Aeroslo bei Bläsern © Bayerischer Rundfunk

Studie: Blasinstrumente stoßen Aerosole unterschiedlich aus

Stand: 25.11.2020 11:57 Uhr

Wie groß muss der Sicherheitsabstand bei Blasinstrumenten sein? Eine zentrale Frage für viele Orchester und Ensembles in Corona-Zeiten. Eine neue Studie bringt überraschende Erkenntnisse.

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Matthias Echternach, Professor am LMU Klinikum in München, hat zum Thema "Sicherheitsabstand bei Blasinstrumenten" in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Erlangen und mit Musikerinnen und Musikern aus dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks eine wissenschaftliche Untersuchung durchgeführt.  Die Ergebnisse sollen demnächst als Studie veröffentlicht werden. Bei NDR Kultur hat Matthias Echternach die ersten Ergebnisse vorgestellt.

NDR Kultur: Nach ihrer viel beachteten Studie zur Verbreitung von Aerosolen beim Chorsingen haben Sie eine Versuchsreihe zu Blasinstrumenten durchgeführt. Können Sie kurz schildern, was dieser Versuch beinhaltet?

Matthias Echternach: Wir haben uns angeschaut, wie durch das Instrumentenspielen die Abstrahlung von den ganz kleinen Partikeln, den Aerosolen, vonstattengeht, haben aber auch gemessen, wie sich größere Partikel im Raum verbreiten könnten. Hierzu haben wir in einem Fernsehstudio des Bayerischen Rundfunks zusammen mit der Universitätsklinik Erlangen Versuche durchgeführt, bei denen wir die E-Zigaretten-Basissubstanz haben inhalieren lassen. Wir haben dann die Probanden "Freude, schöner Götterfunken" spielen lassen und haben gemessen, wie diese Wolken, die das Instrument oder den Mund verlassen haben, sich am Probanden selbst ausbreiten, und welche Abstände und Dynamiken die im Raum einnehmen.

Mit welchen Instrumenten haben Sie das gemacht?

Echternach: Stellvertretend für die Blechbläser haben wir drei Trompeten genommen, haben dann für die Holzbläser die Klarinetten genommen, weil die im Bereich des Mundstücks wahrscheinlich noch eine andere Abstrahlung haben als Oboisten, die ja sehr dicht am Mundstück sind. Und haben dann noch die Querflöten untersucht.

Aeroslo bei Bläsern © Bayerischer Rundfunk
Wie breiten sich Luftströme bei der Klarinette aus? Die Studie bringt Aufschluss.

Was ist bei diesen Versuchen herausgekommen?

Echternach: Was die Trompeten angeht, war es so, dass die Tröpfchen, die in das Instrument reingeblasen wurden - und das haben wir auch mit Laserschnitt nachweisen können - das Instrument nicht verlassen haben. Das bedeutet, das Instrument war ein Schutzmechanismus gegenüber der Tröpfchenabstrahlung. Das Gas war zudem deutlich lichter, wenn es den Trichter verlassen hat. Und diese Rauchwolken haben beim Blechblasen keine Dynamik mehr gehabt, sie sind gar nicht weit in den Raum reingeflogen. Wir haben Distanzen, inklusive des Instrumentenabstands, von weniger als eineinhalb Metern nach vorne gemessen, und das Gute für die Instrumentalisten: zur Seite hin haben wir noch viel weniger gefunden.

Das war jetzt das Ergebnis bei der Trompete. Bei Klarinette und Flöte sah es wahrscheinlich anders aus, weil die Instrumente auch anders gebaut sind.

Echternach: Da sah es ganz anders aus. Bei der Klarinette war das Verhalten am Trichter sehr ähnlich wie das bei den Blechbläsern, da ist auch kaum noch etwas entstanden. Aber Klarinetten haben - dadurch, dass es ein Ein-Rohrblatt-Instrument ist - am Mund auch eine Abstrahlcharakteristik gehabt. Und diese Wolke war schneller als die am Trichter. Auch hier hatten wir Abstände wie bei den Blechblasinstrumenten. Das einzig gravierende Instrument war bei uns die Querflöte. Hier sind drei Wolken entstanden: Eine Wolke, die am Instrumentenende war, die hat sich nicht sehr stark verteilt, eine die nach oben ging, und eine gewaltige Wolke, die nach unten und nach vorne ging. Und hier haben alle drei Querflötisten Weiten von zwei Metern erreicht. 

Gibt es Überlegungen dazu, ob das bei anderen Instrumenten auch noch so sein könnte, also beispielsweise bei der Blockflöte, die ja in keine der drei Gruppen so richtig reinpasst?

Das ist genau das Manko unserer Studie gewesen: Im Nachhinein betrachtet, hätten wir die Blockflöte unbedingt integrieren müssen und werden das wahrscheinlich in Folgestudien auch machen, weil es natürlich das Hauptinstrument in der musikalischen Früherziehung ist. Und das bedeutet, dass Kindermusizieren dadurch gehemmt sein könnte, wenn diese Wolkenausbreitung größer wäre. Ich würde auch erwarten, dass wir bei der Blockflöte eine größere Dynamik finden als bei den Blechblasinstrumenten. Allerdings glaube ich, dass sie nicht so stark sein wird wie bei der Querflöte, weil die Luftbrechung bei der Tonerzeugung doch gewaltig ist und dieser Strom, der Jet, der dort entsteht, doch größere Weiten vermuten lässt.

Unterm Strich, wenn Sie aus diesen Untersuchungsergebnissen eine Risikoeinschätzung beziehungsweise eine Handlungsempfehlung für Orchester geben würden - wie sähe die konkret aus?

Von uns aus sind fast alle Instrumente mit einem Sicherheitsabstand von zwei Metern und eineinhalb Metern zur Seite als relativ sicher zu erachten - insofern man eine Durchlüftung im Raum hat. Das muss gegeben sein. Wir haben als einziges Instrument, das einen größeren Radius braucht, die Querflöte. Drei Meter nach vorne, zwei zur Seite. Zusätzlich muss man bei Orchestern darauf achten, dass die Querflöten nicht hoch stehen. Denn die Abstrahlcharakteristik nach unten vorne würde dann auf einmal meine Nachbarn auf einmal doch sehr stark erreichen. Ich glaube, insgesamt sind die Instrumente, die wir gemessen haben, im Bereich der Trompete und Klarinette, wahrscheinlich relativ sicher – und schützen eher das Umfeld als dass sie sehr viel dazu beitragen, Infektionen zu übertragen.

Das Gespräch führte Marcus Stäbler.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 25.11.2020 | 06:40 Uhr

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