Mann sitzt am Klavier, auf dem ein Laptop mit Videokonferenz steht © picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow

Studie: Starke Schäden durch Pandemie in der Chorlandschaft

Stand: 30.04.2021 16:23 Uhr

Einer Studie der Universität Eichstätt-Ingolstadt zufolge leidet die Chorlandschaft unter der Corona-Pandemie besorgniserregend - vor allem im Bereich der Kinder- und Jugendchöre.

von Marcus Stäbler

Seit über einem Jahr finden fast keine Konzerte statt - zumindest nicht mit Publikum vor Ort. Ebenso gibt es keine echte Begegnung, nur Online-Proben am Bildschirm. So sieht der Alltag für die meisten Laienchöre aus. Das führt viele Ensembles in eine existenzielle Krise. Welche Folgen die Pandemie für die deutsche Chorlandschaft hat, damit hat sich eine Studie der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt beschäftigt, die nun erste Ergebnisse veröffentlicht.

Prof. Kathrin Schlemmer hat zusammen mit zwei Chorleitern und dem Stuttgarter Carus-Verlag als Co-Autoren den Fragenkatalog für die Chöre erarbeitet. Sie beschreibt die Studie: "Wir haben die Situation der Chöre in der Pandemie-Situation untersucht, und zwar bezogen auf das, was Chöre normalerweise machen. Also auf die Probensituation, auf die Konzertsituation, auf die Frage, wieviel Mitglieder eigentlich gerade da sind, wie es denen geht, und ein bisschen auch Zukunftsaussichten dieser Chöre."

Chor-Studie mit rund 4.400 Chören aus Deutschland, Österreich und der Schweiz

Rund 4.400 Chöre von ganz unterschiedlicher Größe und Stilrichtung aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sich an der Erhebung beteiligt, die anonym durchgeführt wurde. Die Ergebnisse der Studie sind eindeutig, wie Kathrin Schlemmer erklärt: "Wir können sagen, dass aktuell tatsächlich deutlich weniger Mitglieder aktiv sind als normalerweise. Nur ein Drittel der Chöre sind gerade in ihrer vollen Stärke aktiv. Ein weiteres Drittel ist leicht reduziert und das letzte Drittel hat erhebliche Verluste zu verzeichnen. Sechs Prozent der Chöre sind momentan überhaupt nicht aktiv.

Besonders dramatisch sei die Situation bei den Kinder- und Jugendchören, so Schlemmer: "Hier sind zwölf Prozent momentan nicht aktiv. Ob das jetzt alles Chöre sind, die dann 'gestorben' sind, wissen wir nicht. Aber es ist auf jeden Fall eine starke Reduktion und man weiß natürlich noch nicht, ob die alle reaktivierbar sind."

Corona-Pandemie hinterlässt starke Schäden in der Chorlandschaft

Auch wenn die Studie der Universität Eichstätt-Ingolstadt bei weitem nicht alle Chöre erfasst, so vermittelt sie doch einen Eindruck von der aktuellen Situation der Chorlandschaft, die alleine in Deutschland derzeit etwa vier Millionen aktive Sängerinnen und Sänger umfasst.

Die systematische Untersuchung von Schlemmer und ihrem Team bestätigt den Eindruck, dass die Corona-Pandemie und ihre Folgen starke Schäden hinterlassen: "Im Prinzip hat sich überall dieses Gefühl, was man vorher schon von einzelnen Chorsängern oder Chorleitern gehört hat, bestätigt: Dass es eine sehr schwierige Situation ist und dass viele sehr unter der Situation leiden. Wir haben gefragt: Worunter leiden Sie momentan am meisten? Und da kamen zum Teil Sachen wie: Das fehlende Gemeinschaftsgefühl. Aber ganz viele haben auch einfach geschrieben: Dass wir nicht singen dürfen! Singen ist für diese Menschen der eine Moment in der Woche, der sie aus dem Alltag heraushebt, der sie glücklich macht. Und das fehlt jetzt eben."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 30.04.2021 | 08:15 Uhr

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