Stand: 08.11.2019 13:43 Uhr

"Engel in Amerika": Von Normen und Lebenslügen

von Thorsten Philipps

"Engel in Amerika" ist eine Geschichte von Tony Kushner über die 1980er-Jahre in Amerika. Von Reagan-Republikanern kapitalistisch geprägt, skizziert Kushner die USA und beschreibt eine Gesellschaft mit vielen extremen Blüten und Exzessen, indem er die Probleme und Lebenslügen vieler Protagonisten in seinem Theaterstück aufzeigt und miteinander verbindet. Regisseur Marco Štorman hat das Stück so fasziniert, dass er es nun im Theater Lübeck auf die Bühne bringt. Ein Besuch bei den Proben.

Auf der Bühne im Theater Lübeck hat Regisseur Marco Štorman versucht, einen "Traumraum" herzustellen.

Auf der Bühne steht ein riesiger Glaskasten, in ihm liegen 20 verspiegelte Disco-Kugeln, drei Protagonisten wandeln umhüllt von Trockeneisnebel hin und her. Scheinwerferlicht blendet mal die Zuschauer, mal die Schauspieler. Regisseur Marco Štorman nennt diesen Raum die Quarantänestation, in der sich die Figuren nicht real begegnen, sondern in ihrer Krankheit oder Andersartigkeit. "Wir haben versucht, einen Traumraum herzustellen, der aber Anleihen an den Glam der 80er-Jahre hat, an New York und die Ballroom-Kultur", erklärt Štorman.

Wie gehen wir heute mit Diskriminierung um?

Vor dem XXL-Glaswürfel redet ein Mormonen-Paar über seine sexuellen Probleme, denn der Mann bemerkt, dass er schwul ist. Regisseur Štorman geht es um die Frage: Wie gehen wir heute mit Diskriminierung und Geschlechternormierung um? "Es ist die Angst der Leute, ihre Identität zu verlieren", sagt er. "In dem Moment, in dem sich Grenzen - nicht nur nationale - verschieben, verschiebt sich auch eine vermeintliche Identität."

Regisseur Štorman ist selbst betroffen

Štorman selbst ist Betroffener. "Ich bin homosexuell", sagt er. "Und es ist immer und permanent eine Entscheidung: Wenn ich in der Öffentlichkeit bin, mit einem Freund händchenhaltend durch die Straßen laufe und wir uns küssen wollen, dann können wir das tun. Diesen Rahmen gibt uns unsere Gesellschaft, aber ich entscheide es in dem Moment. Und ich bin damit auch allen Reaktionen und Blicken ausgesetzt."

Diskriminierung, nur weil er und sein Freund beim Händchenhalten in der U-Bahn der mehrheitlichen Vorstellung und Erwartung nicht entsprechen. "Es ist auch anstrengend, in der U-Bahn - selbst in Berlin - einen blöden Spruch zu kassieren", meint Štorman. "Dagegen härtet man sich ab und man gibt auch einen blöden Spruch zurück, aber es ist eben alles nicht normal."

Rote, leere Sitze in einem Theater. © picture alliance/JOKER Foto: Gudrun Petersen

Theater Lübeck: "Engel in Amerika"

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Ausbruch aus dem Effizienz-Gedanken

Auch Schauspieler Robert Brandt sagt, Diskriminierung von Homosexuellen sei in unserer Gesellschaft - zum Beispiel in der Schule - immer noch normal. Er spielt den skrupellosen Rechtsanwalt Roy, der auf einmal erfährt, dass er todkrank ist - er hat Aids.

Štorman bemängelt, dass es in unserer Gesellschaft kein Wir-Gefühl gibt - und dass stattdessen Effizienz und der Druck, wirtschaftlich und sozial zu funktionieren, sehr dominant ist. "Liebe dich selbst wie deinen Nächsten - das ist schon ein sehr hehres Ziel", sagt der Regisseur. "Sieh deinen Nächsten - das wäre doch schon mal ein Anfang", fügt er lachend hinzu. "Es geht darum, aus diesem Effizienz-Gedanken auszubrechen. Wir stehen ja alle unter einem wahnsinnigen Druck. Wenn es ein Thema unserer Zeit gibt, dann dieses: Müssen wirklich alle funktionieren, um in dieser Leistungsgesellschaft eine vermeintliche Rolle zu spielen?"

Eine gut überlegte Inszenierung - nur sehr verkopft

In dem Theaterstück "Engel in Amerika" geht es allgemein um die Frage, warum unsere Vorstellungen vom normalen Verhalten so sind, wie sie sind - und warum wir ein Problem mit andersartigen oder abweichenden Verhaltensmustern haben. Eine gut überlegte Inszenierung, die aber den sehr schwierigen Stoff nur in Ansätzen rüberbringt, weil das Stück sehr verkopft ist.

"Engel in Amerika": Von Normen und Lebenslügen

Korruption, Sex, Machtmissbrauch, Aids und tiefsitzende Vorurteile. Die Inszenierung von Tony Kushners preisgekrönter Analyse "Engel in Amerika" in Lübeck ist gut überlegt, bleibt aber verkopft.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Theater Lübeck
Beckergrube 16
23552  Lübeck
Telefon:
(0451) 7 08 80
Preis:
15 bis 37 Euro
Kartenverkauf:
Kartenverkauf unter: www.theaterluebeck.de
Hinweis:
Inszenierung: Marco Štorman 
Bühne: Michael Köpke 
Kostüme: Sara Kittelmann 
Musik/Komposition: Thomas Seher  
Licht: Georg Marburg 
Dramaturgie:  Katrin Aissen 

Mit: Astrid Färber, Will Workman, Heiner Kock, Stephanie Schadeweg, Peter Elter und Robert Brandt
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 06.11.2019 | 20:00 Uhr

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