Stand: 18.06.2020 11:39 Uhr  - NDR Kultur

Coronavirus: Was machen die Chöre im Norden?

von Marcus Stäbler

Weil sich das Coronavirus möglicherweise gerade beim gemeinsamen Singen besonders schnell verbreiten kann, waren Chorproben und -konzerte über Wochen komplett verboten. Mittlerweile sind die Vorschriften in einigen Bundesländern etwas gelockert worden. Die Chöre im Norden gehen mit der Situation unterschiedlich um.

Die Leiterin des Madrigalchores Kiel Friederike Woebcken im Porträt. © Ute Boeters Foto: Ute Boeters
Friederike Woebcken ist die Leiterin des Madrigalchores Kiel.

Mit Klängen von Vaughan-Williams wollte der Madrigalchor Kiel eigentlich seinen Geburtstag feiern: Die Shakespeare-Songs von Ralph Vaughan-Williams standen auf dem Programm der Konzerte zum 30-jährigen Bestehen, in Eutin und Bordesholm. "Wir waren gerade auf der Zielgeraden für unsere Jubiläumskonzerte Ende März", sagt die Chorleiterin Friederike Woebcken. Aber dann hat das Coronavirus dem Madrigalchor Kiel einen Strich durch die Rechnung gemacht - nicht nur für das Geburtstagsprogramm: "Im Mai sollte Beethoven gesungen werden, zusammen mit unserem Kieler Generalmusikdirektor, im Juni sollte eine kleine Konzertreise nach Münster statt finden, im Juli unser Sommerkonzert ..." - doch all das musste Friederike Woebcken Corona-bedingt absagen.

Der Madrigalchor Kiel schweigt seit März: "Wir machen gar nichts. Wir machen auch keine Online-Proben, was ja andere Ensembles in bewundernswertem Fleiß praktizieren", sagt Woebcken. Das Chorleben beim Madrigalchor wird derzeit nur durch Einzelstimmbildung und den Kontakt über soziale Netzwerke aufrecht erhalten - eins von vielen Beispielen dafür, wie schwer es viele Chöre zurzeit haben, gerade in Schleswig-Holstein, wo das gemeinsame Singen in geschlossenen Räumen noch komplett untersagt ist, um das Risiko einer Infektion mit dem Corona-Virus zu vermeiden.

Unterschiedliche Situationen für die Chöre im Norden

Andreas Felber © Andreas Felber/Musikhochschule Hannover
Einen "emotionalen Moment" hat Andreas Felber bei der ersten gemeinsamen Probe mit zumindest vier Sängerinnen des Mädchenchores Hannover erlebt.

In Niedersachsen ist seit Ende Mai immerhin Kleingruppenunterricht mit maximal vier Sängerinnen und Sängern im Raum erlaubt. Eine große Erleichterung, auch für den Mädchenchor Hannover und seinen Leiter Andreas Felber: "Ja, das war ein sehr emotionaler Moment", gesteht er. Nachdem er die jungen Sängerinnen über Wochen nur online unterrichten durfte, hat er die reale Begegnung mit den Mädchen und dem Klang sehr genossen: "Das war schon ein richtig schönes Gefühl, endlich wieder Stimmen zu hören, gemeinsam! Wir hoffen auch, dass es bald möglich wird, draußen zu proben, das wäre eine weitere Option."

Chorsingen: Was ist wo erlaubt?

Die Regelungen zum Singen in Gruppen sind in den jeweiligen Landesverordnungen der Bundesländer festgehalten und werden regelmäßig angepasst. Hier geht's zu den jeweiligen Verordnungen:

Diese Option gibt es in Hamburg schon. Und dank des frühsommerlichen Wetters haben einige Chöre ihre Proben mittlerweile tatsächlich an die frische Luft verlegt. Einer der ersten war der Popchor Monday, Monday. Am 27. Mai ist in Hamburg die aktuelle Rechtsverordnung in Kraft getreten, die das Singen in Chören mit Sicherheitsabstand erlaubt - darauf hat die Chorleiterin Sörin Bergmann sofort reagiert: "Da habe ich meinen Chor ganz schnell angeschrieben und habe gesagt: Wir dürfen morgen raus - Hausmeister, Schulleitung, alle haben zugestimmt - und dann haben wir das einfach ausprobiert."

Chorprobe auf dem Schulhof

Ein Chor probt während der Corona-Krise im Freien auf einem Schulhof. © NDR Foto: Marcus Stäbler
Der Popchor Monday, Monday probt auf einem Schulhof in Hamburg-Wandsbek - und freut sich über die erstaunlich gute Akustik.

Seitdem probt der Popchor Monday, Monday mit rund 40 Sängerinnen und Sängern auf einem Schulhof in Hamburg-Wandsbek - und die Akustik ist erstaunlich gut, wenn gerade kein Zug vorbei rauscht. Das war auch gestern Abend zu erleben. Die hohen Wände der Gebäude reflektieren den Sound der Stimmen, "... so dass das tatsächlich auch nach Chor klingt. Es ist also nicht so, dass alles in die Luft pufft", freut sich Sörin Bergmann.

Wie gut es sich anfühlt, endlich wieder gemeinsam zu singen und zu grooven, ist den Mitgliedern von Monday, Monday deutlich anzumerken. "Ja, das ist total schön, dass wir wieder zusammen kommen können", saft eine der Sängerinnen. "Wenn man alleine zu Hause sitzt und seinen Bildschirm ansingt, ist das zwar auch ein gutes Training, weil man sich richtig gut selbst hört - aber es bringt lange nicht so viel Spaß und natürlich auch gar nicht dieses harmonische Verständnis, was man im Chor ja braucht."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 18.06.2020 | 16:20 Uhr

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