein infernalischer Ton im Saal aus. Die Kraft sucht ihre Bahn. Das geht bis tief in die Magengrube.

Magnus Lindberg und das Echo der Punk-Ära

Die Musiker spielen das halbstündige Werk nicht nur von der Bühne, sondern von verschiedenen Orten im Saal. Es klingt erst einmal nach Chaos, ist aber alles hochgradig präzise durchkomponiert - auch für unkonventionelle Instrumente. Man sieht einen Musiker zwei Steine aufeinander schlagen, andere bearbeiten extra für das Konzert zusammen gesammelte Mitbringsel von einem Lübecker Schrottplatz. Ein Musiker bläst durch einen Schlauch in einen Eimer mit Wasser. Nach und nach erkennt man Strukturen und hört das Echo der Punk-Ära, die der Komponist, der an diesem Abend mit auf der Bühne steht, in den 1980er-Jahren in Berlin erlebt hat.

#KLINGTnachGILBERT: Yuja Wang & "Kraft"

"Kraft": Faszinierend und zugleich überfordernd

Für manche ist das alles trotzdem nur eine halbe Stunde "Hurz" - Quatsch, wie in Hape Kerkelings legendärem Sketch. Dutzende verlassen den Saal. Die allermeisten bleiben aber und lassen sich von diesem besonderen Klangerlebnis überwältigen. Wo, wenn nicht in diesem Saal hätte Lindbergs "Kraft" ein Zuhause? Unmittelbar nach dem letzten Ton gibt einer im Publikum einen undefinierbaren Laut von sich - mit Kraft. Und dieser Laut zwischen Stöhnen und Zustimmung fasst ganz gut zusammen, wie dieses Werk Menschen fasziniert, begeistert, überwältigt, aber auch überfordert. Man muss das mal live erlebt haben.

Yuja Wang: Mit dem Unterarm auf die Tasten

Zuvor hat die chinesische Star-Pianistin Yuja Wang mit den beiden Klavierkonzerten von Schostakowitsch den Saal erobert. Brillant gleitet sie durch die hochvirtuosen Passagen, meistert mit Verve Schostakowitschs Humor, indem sie den ganzen Unterarm auf die Tasten knallt, und entführt im sehr romantischen langsamen Satz des zweiten Konzerts das Publikum in eine andere lichte Sphäre. Die Solotrompete (Pedro Miguel Freire) tritt mit Wang in einen lebendigen und lustvollen Dialog, der einfach Spaß macht.

Zwischen Wang und "Kraft"

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Vor "Kraft" spielte die Star-Pianistin Yuja Wang die Klavierkonzerten von Schostakowitsch.

Bei Yuja Wang ist auch diesmal nicht nur die Musik Pausengespräch. Ihr Kleid und ihre Schuhe mit wahnsinnig hohen Absätzen sind es auch. So virtuos sie am Flügel ist, so schwer fällt ihr das Gehen. Als zweite Zugabe spielt sie eine Transkription aus der Oper Carmen. Die Hände hämmern auf der Tastatur absurd schnell wie bei einer Comicfigur. Yuja Wang hat ein Händchen für die richtige Dramaturgie. Zwischen Wang und "Kraft" - für solche Momente wurde dieser Saal gebaut.

Weitere Informationen
NDR Elbphilharmonie Orchester

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 13.09.2019 | 19:00 Uhr