Stand: 28.08.2020 08:08 Uhr

CD der Woche: Einzigartige Brahms-Aufnahme

von Philipp Cavert

Die CD der Woche ist diesmal gleich eine ganze Box - eine Brahms-Box mit vier CDs. Die zu Ende gegangene Saison war die letzte für Chefdirigent Philippe Jordan an der Spitze der Wiener Symphoniker. Von seinem Orchester verabschiedet sich der designierte Musikdirektor der Wiener Staatsoper mit der Gesamtaufnahme der Brahms-Sinfonien.

CD-Cover: Wiener Symphoniker - Johannes Brahms: Sinfonien 1 bis 4 © Sony Classical
Alle vier Sinfonien von Johannes Brahms in einer Box - die Neuaufnahme der Wiener Symphoniker unter Philippe Jordan.

Zwei Aspekte machen diese Aufnahme einzigartig. Zum einen der Aufnahmeort: der Goldene Saal des Wiener Musikvereins; hier wurden schon die 2. und 3 Sinfonie unter Hans Richter uraufgeführt. Zum anderen - und das ist weitaus entscheidender - die Annäherung an Brahms' Musik über deren inneres Singen, wie Jordan es nennt. Gemeint sind die Choräle und das Kammermusikalische: Die Art, mit der der Streichersatz in den Klavierquartetten und im Klavierquintett behandelt wird, hat der Komponist in den Sinfonien beinahe eins zu eins aufs Orchester übertragen.

Vermessungen der menschlichen Seelenlandschaft

Der Wahlwiener bekommt hier nochmal Wiener Musiker - mit Sinn für Phrasierung und einem Klang, wie ihn auch Brahms im Ohr gehabt haben dürfte. Ein Orchester, das auch kleine Notenwerte ausspielt und Phrasen bis an ihr Ende trägt: sinnlich, süß, mit diesem gewissen Etwas im Vibrato, Portamento und Rubato.

Während Beethovensinfonien als "Volksreden an die Menschheit" gelten, hat Brahms für das Individuum geschrieben. Seine Sinfonien sind berührende Vermessungen der menschlichen Seelenlandschaft.

Eine zu Herzen gehenden Aufnahme

Der erdenschwere Brahmsklang der Spätromantik wird von Philippe Jordan als Klischee entlarvt. Obwohl zupackend und federnd, mag er es nicht zu voluminös, beachtet die Spielanweisung 'poco', die bei Brahms so oft vorkommt; auch 'dolce' und 'mezza voce', also mit halber Stimme. Da versteht sich auch von selbst, dass 'espressivo' niemals mit laut verwechselt wird.

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In der walzerhaften Kantilene im 3. Satz der Dritten spielen die Celli einmal wirklich 'mezza voce' und nicht etwa 'forte', wie man es sonst oft hört. Obwohl Brahms keine Tempoänderung vorschreibt, erklingt der Choral in der Reprise des Finales der ersten Sinfonie meist doppelt so langsam. Nicht so in dieser zu Herzen gehenden Aufnahme.

Barockes trifft auf Progressives

Stimmungen sind bei Brahms selten eindimensional und eindeutig. Die Zweite wurde oft als Pastorale beschrieben mit frühlingsblühender Erde und Quellenmurmeln; Brahms selbst empfand sie als melancholisch. Und trotz aller Lyrik ist die Vierte vielleicht die Dramatischste. Hier, wo Barockes auf Progressives trifft, ist die Leipziger Schule nachvollziehbar - von Bach zu Mendelssohn und Schumann. Der dritte Satz wird von Jordan als Brahms'sche Antwort auf das Vorspiel von Wagners Meistersingern verstanden.

Doch so gegensätzlich die Komponisten auch gewesen sein mochten: Brahms besaß die Erstausgabe der Meistersinger-Partitur und schätzte die Musik der Oper sehr. Das Flötensolo im Finale deutet Jordan als persönliche Offenbarung, wie einsam der Mensch Brahms gewesen sein muss. Einsamkeit, nicht als etwas Schreckliches, sondern als Rückzug und Besinnung auf das Wesentliche. Zu sich kommen - das lernt mancher in diesen Zeiten nochmal neu. Vielleicht sogar in dem Sinne, in dem das hervorragende Begleitheft den von Brahms verehrten Novalis zitiert: "Wo gehn' wir denn hin? Immer nach Hause."

Johannes Brahms: Sinfonien 1 bis 4

Label:
Sony Classical

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 30.08.2020 | 15:20 Uhr

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Pierre Bertrand © picture alliance / Photoshot

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