Stand: 24.07.2019 13:08 Uhr

"Tannhäuser"-Neuinszenierung eröffnet Bayreuth

von Sabine Lange

Als sie die berühmte Hallen-Arie im Studium erstmals einstudierte, verliebte sie sich in die Musik Richard Wagners. Jetzt, mit gerade einmal Anfang 30, debütiert die norwegische Sopranistin Lise Davidsen in dieser Partie der Elisabeth am legendären Grünen Hügel in Bayreuth, wo sich Richard Wagner mit dem Festspielhaus selbst eine Stätte zur mustergültigen Aufführung seiner Werke schuf.

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Die Sopranistin Lise Davidsen debütiert am Grünen Hügel in der Partie der Elisabeth.

Über ihre Partie sagt Lise Davidsen: "Ich bewundere viele Eigenschaften von ihr: ihren Mut und ihre Fähigkeit zu lieben und treu zu sein. Es ist eine ziemlich komplexe Elisabeth, die ich da auf der Bühne zeige. Es gefällt mir, dass man viele unterschiedliche Facetten dieser Figur zu sehen bekommt. Sie ist nicht andauernd perfekt und voller Leidenschaft. Es ist wichtig, das zu zeigen. Und auch, dass Elisabeth und Venus nicht nur zwei verschiedene Menschen sind, sondern zwei Seiten einer Persönlichkeit."

Bayreuth-Debüt für Lise Davidsen

Lise Davidsen steht 2019 zum ersten Mal in einer Eröffnungspremiere der Bayreuther Festspiele auf der Bühne. Ihr Tannhäuser dagegen ist ein Bayreuth-erfahrener Heldentenor: der Amerikaner Stephen Gould.

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Tannhäuser-Darsteller Stephen Gould ist ein Bayreuth-erfahrener Heldentenor.

Er hat seit 2004 in Bayreuth nahezu alle Partien seines Fachs gesungen. In dieser stimmlich sehr herausfordernden Rolle des Künstlers Tannhäuser, der seinen Weg in Leben und Werk sucht, fühlt er sich sehr wohl. Besonders auch in der modernen Regie des Tobias Kratzer, der in seiner Neuinszenierung zwei Welten aufeinanderprallen lässt. "Der Sängerkrieg ist wirklich ein Krieg - nicht bloß eine Wettbewerb unter Sängern. Es ist mehr ein Krieg dieser beiden Weltanschauungen", sagt Stephen Gould.

Und Tobias Kratzer ergänzt: "Man darf nicht vergessen, dass Wagner, als er das Stück schrieb, weit entfernt davon war, ein weltberühmter oder gar ein arrivierter Komponist zu sein. Insofern ist das tatsächlich ein Werk der Gefährdung, in dem Wagner noch nicht wirklich zu wissen scheint, wie er später in den Brockhaus eingehen wird. Möglicherweise als Revolutionär: Er ist ja damals noch politisch sehr aktiv und verkehrt mit dem russischen Anarchisten Bakunin und ist in Dresden bei Aufständen dabei. Gleichzeitig hat er aber auch schon seine großen künstlerischen Ziele. Und die beiden Dinge scheinen sich einerseits zu treffen, andererseits aber auch in zwei Richtungen auseinander zu klaffen. Und ich habe das Gefühl, dass er seine Angst, in beiden Bereichen zu scheitern, auf Tannhäuser projiziert und seine fiktionale Figur in beiden Bereichen scheitern lässt. Insofern ist es ein Werk innerer Zerrissenheit, aber auch eines inneren Schutzmechanismus. Indem er beides Scheitern Tannhäuser aufbürdet, kann er sich selbst davon befreien."

Dirigent Gergiev und Regisseur Kratzer sind ebenfalls Debütanten

Am Pult wird zum ersten Mal in Bayreuth der russische Dirigent Valery Gergiev stehen. Wie alle Bayreuth-Neulinge musste er sich in den Proben an die akustischen Besonderheiten gewöhnen, die der überdeckelte Orchestergraben verursacht. Gergiev wird die frühe Dresdner Fassung des "Tannhäuser" dirigieren, was dem Regisseur Tobias Kratzer sehr entgegenkommt. Als er 2011 im Theater Bremen seinen ersten "Tannhäuser" herausbrachte, tat Kratzer das in der späten Pariser Fassung. Sein Tannhäuser war damals ein RAF-Terrorist, der im Finale vom GSG-9-Kommando erschossen wurde.

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Regisseur Tobias Kratzer kehrt in Bayreuth zum "Tannhäuser"-Stoff zurück: 2011 hatte er die Oper bereits in Bremen inszeniert.

"Ich mache kein Remake meiner Inszenierung der Pariser Fassung", so Kratzer. "Ich ziele nicht mehr so stark auf den realpolitischen Ansatz, mir geht es viel stärker um den kunstästhetischen Anspruch, den Wagner mit den Figuren verknüpft. Also eine Art von Gegenkultur zu schaffen. Das ist eine Opposition, die sehr politisch aufgeladen ist, die ich aber in Bayreuth viel mehr von der künstlerischen Seite her angehen werde und weniger von der realpolitischen."

Wie das aussieht, werden die Zuschauer im Bayreuther Festspielhaus, in zahlreichen Kinos und und in diesem Video-Livestream von BR Klassik sehen können:

Link zum Video-Livestream
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Live: Premiere von Wagners "Tannhäuser"

25.07.2019 15:57 Uhr

Erleben Sie die Eröffnungspremiere der Bayreuther Festspiele 2019 mit Lise Davidsen und Stephen Gould in voller Länge im Videolivestream von BR-Klassik. extern

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 25.07.2019 | 15:20 Uhr