Stand: 05.09.2020 07:20 Uhr

Wie sich Musik mit unseren Erinnerungen verbindet

von Ole Wackermann

Plötzlich ist er wieder da, dieser besondere Moment: Der erste Kuss vielleicht oder der unbeschreiblich schöne Sonnenaufgang, nachdem wir die Nacht zum Tag gemacht haben. Einfach weil wir ein bestimmtes Musikstück hören, das uns an diesen Moment erinnert. Unter anderem darum geht es im neuen Podcast "Stereo" hier auf NDR Kultur. Die Autorin Carolin Emcke stellt uns immer sonnabends jeweils zwei Musikstücke vor, die für sie eine besondere Bedeutung haben. Aber was passiert da eigentlich in unserem Kopf, wenn die Musik in uns Erinnerungen weckt?

Ein Paar tanzt eng aneinander geschmiegt aneinander und hat jede Menge Spaß. © picture alliance/Bildagentur-online Foto: Blend Images/PBNJ Property
Diese Krawatte, dieser Tanz, diese Party ... ein paar Töne, und alles ist wieder da.

Wenn Menschen, die mitten auf der Straße von einem Unbekannten nach ihrer Lieblingsmusik gefragt werden, mit der sie besondere Erinnerungen verbinden, kommt sofort ein Leuchten in die Gesichter. Man hört Antworten wie "Die Beatles, die haben meine Eltern immer gehört", "Gerade heute habe ich wieder diesen Kanon von Mozart gehört", "Bei mir sind es House-Musik-Hymnen" oder einfach nur "Bruce Springsteen!".

"Das Bemerkenswerte ist eben, dass die Erinnerungsfetzen, die mit der Musik gekoppelt sind, lebhaft sind", sagt Lutz Jäncke, Neuropsychologe von der Universität Zürich. Denn Musik und Erinnerung werden von einem bestimmten System in unserem Gehirn gespeichert - dem episodischen Gedächtnis. Jäncke: "Das Charmante an diesem episodischen Gedächtnis ist, dass wir viele Informationen mit der Musik koppeln. Und das kann durchaus ein Leben lang haften bleiben."

Eine andere Zeit, ein anderer Ort

So kann uns ein bestimmtes Stück zurückversetzen an eine andere Zeit und einen anderen Ort: "Ich war jung, das war eine tolle Zeit! Die Beatles habe ich live erlebt, da konnte man damals daneben auf der Bühne stehen", erzählt eine Person. Oder: "Franki Knuckles - das war eine Silvesterfeier! Die hat zwei Tage gedauert."

Musik kann sogar helfen, Depressionen zu überwinden, sagt der Neuropsychologe Lutz Jäncke. Aber wir hören oft auch ganz bewusst traurige und getragene Musik, weil unser Gehirn beides braucht: Die Sicherheit strahlender Dur-Akkorde wie auch Spannung und Erregung.

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"Diese Erregung entsteht in der Regel dann, wenn wir von dem Sicherheitspunkt ein wenig abweichen", erklärt Jäncke. "Und das führt dazu, dass wir gelegentlich auch schräge Töne mögen. Diese Abweichung in beide Richtungen, also erregend, aber auch depressiv, darf nicht zu stark sein, dann empfinden wir das als sehr angenehm." Und anregende Musik kann sogar leistungssteigernd wirken: "Musik kann nach dem Lernen, also so zehn bis 15 Minuten danach, bestimmte chemische Prozesse im Gehirn bewirken, die zur Synapsenbildung beitragen und helfen, das Langzeitgedächtnis besser zu etablieren."

Hirnströme als DJ

Mittlerweile verstehen Wissenschaftler immer besser, wie Musik unsere Gefühle beeinflusst. Und arbeiten sogar an Geräten, die anhand unserer körperlichen Reaktionen automatisch erkennen, welche Musik wir als nächstes hören sollten.

"Dazu werden Hirnströme gemessen und anhand dessen werden bestimmte Musikstücke ausgewählt", erklärt Jäncke. "Das befindet sich alles noch im Zustand der Erforschung, aber ich bin mir sicher, dass wir irgendwann in der Lage sein werden, solche zustandsabhängigen, individuellen Musikpräsentationen erstellen zu können."

Bis dahin aber suchen wir sie selbst aus, unsere ganz persönliche Erinnerungsmusik.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 05.09.2020 | 07:20 Uhr

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