Tanja Tetzlaff sitzt auf einem Baumstamm und spielt Cello. © Michael Bessert

"Suites4nature": Mit Bach dem Klimawandel begegnen

Stand: 29.09.2021 06:00 Uhr

Für das Filmprojekt "Suites4nature" reist die Cellistin Tanja Tetzlaff an Orte, an denen der Klimawandel bereits Realität ist. In dieser Kulisse interpretiert sie Cello-Suiten von Johann Sebastian Bach.

Der Klimawandel zeigt auch in Europa bestürzende Auswirkungen. Erschüttert von der Bedrohung und Zerstörung will Tanja Tetzlaff mit ihrem Projekt die Natur um Verzeihung bitten.

Frau Tetzlaff, Sie sagen, sie möchten die Natur um Verzeihung bitten. Das lässt sich symbolisch verstehen oder auch spirituell. Wie verstehen Sie es?

Tanja Tetzlaff: Auf beide Arten. Ich bin schon an einige Orte gefahren und habe mich dann mit meinem Cello hingesetzt und gespielt. Gerade gestern war ich in der Schweiz bei zwei sterbenden Gletschern. Ich fühle in dem Moment wirklich, dass ich der Natur sehr nahe bin. Und ich fühle die Erschütterung und habe das Gefühl, ich kann etwas zurückgeben. Das ist sicherlich spirituell. Aber natürlich möchte ich mit meinem Film auch die Leute, die in dem Moment mit mir diese Musik in der Natur erleben, ein bisschen anrühren und aufwecken.

Sie haben gerade einen schmelzenden Gletscher in der Schweiz beschrieben. Was gibt es noch für Orte, die sie für dieses Filmprojekt ausgewählt haben?

Tetzlaff: Wir sind vor zwei Wochen im Harz gewesen, wo ein unglaubliches Waldsterben stattfindet. Das wird für meine Begriffe viel zu wenig thematisiert. Da steht überhaupt kein gesunder Baum mehr am Brocken. Das ist auch auf den Klimawandel zurückzuführen. Dann wollen wir an einen sehr trockenen Ort fahren. Es wird wahrscheinlich in in Griechenland sein. Wobei: Wir haben hin und her überlegt, weil das natürlich auch wieder bedeutet, dass man fliegen muss. Aber dort sind einfach die Waldbrände so eklatant. Für die Menschen wird es allmählich wirklich kaum noch möglich, dort im Sommer zu leben. Anschließend wollen wir an eine Küste fahren, wo man sieht, wie der steigende Meeresspiegel immer weiter die Küste zerstört und die Zivilisation bedroht. Den verschiedenen Bach-Suiten kann man die verschiedenen Elementen dann zuordnen: Hitze, Feuer, Wasser, Sturm - das wird alles sicherlich im darin vorkommen.

Ist das ein riesiges Team, das da dreht? Oder sitzen sie da ganz allein im Wald und spielen Cello-Suiten von Bach?

Im Vordergrund eine aufgebaute Kamera, im Hintergrund sitzt Tanja Tetzlaff auf einem Baumstamm und spielt Cello. © Michael Bessert
Für das Projekt "Suites4Nature" reist Tanja Tetzlaff in den kommenden Jahren mit ihrem Cello durch Europa.

Tetzlaff: Man ist immer erstaunt, wie viele Menschen an einem Film mitwirken. Aber - wie mir versichert wird - ist es ein relativ kleines Team. Wir haben zwei Tonleute, zwei Kameraleute, einen Regisseur und eine Regieassistentin. In dem Moment, wenn ich spiele, kann ich mich tatsächlich ganz gut auf die Natur konzentrieren. Wir sind uns alle dessen sehr bewusst, warum wir das Ganze machen. Es ist ein tolles Team von Apollofilm. Keiner macht das, um irgendwie Profit rauszuschlagen oder berühmt zu werden. Es geht uns wirklich in dem Moment darum, dort zu sein und etwas für die Natur zu tun.

Was entsteht dafür ein Ton? Es ist ja schon speziell, Solo-Cello draußen aufzunehmen.

Tetzlaff: Wir haben Experimente mit Mikrofonen gemacht, weil wir live aufnehmen wollen. Die beiden Tonleute haben das irgendwie wirklich ganz gut hingekriegt. Ich habe ein Mikrofon direkt am Steg und dann welche, die auf der Erde liegen. Es klingt gut. Natürlich ist das nicht wie im Konzertsaal. Es klingt vor allem je nach Landschaft komplett unterschiedlich. Das finde ich sehr faszinierend finde. An einem See hat man eine ganz andere Akustik als auf einer Waldlichtung.

Können Sie das beschreiben - was ist der Unterschied?

Tetzlaff: Waldlichtung ist so ein bisschen geborgener und gedämpfter. Und See ist wirklich fast wie eine Konzerthalle. Gestern war ich in einer Eishöhle in der Schweiz. Das klingt natürlich gigantisch. Das wird sehr, sehr spannend, wenn es dann später zusammengesetzt wird.

Nun trifft man auch im Freundes- und Bekanntenkreis immer wieder Menschen, die sagen, dass es den menschengemachten Klimawandel überhaupt nicht gibt. Wie reagieren Sie darauf?

Tetzlaff: Ich verweise auf die zahlreichen Wissenschaftler, die dies nun wirklich schon belegt haben. Dass es zwar immer einen Klimawandel gegeben hat, aber niemals in dieser Geschwindigkeit. Dass, wenn wir nichts machen, dieser rasante Anstieg der Temperaturen über kurz oder lang dazu führen wird, dass wir einfach nicht mehr die Nahrung haben werden - weil wir auch so viele Menschen geworden sind. Und dass es für alle Küstenstädte bedrohlich wird. Für Länder, die fast unter dem Meeresspiegel liegen. Man kann nur immer wieder sagen, guckt euch an, was so viele unabhängige Wissenschaftler herausgefunden haben. Wenn es noch Leute gibt, die sagen, das ist alles Quatsch, dann ist das vielleicht eine Art Selbstschutz, weil man sich nicht damit auseinandersetzen möchte. Das muss man dann auch akzeptieren. Man kann niemanden verbiegen.

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Im Vordergrund eine aufgebaute Kamera, im Hintergrund sitzt Tanja Tetzlaff auf einem Baumstamm und spielt Cello. © Michael Bessert

Trailer: "Suiten für eine verwundete Welt"

Der Film "Suiten für eine verwundete Welt" wird voraussichtlich erst 2023 abgedreht sein. Einen Trailer gibt es aber bereits. extern

Sie haben gerade erzählt, sie sind noch mitten in der Arbeit an dem Projekt "Suits4Nature". Wann wird es denn zu sehen sein und vor allem wo?

Tetzlaff: Wir sind noch ganz an Anfang, haben ausprobiert, Probeaufnahmen gemacht, das Team wurde zusammengestellt. Wir haben jetzt ein Skript erstellt, welche Sätze wir wo aufnehmen wollen. Da man an bestimmten Orten auch nur zu bestimmten Jahreszeiten drehen kann, wird der Film wahrscheinlich erst im Frühjahr 2023 fertiggestellt sein. Solange läuft auch diese Fellowship, die ich von der Glenn Gould Bach Foundation verliehen bekommen hab. Und dann kommt der Film hoffentlich auch irgendwo ins Kino. Das müssen wir natürlich noch verhandeln. Aber in jedem Fall auf den Kanälen der Glenn Gould Bach Foundation und auf verschiedenen europäischen TV-Sendern und Filmfestivals. Ich hoffe, dass wir genügend Aufmerksamkeit bekommen, dass es dann auch in gewissen ausgewählten Kinos zu sehen sein wird.

Das ist eine Fellowship, die das allererste Mal vergeben wurde. Wollten die genau solche Projekte?

Tetzlaff: Es war einfach nur ausgeschrieben als ein Projekt, was sich mit Barockmusik oder insbesondere der Musik von Johann Sebastian Bach und modernen Medien auseinandersetzt. Es hatte überhaupt keinen Anspruch auf irgendetwas Politisches. Ich habe mich dort beworben, weil mir sofort diese Idee kam. Wenn ich Bach spiele, dann sehe ich sowieso Natur vor mir. Und der Klimawandel ist das moderne Thema, was mich im Moment am meisten umtreibt. Ich habe mich dann vorgestellt und habe überhaupt nicht damit gerechnet, dass ich das Projekt bekomme - eben weil es solche politische Dimension hat. Aber offensichtlich haben die Leute gemerkt, dass ich für das Projekt brenne - und dass das Projekt die Musik von Bach auch ein bisschen an ein neues Publikum heranführen kann. Wenn jemand sich diesen Film anguckt, weil er politisch an dem Thema interessiert ist, und dann gleichzeitig merkt, was das für fantastische Musik ist. Die Musik wird im Film wirklich im Vordergrund stehen. Es wird kaum gesprochen werden. Ein Konzertfilm, nur nicht in Hallen gedreht, sondern halt draußen.

Das Gespräch führte Mischa Kreiskott.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 29.09.2021 | 15:20 Uhr

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