Hörspiel

Anita und das Existenzminimum und Die Sprechanlage

Mittwoch, 25. November 2020, 20:00 bis 21:25 Uhr

Heinrich Böll © dpa Foto: Hemann
Heinrich Böll war ein großer Literat und ein nicht minder vielseitiger Hörspielautor. Zwei Stücke aus seiner Feder: eine Groteske über die Gutherzigkeit und ein Kurzdrama durch eine Gegensprechanlage.

Zwei Hörspiele von Heinrich Böll

Eine Frau streichelt ein Schaf. © zettberlin / photocase.de Foto: zettberlin
Die Frau eines Schullehrers hat einen einzigen, aber folgenreichen Fehler: Sie kann nicht Nein sagen. Eine Hörspielgroteske über die Gutherzigkeit von Heinrich Böll.

Heinrich Böll zeigt in seinem Hörspiel "Anita und das Existenzminimum", wohin man kommen kann, wenn man die Goethesche Aufforderung "Sei edel, hilfreich und gut" zu sehr beherzigt. Anita, die Frau eines Lehrers, hat einen unübersehbaren Fehler: Ihre fast pathologische Widerstandslosigkeit und grenzenlose Hilfsbereitschaft gegenüber Bettlern, Versicherungsvertretern und sonstigen Bittstellern bringt die geordneten Familienverhältnisse in ein solch heilloses Durcheinander, dass ihr Mann sich in ein abenteuerliches Doppelleben einlassen muss, um das Ärgste zu vermeiden. Denn sein Gehalt ist amtlicherseits bis auf ein Existenzminimum gepfändet worden. Die Gegenmaßnahmen wären sicherlich ganz einfach, wenn Anita nicht all ihre Guttaten mit einer entwaffnenden Sanftmut zu rechtfertigen wüsste. Heinrich Böll zeigte in diesem Stück seinen fast schon clownesquen Humor, eine echte Groteske über die Gutherzigkeit.

Eingangsbereich mit Gegensprechanlage. © smeisinger / photocase.de Foto: smeisinger
Manchmal kommen Stimmen ganz von fern, wie durch die Sprechanlage eines Hauses, und erschrecken uns bis in die Tiefen des Gewissens. Ein Kurzhörspiel von Heinrich Böll.

In seinem selten gespielten Einakter "Die Sprechanlage" hingegen sezierte er die Ängste und das "schlechte Gewissen" im Nachkriegsdeutschland: An der Sprechanlage von Rehbach meldet sich plötzlich eine Stimme, die sich als die eines Freundes vor siebzehn Jahren zu erkennen gibt. Es ist Köhler, mit dem Rehbach, ein gewisser Georg und eine Frau namens Helene sich in Osbergen versteckt hielten. Warum? Es wird nicht ausgesprochen. Oben wird Rehbach beim Briefmarkensammeln mit seinem Sohn aufgeschreckt, als käme diese Stimme aus der Tiefe seines Gewissens. Was war damals? Wir erfahren es nicht genau. Nur, dass der "Freund" unten nicht gesehen werden, auch nicht hochkommen will. Er verlangt, da er Geld braucht, dass man es ihm hinunterwirft. Wie so oft bei Böll entsteht ein bedrückendes Bild der Nachkriegsgesellschaft, die mit ihrem Wohlstand versucht, die Erinnerung zu tilgen. Nur einigen gelingt es nicht, die wie Gespenster durch die '"heile Welt" umherirren. Die Zerstörungen des Krieges bleiben an ihnen sichtbar, trotz des Wiederaufbaus.

Anita und das Existenzminimum
Mit Bruni Löbel, Max Walter Sieg, Kurt Lieck, Inge Meysel, Josef Dahmen, Andreas von der Meden, Margret Hinck, Marion Richter, Volker Lechtenbrink und Hans-Axel Kroft
Komposition: Bernd Scholz
Regie: Fritz Schröder-Jahn
Produktion: NWDR 1955 l 58 min.

sowie

Die Sprechanlage
Mit Wolfgang Büttner, Hannes Messemer, Robert Köhler, Sigrid Hausmann und Helmar Voss
Regie: Fritz Schröder-Jahn
Produktion: NDR/SWF 1962 l 19 min.
Redaktion: Michael Becker

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