Stand: 13.09.2019 17:23 Uhr  - NDR Kultur

Gendergerechte Sprache? Pro!

von Anne Wizorek

Geschlechtliche Vielfalt durch Gendersternchen und Gender Gap

Sprache legt nicht zwingend fest, was wir wahrnehmen, aber: Sie lenkt uns in eine bestimmte Richtung. Das generische Maskulinum ist insofern eindeutig parteiisch und lässt andere Geschlechter abseits des Männlichen außen vor, statt wirklich für sie stehen oder gar sprechen zu können.

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Hier kommen deshalb Vorschläge wie das Gendersternchen und der Gender Gap ins Spiel. Sie sind zwar nicht die einzigen, aber derzeit die bekanntesten Varianten, um die deutsche Sprache einen Tick gerechter zu gestalten. Beide dienen innerhalb eines Wortes als Platzhalter für die tatsächliche geschlechtliche Vielfalt unserer Gesellschaft - einmal in Form eines Sternchens und einmal als Unterstrich. Menschen, die sich nicht in die binären Geschlechterkategorien Mann/Frau einordnen können oder wollen, sollen so sichtbarer gemacht werden. Wo das generische Maskulinum zum Beispiel von "Lesern" spricht, heißt es nun "Leser_innen". Der Unterstrich oder das Sternchen werden also meistens dort eingefügt, wo die weibliche Endung im Wort anfängt. In der Aussprache wird das durch eine kurze Pause markiert. So werden innerhalb eines Wortes ganz einfach männlich, nicht-binär und weiblich untergebracht.

Natürlich ist nicht jeder Wunsch nach Sichtbarkeit auch mit sprachlichen Mitteln machbar. Wenn wir aber anerkennen, dass Sprache niemals alle Teilaspekte unserer jeweiligen Identitäten abbilden kann, ist das trotzdem kein Argument, weiter nur Männer anzusprechen und unsere Welt in Männern zu denken. Unsere Wirklichkeit sieht schlicht anders aus, und es macht etwas mit uns, wenn sie ständig auf diese Weise verzerrt wird.

Eigene Abwehrhaltung hinterfragen

Dass es aber neben Männern und Frauen auch andere Geschlechter gibt, ist so, seit es Menschen gibt. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass es hierbei nicht um einen Trend geht, sondern um menschliche Realität. Die Diskussion über eine geschlechtergerechtere Sprache stößt an, darüber nachzudenken, wie insbesondere Frauen und nicht-binäre Menschen ausgeschlossen und sogar diskriminiert werden. Über Sprache wird letztlich auch Macht ausgeübt, und dass die Gemüter dabei meistens so hochkochen, ist deshalb leider kein Wunder.

Mit Hilfe von Sprache drücken wir jeden Tag aus, was wir denken, was wir wollen, wer wir sind. Sprache ist unser wichtigstes Werkzeug und unzertrennlich mit unserer Identität verknüpft. Je älter wir werden, desto schwerer fällt es uns, uns neuen sprachlichen Vorschlägen zu öffnen, da wir uns so auch in unserer Identität angegriffen fühlen. Diese Abwehrhaltung gilt es zu hinterfragen. Ich selbst kann mich noch gut an meine erste Begegnung mit dem Gender Gap erinnern und wie übertrieben ich diesen fand. Im zweiten Schritt überlegte ich dann aber, wieso mich die Sichtbarkeit von mehr als zwei Geschlechtern so anfasste.

Der Blick aufs große Ganze

Geschlechtergerechtere Sprache ist freilich kein Zauberspruch, der die Welt in ein Gleichstellungsparadies verwandelt. Genauso wenig, wie uns das Frauenwahlrecht vor 100 Jahren automatisch in den Zustand einer geschlechtergerechten Gesellschaft versetzt hat - oder unsere erste Bundeskanzlerin vor 14 Jahren. Zusammengenommen bringen uns diese Schritte aber weiter, um schließlich eine Gesellschaft möglicher zu machen, in der niemand mehr aufgrund des Geschlechts diskriminiert wird.

Dabei dürfen wir bestehende Probleme nicht gegeneinander ausspielen, sondern können uns genauso gegen die schlechte Bezahlung in sozialen Berufen einsetzen wie gegen sexualisierte Gewalt, Altersarmut oder eben diskriminierende Sprache. Zumal diese Probleme mit dem Blick aufs große Ganze alle miteinander verwoben sind.

Gegen die Brutalisierung der Sprache

Während es bei den einen aber nur darum geht, den eigenen Blick auf unsere Gesellschaft zu erweitern und das Bewusstsein für Diskriminierungen zu schärfen, dürfen wir nicht unterschätzen, dass die anderen falsche Behauptungen durchaus mit Absicht verbreiten. Das wird deutlich, wenn wir uns anschauen, wie AfD-Politiker_innen mit dem Begriff Gender umgehen, wie sie Sprache brutalisieren und einsetzen, um zum Beispiel gegen Trans-Personen zu hetzen. Diese Anti-Gender-Rhetorik spielt außerdem eine zentrale Rolle dabei, rechte Denkweisen auch in der gesellschaftlichen Mitte salonfähig zu machen. Es geht dabei um einen Angriff auf Geschlechtergerechtigkeit an sich und ist entsprechend ernst zu nehmen. Denn wo sich Sprache radikalisiert, radikalisieren sich auch Gedanken - und schließlich Handlungen.

Wir haben es selber in der Hand

Wir müssen uns fragen: Wollen wir weiter diskriminierende oder verletzende Sprache verwenden? Oder wollen wir etwas daran ändern? Überlassen wir die Debatte jenen, die Sprache ausschließlich als Waffe verstehen und starre Sprachvorschriften machen? Oder nehmen wir Sprache als eine lebendige Handlungsform an und finden vielleicht sogar sprichwörtliche Spielräume in ihr?

Am Ende ist eben alles komplexer als ein Sternchen oder ein Unterstrich. Wir müssen uns der Macht von Sprache bewusst sein und sie verantwortungsvoll benutzen. Dabei werden immer noch Fehler passieren, die schließlich menschlich sind. Doch wir haben es selber in der Hand. Denn das einzig Konstante an Sprache ist, dass sie nun mal nicht konstant ist - sondern sich immer wieder wandelt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 15.09.2019 | 19:05 Uhr

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