Stand: 10.08.2018 11:15 Uhr

Musical "König der Möwen": Bitte mehr Biss!

von Peter Helling

Wer schon mal in Hamburg in "Der König der Löwen" war, der wird bei diesem Titel neugierig: "König der Möwen" heißt das Stück, das am Donnerstag beim Internationalen Sommerfestival im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel Premiere hatte. Die "musikalische Dramödie" stammt aus der Feder von Musiker Andreas Dorau, Autor Gereon Klug und Regisseur Patrick Wengenroth. Versprochen wurde ein charmanter Kommentar zur Gentrifizierung der Städte am Beispiel von Hamburg.

Das Beste ist: der Titel. Dass das Musical "Der König der Löwen" in seinem gelben Plastikzelt auf der anderen Elb-Seite für das Touristen-Hamburg steht, für Glanz und Flitter einer hochgepuschten Stadt - "gut gebrüllt!" kann man den Machern von "König der Möwen" nur zurufen. Die muntere Crew um Regisseur Patrick Wengenroth, um Andreas Dorau und Gereon Klug läuft auf zur großen Anti-Show: Hamburg, das ist eigentlich ganz anders.

Geschichte um Aschenputtel Hans und Prinz Katja

Erzählt wird die alte Geschichte vom Aschenputtel und dem Prinzen. Das Aschenputtel ist hier Hans - ein Möwenliebhaber und nebenbei Besitzer des Plattenladens "Rillenreiter" auf dem Kiez. Umschwärmt und angepumpt von halbgaren Gurus und Möchtegern-Underground-Indie-Poppern lebt er sein Leben. Der Prinz in der Story ist sie: Katja, Hans' Ex! Früher Punk-Ikone, heute vertritt sie das Hamburg Marketing, also das Hochglanz-Hamburg.

"Richtig schön schräg"

Hans' kleiner Laden schliddert immer knapp am Bankrott vorbei, bis sich ein namenloser Präsident ankündigt, der schon seit Jahren Fan von Hans' Laden ist. Jetzt kommt er zu Besuch. Doch dazu muss - aus Sicherheitsgründen - Hans' liebevoll schrottiger Kiezladen in die Hafencity umziehen. Es kommt, wie es kommen muss: Prinzessin küsst Aschenputtel, Hans und Katja finden sich wieder. Hans, mit breiten Koteletten, Jeansjacke und Hawaiihemd - er ist der König der Möwen.

Das Publikum findet das Stück "mitreißend" und "richtig schön schräg" und die Darsteller "extrem gut ausgewählt". In der Tat, die Schauspieler sind wirklich klasse. Begleitet wird diese Aschenputtel-Geschichte von einer jungen Band, die sich pausenlos neu erfindet und neue Namen gibt.

Halbwitzige Dialoge schleppen sich dahin

Und trotzdem: Dieser Abend steht auf der Bremse. Die Dialoge schleppen sich dahin, sind leider nur halbwitzig. Und die eigentlich total brisante Geschichte vom Ausverkauf Hamburgs, vom Ende der kleinen Läden: Sie hat keinen Biss. Auch von den Zuschauern wird das angemerkt. "Ich finde, der politische Hintergrund hätte intensiver sein können", sagt einer von ihnen. "Als Wachmacher sozusagen!"

Starkes Ensemble, schwache Texte

Die knautschige Kiez-Romantik mit Astra-Flasche, "Moin" und Filterkaffee zum Morgen, sie wird selbst zu einem Marketing-Gag. Der raue Charme von Schanze & Co., er wirkt wie aufgepinselt. Da steckt auch ein kleiner Verrat drin: Man knuddelt sie etwas herablassend, die drolligen Kiez-Größen, die gerade um ihre Existenz kämpfen. Das starke Ensemble um Eva Löbau, Andreas Schröders und Daniel Hoevels - es kann in die schwachen Texte nicht richtig eintauchen.

Das Aschenputtel Hans fällt zurück in den Kamin. Das böse "aufgepimpte" Hamburg, es lässt Hans fallen. Auch, wenn die Realität längst so schlimm ist. Gut gebrüllt, Löwe! Aber bitte mit mehr Biss. Und anderem Text.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 10.08.2018 | 19:00 Uhr

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