Stand: 23.04.2018 10:19 Uhr

Klassische Musiker zeigen politisch Flagge

von Dagmar Penzlin
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Der Cellist Alban Gerhardt bei einer "Pulse of Europe"-Demonstration.

Die Sendung "Welt der Musik" geht heute der Frage nach: Wie reagiert die Klassik-Szene auf die veränderte Weltlage und die politischen Entwicklungen auch in Deutschland? Unter dem Titel "Ende des Stillschweigens. Klassische Musiker zeigen politisch Flagge" berichten Musikerinnen und Musiker über ihr Engagement.

Der Cellist Alban Gerhardt spricht auf der"Pulse-of-Europe"-Demo im März 2017: "Ich werde niemals das merkwürdig lähmende Herzrasen vergessen, das mich überfiel, als ich erfuhr, dass ein böser Clown Präsident des mächtigsten Landes der Welt geworden ist."

"Damit meine Söhne in einem weltoffenen Europa groß werden"

Auf dem Berliner Gendarmenmark hält Gerhardt diese Rede - der sonst weltweit konzertierende Cellist wird so Teil einer Demonstration der proeuropäischen Initiative "Pulse of Europe": "Damit ein ähnliches Desaster bei uns verhindert werden kann und meine Söhne in einem freien, weltoffenen Europa groß werden können, stehe ich hier und versuche mit der Musik Johann Sebastian Bachs die europäische Identität zu beschwören."

Gerhardts Rede im März 2017 löste eine erste Diskussion darüber aus, wie politisch klassische Musiker heute sind, wie sie ihre politische Haltung ausdrücken können. Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten und aufflammender Populismus wie Nationalismus auch in Europa - um nur zwei beunruhigende Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit zu benennen: Das alles treibt nicht wenige klassische Musiker um - nicht zuletzt, weil ihr Lebensgefühl als vielreisende Weltbürger empfindlich irritiert wird.

Initiative "Musicians4UnitedEurope"

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Die Hornistin Sarah Willis gibt Zeitmangel als Grund dafür an, dass es ruhig um die Initiative geworden ist.

So hat Alban Gerhardt zusammen mit vielen anderen namhaften Musikerinnen und Musikern die Initiative "Musicians4UnitedEurope" gegründet. Nach einem ersten großen Konzert und dem Verfassen eines proeuropäischen Manifestes ist es allerdings ruhig geworden. Die Hornistin Sarah Willis, nicht zuletzt als entschiedene Brexit-Gegnerin eines der Gesichter der Initiative, erklärt, warum: "Das Problem für uns alle ist: Die Musiker, die mitgemacht haben, sind alles große Namen, die haben irrsinnig viel zu tun. Wir interessieren uns nicht weniger, sondern wir haben keine Zeit. Wenn jemand kommt und uns ein paar Konzerte organisiert, sind wir die Ersten, die 'Ja' sagen werden."

Dresdner Sinfoniker sorgen für Debatte im EU-Parlament

Grundsätzlich 'Ja' zu Konzerten mit politischem Programm sagen die Dresdner Sinfoniker. Das freie Ensemble hat in den vergangenen Jahren mehrfach mit politischen Konzert-Projekten Aufsehen erregt. Geradezu zum Politikum geriet das Konzertprojekt "Aghet"“ 2016, mit dem Markus Rindt und seine Musiker an den 100. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern erinnerten. Der türkische EU-Botschafter versuchte das zu verhindern.

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Markus Rindt und die Dresdner Sinfoniker stießen mit ihrem Projekt "Aghet" politische Diskussionen an.

Das EU-Parlament stellte sich hinter das Vorhaben der Dresdner Sinfoniker. Markus Rindt war schließlich zur Bundestagsdebatte über den Völkermord an den Armeniern eingeladen - ein besonderer Erfolg: "Dann wurde über Freiheit in der Kunst diskutiert am Beispiel der Dresdner Sinfoniker und türkischer Intervention. Im EU-Parlament wurde darüber diskutiert! Da merkt man schon, dass das relevant ist."

Markus Rindt ist hoch motiviert, weiterzumachen mit politischen Konzerten. Solche gibt es in der Klassik-Szene eher selten. Um so wichtiger sei es, sagt Olaf Zimmermann als Geschäftsführer vom Deutschen Kulturrat, dass klassische Musiker Haltung zeigen, wenn etwa die AfD versuche in den Landtagen, wo sie stark vertreten sind, Stimmung gegen ihnen nicht genehme Künstler zu machen: "Indem sie zu Beispiel sagen, dass 'das rotversiffte Theater' ordentliche Stücke spielen soll. Wenn nicht, sollen ihnen die Gelder gestrichen werden. Wenn die Musiker dann sagen: 'wir sind trotzdem nicht dafür, sondern wir solidarisieren uns mit denen, die ihr angreift’ - dann ist das besonders wichtig"

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Auch der Pianist Igor Levit mischt sich ein: Seine Statements nimmt er selbst mit der Smartphone-Kamera auf.

Einer, der sehr deutlich und anhaltend die Tagespolitik kommentiert, ist der Pianist Igor Levit. Er macht das mit klaren Worten, aber auch durchaus mit Musik, die er vor laufender Smartphone-Kamera einspielt. Das Ergebnis der jüngsten Bundestagswahl kommentierte er mit Franz Liszts "Grand Galop Chromatique" und sagte dazu: "Ich halte das Einstehen für Menschenrechte, ich halte das Einstehen für Ideen und das Nachdenken über Zukunft nicht für mutig, sondern einfach für notwendig."

Die ganze Sendung "Welt der Musik" hören Sie heute ab 20 Uhr hier auf NDR Kultur

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Welt der Musik | 23.04.2018 | 16:20 Uhr

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