Stand: 22.05.2020 16:33 Uhr  - NDR Kultur

Documenta 15: Lumbung, Mufakat und Karaoke in Kassel

2022 wird die 15. Ausgabe der documenta in Kassel stattfinden. Es gehört fast zur Tradition, dass um die weltweit bedeutendste Schau für Gegenwartskunst im Vorfeld eher mit gewisser Attitüde geschwiegen als über sie geredet wird. Konzeptrichtungen oder gar Künstler-Listen sind ein großes Geheimnis. Das Kunstmagazin "art" hat es geschafft, mit einem Mitglied aus dem Kuratoren-Team der kommenden documenta, dem indonesischen Künstlerkollektiv ruangrupa zu sprechen. Ein Interview mit dem Chefreakteur von "art", Tim Sommer.

Herr Sommer, warum wird eigentlich vor jeder documenta ein so großes Geheimnis um die Planungen gemacht? Warum hat sich das bis jetzt nicht geändert?

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Tim Sommer ist Chefreakteur des Kunstmagazins "art".

Tim Sommer: Das ist ein einfacher Schutzmechanismus. Das muss man sich vorstellen wie einen Probenprozess beim Theater: Es geht darum, Vorverurteilungen zu verhindern und kreative Prozesse abzuschirmen. Hinter dieser Kulisse findet ein sehr komplizierter Prozess statt mit Fragen wie: Wer ist drin, wer ist nicht drin, welche Projekte bekommen welche Ressourcen, wer kommt an die zentralen Plätze und wer an den Rand? Natürlich setzt man bei der Premiere auf den Überraschungseffekt, wenn alle das Programm möglichst unvoreingenommen zum ersten Mal sehen.

Ein bisschen verraten hat Mirwan Andan, Mitglied der künstlerischen Leitung der documenta 15. Wie haben Sie ihn getroffen, was war das für eine Situation?

Sommer: Das war gar nicht ich selbst, sondern meine Kollegin Ute Thon. Sie hatte die Gelegenheit, Mirwan Andan bei der Berlinale Ende Februar zu treffen. Es gab ein Kolloquium zum Thema "Kollektives arbeiten", Mirwan Andan war zu Gast und hat das Publikum sehr verblüfft, weil er das Rednerpult und die Stuhlreihen hat wegräumen lassen. Stattdessen gab es eine Sitzlandschaft mit Sitzsäcken. Damit hat er gleich ein zentrales Prinzip dieses Kuratorenkollektivs illustriert: dass ruangrupa nicht von oben herab dekretiert, sondern alles möglichst im Gespräch entwickeln will.

Sich im Kollektiv fühlen - das ist bei ruangrupa wichtig. Der Arbeitstitel für die documenta wurde auch schon genannt: "Lumbung". Was verbirgt sich dahinter?

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Im Fokus des kuratorischen Ansatzes von ruangrupa für die documenta 15 stehen Grundsätze von Kollektivität, Ressourcenaufbau und gerechter Verteilung.

Sommer: Das ist immer so, dass man sich vor jeder documenta ein paar Vokabeln einprägen muss. Bei ruangrupa ist es "Lumbung" - das ist das indonesische Wort für "Reisscheune". Dahinter verbirgt sich das Prinzip, dass im indonesischen Dorf der Bauer seine Reisernte nicht nach Hause bringt, sondern dass sie an einem zentralen Ort gelagert wird, in dieser Reisscheune. Und aus dieser Reisscheune kann sich dann jedes Dorfmitglied seinen Reis nehmen. Da das mit Verhandlungen verbunden ist, gibt es auch eine zweite Vokabel: "mufakat". "Mufakat" heißt im Indonesischen, dass jeder etwas vorschlagen kann - und dann wird so lange diskutiert, bis sich alle einig sind. Es gibt auch noch eine dritte Vokabel, die wahrscheinlich jeder kennt, aber noch nie im Zusammenhang mit der documenta gebracht hat: "Karaoke". Bei ruangrupa wird viel diskutiert, und dabei treten Konflikte auf. Die löst ruangrupa am liebsten durch gemeinsames Kochen und durch Karaoke. Also darf sich Kassel vermutlich auch auf Karaoke freuen.

Auch auf der letzten documenta legte Adam Szymczyk mit seinem Team größten Wert darauf, dass ein kreativer Lernprozess auf beiden Seiten - Athen und Kassel - stattfinden sollte. Kann man sagen, dass da insgesamt im Kultur- und im Kunstbetrieb so etwas wie ein Paradigmenwechsel stattfindet?

Sommer: Ob das am Ende wirklich ein Paradigmenwechsel wird, wird man sehen. Im Moment ist man in einer sehr interessanten, aber auch ein bisschen schizophrenen Situation, weil der Kunstbetrieb seit Jahrhunderten hierarchisch aufgebaut ist. Das ist sehr darwinistisch, denn viele treten an und nur wenige kommen durch. Auch wenn es an der Oberfläche immer um das Gute, Schöne und Brave geht, wird hinter den Kulissen um Aufmerksamkeit gerungen. Das Ganze findet statt in einer Zeit, in der man sich viel mehr als früher um Teilhabe bemüht, um den anderen ganz wahrzunehmen und ihn mit einzubeziehen. Das sind zwei Prinzipien, die im Moment gegeneinander antreten und verhandelt werden müssen. Es ist ein bisschen anstrengend, sich immer wieder darauf einzulassen, aber es ist auch wahnsinnig interessant, weil es eine größere Vielfalt bringt.

Kunst-Schauen, Künstler wollen aufmischen und provozieren. Das, was Sie über ruangrupa erzählen, klingt eher nach einer entspannten Yoga-Übung. Wird sich das noch ändern? Oder wird sich das vielleicht noch spezifizieren?

Sommer: Es ist wie im Sport: Die Wahrheit ist auf dem Platz. Ruangrupa wurde durch Corona etwas behindert - eigentlich wollten sie schon längst in Kassel sein und sich dort weiter vernetzen. Was sie dann daraus machen, wird man sehen. Die letzte documenta war auch auf Zusammenarbeit ausgelegt, ist aber letztendlich daran gescheitert, dass sich die Kuratoren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt haben und zu wenig mit den Künstlern. Am Ende ist die wichtigste Aufgabe von Kuratorinnen und Kuratoren, Künstler über sich selbst hinauswachsen zu lassen. Für jeden Künstler ist es eine einmalige Chance, bei der documenta aufzutreten, und man möchte da auch gut betreut werden. Ich bin gespannt, ob das mit diesem Prinzip hinhauen wird. Es wird ein aufregender Prozess für alle Beteiligten. Am Ende wird in Kassel wieder darum gerungen, wer vorn ist, wer die großen Plätze hat, wer die meisten Ressourcen bekommt und wer wahrgenommen wird.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

Mitglieder des Künstlerkollektivs ruangrupa © Gudskul / Jin Panji

Documenta 15: Lumbung, Mufakat und Karaoke in Kassel

NDR Kultur - Journal Gespräch -

2022 wird in Kassel die 15. Ausgabe der documenta stattfinden. Was plant das Kuratoren-Team ruangrupa? Ein Interview mit dem Chefreakteur des Kunstmagazins "art", Tim Sommer.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 22.05.2020 | 19:00 Uhr