Stand: 25.01.2018 17:11 Uhr

"All Melody": Nils Frahm und der perfekte Klang

All Melody
von Nils Frahm 
Vorgestellt von Mischa Kreiskott
Nils Frahm wurde 1982 in Hamburg geboren. Heut lebt und arbeitet er in Berlin.

Es war vor zehn Jahren: Ein junger Musiker, der sich eigentlich mit vertrackter elektronischer Musik beschäftigt, nimmt ein Soloklavieralbum auf - ein Weihnachtsgeschenk für seine Eltern in Hamburg-Bergedorf. Nils Frahms Minialbum "Wintermusik" ist so entstanden. Es wurde nicht nur bei den Eltern ein Riesenerfolg und hat Nils Frahm zu einem der Pioniere eines Stils gemacht, den viele inzwischen unter die Überschrift Neo Classical setzen. Gerade bricht Nils Frahm auf zu einer dreijährigen Welttournee, viele der Konzerte sind längst ausverkauft. Nun erscheint sein neues Album "All Melody" - es ist an einem geschichtsträchtigen Ort in Berlin entstanden - einem Funkhaus an der Nalepastraße, dem alten Funkhaus des DDR-Radios.

Nils Frahm: All Melody (CD Cover) © Erased Tapes

CD der Woche: "All Melody" von Nils Frahm

NDR Kultur - Neue CDs -

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Auf der anderen Spreeseite gucken die rostigen Fahrgeschäfte des ehemaligen Kulturparks Plänterwald aus dem Nebel. Der Eingang in den alten Studiokomplex des Funkhauses liegt inzwischen auf der Rückseite. Es geht 500 Meter durch den Morast - ein Abenteuer. So mag man das in Berlin. Innen der Kontrast: Geschwungene endlose Gänge, tiefrote Treppenaufleger und filigrane Geländer dominieren das Bild. Ist es die Kulisse eines 50er-Jahre-Films? Nein, das hier ist echt.

Ein Mekka für Innovationen

"Hier im Saal 3, wo wir jetzt gerade stehen, wurde hauptsächlich Kammermusik aufgezeichnet. Der Raum hat ungefähr eine Grundfläche von 140 Quadratmetern, ist sechs bis siebeneinhalb Meter hoch, die Decke ist schräg, das heißt, das ist ein trapezförmiger Raum, dadurch hast du eine schöne, gleichmäßige Verteilung der Reflexion", erklärt Nils Frahm. Der Musiker arbeitet in einem Studio, das man weltweit bestaunt. Seit ein Berliner Immobilieninvestor das Funkhaus Berlin bespielen lässt, ist das abgelegene Areal zu einem Mekka für neue Entwürfe klassischer und elektronischer Musik geworden.

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Nils Frahm hat bereits mit anderen Künstlern wie Ólafur Arnalds oder Woodkid zusammengearbeitet.

Hunderte pilgern jede Woche in die riesigen, holzvertäfelten Sendesäle. "Eigentlich war dieser ganze Komplex so ein Prototyp in Sachen Studiobau. Man sieht hier quasi einen Aufnahmeraum und dann durch Scheiben getrennt den Regieraum. So macht man das heute immer noch, aber in den 50er-Jahren war das ganz neu."

Nils Frahms "All Melody" ist ein Album über diese Studios, ein Album über die Suche nach dem perfekten Klang, ein Album über Musik als Raumereignis an sich: "Und hier hast du wirklich einen total ausgewogenen Hall. Hier kann ich jedes Signal reinschicken, ohne dass was Überraschendes passiert. Denn kein Ton klingt besonders laut oder leiser als der andere. Jeder Ton ist gleichmäßig verhallt. Das ist wirklich das Schönste, was ich je gehört habe, also als Hall." Viele Musiker produzieren ihre Alben heute mit dem Laptop auf den Knien. Optimiert für die datenreduzierten Audioformate der Streamingdienste. Nils Frahm nutzt eine historische Hallkammer, baut neue Klaviertypen, lässt überdimensionale Orgelpfeifen ultra nah aufnehmen. Mit Marimba, Streichern oder Stimmen mischt er sie zu völlig unerwarteten Instrumentationen. "Und wenn man erst mal so denkt, dann kann man wirklich so ein bisschen in die Haut des Klangs schlüpfen und sich vorstellen, was dann passiert - ich finde das wirklich sehr, sehr schön."

Goldene Chorpassagen und schattige Kammermusikinstallationen

Weitere Informationen
NDR Kultur

Radiopremiere: Nils Frahm - All Melody

23.01.2018 22:35 Uhr
NDR Kultur

Nils Frahm hat sein neues Album "All Melody" in den legendären Studios des Berliner Funkhauses aufgenommen. Die Radiopremiere der ersten Albumtracks gibt es bei uns! mehr

Schnell wird man hypnotisiert von diesem Zugriff. Sieht, wie die tanzenden Luft-Moleküle sich vor dem inneren Auge zu einer perfekt gestalteten Klang-Skulptur auftürmen, mit dem Bass als Fundament, den langsam wogenden Mitteltönen und dem Flirren der hohen Luftströme und Nebengeräusche als Farbverlauf zu den Außengrenzen. Nicht, was hier kompositorisch passiert steht im Vordergrund, sondern wie es umgesetzt wird. Nils Frahm zieht uns auf "All Melody" durch goldene Chorpassagen und schattige Kammermusikinstallationen in seine typischen grazilen Klavierminiaturen. Und schließlich geht es auch, man merkt es erst kaum, in wuchtigere Gebäude, Beats drücken von unten, elektronische Clubmusik, die gibt es ja auch noch. Gerade dieses Reisen durch kontrastierende Stimmungen gibt "All Melody" manchmal fast etwas Symphonisches. Und tauchen da nicht einzelne Motive immer wieder auf? Achtung: "Thematische Geschlossenheit!" Aber ach, die Frage, ob das nun eine quasi- oder neo-klassische Musik ist, die hier entsteht, wird zwar immer wieder gestellt, ist aber nicht ohne Grund unbeliebt. Stellt sie doch Nils Frahm und die anderen Protagonisten dieser Szene in eine enge Nische, aus der es kein Entkommen gibt.

Was man erlebt mit "All Melody", ist Musik, die sich anschmiegt, die zugänglich ist, zum Eintauchen einlädt und dabei doch so viel Tiefe hat, dass sie sich nicht zu schnell abnutzt. "All Melody", das sind fast 80 Minuten handwerklich präzise ausgearbeitete Studien über den guten Klang. Geschaffen für geschundene Seelen, die Abstand suchen von zu vielen Informationen, zu hoher Geschwindigkeit und der quälenden Unübersichtlichkeit unserer Zeit.

All Melody

Label:
Erased Tapes
Veröffentlichungsdatum:
26. Januar 2018

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 26.01.2018 | 06:40 Uhr

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