Hilary Leichter: "Die Hauptsache" (Cover) © Arche

Hilary Leichter: "Die Hauptsache"

Stand: 18.02.2021 10:29 Uhr

Sich von Job zu Job hangeln, ohne jemals wirklich anzukommen: Das hat die amerikanische Autorin Hilary Leichter eine Zeit lang erlebt und in einem Roman verarbeitet.

von Juliane Bergmann

"Die Hauptsache" heißt ihr Debüt. Übersetzt von Gregor Runge ist es gerade auf Deutsch erschienen. In ihrem Roman erkundet Hilary Leichter das System des Kapitalismus und erfindet eine ganz eigene Welt.

Demütig und dankbar ist jeder noch so schräge Job gefälligst anzunehmen - das ist die Devise einer New Yorker Zeitarbeitsfirma, von der die Ich-Erzählerin ihre Aufträge erhält. Am längeren Hebel sitzen hier kühle, fesche, festangestellte Sachbearbeiterinnen, die es sich an ihren Schreibtischen bis in alle Ewigkeit bequem gemacht haben:

Die Anrufe kommen montags und freitags und flankieren die Woche mit flüchtigen Jobs. Mit der Mechanik eines Räderwerks, unermüdlicher als das Vergehen der Zeit, verleiht die Agentur mein Dasein. Leseprobe

Absurde Jobs statt echter Aufgaben

Gleich über das gesamte Dasein wird verfügt. Eben "Humankapital", das Unwort des Jahres 2004 wird hier ganz wörtlich genommen. Die Jobs der Protagonistin sind vor allem eins: absurd. Sie öffnet und schließt Türen in einem leeren Haus, sortiert Schuhe hin und zurück, mimt eine vom Aussterben bedrohte Seepocke in einer Küstenlandschaft. Schrille Komik: Als menschliche Schaufensterpuppe wird sie auf einem überdimensionalen Törtchen drapiert. Bekommt gesagt: "Und jetzt mach Dessert-Augen!"

Ohne fachliches Vorwissen springt sie ein für den Vorstandsvorsitzenden eines Großkonzerns.

Ich unterschreibe kryptische Dokumente, sitze in Telefonkonferenzen, staple und stemple Memos. Leseprobe

Die surreale Welt, die Hilary Leichter in ihrem dystopischen Debüt entwirft, ist gruselig: Es geht weniger um konkrete Berufe, vielmehr um Lückenfüllerei. Meist in Vertretungsjobs, in denen jemand ersetzt werden soll. Die Aufträge sind oft sinnlos, keiner jedoch beanstandet das. Ein System, das sich selbst erhält. Jeder macht mit.

Auch das Privatleben leidet

Die verbissene Hoffnung auf Erfolg hat das Denken beruflich und sogar privat vergiftet. In der Liebe machen alle nur "ihren Job", für eine Beziehung muss man "qualifiziert" sein. Business-Jargon und Effizienz-Denken in allen Lebensbereichen. Der Ton des Romans ist dabei angenehm schlicht und gleichzeitig kraftvoll.

Die einzige halbwegs sympathische Figur ist die Ich-Erzählerin. Bitter sind ihre verzweifelten Versuche zu gefallen, alles perfekt zu machen. Doch auch sie ist letztlich schon verkorkst. Für jede Lebenslage hat sie einen Freund: den ernsten zum Beispiel, den praktischen, den Flaneur, den für den Nervenkitzel, den Lebenscoach und ein Dutzend weitere. In Pro-und-Kontra-Listen sortiert sie ihre Männer:

Wer schnarcht zu oft, wer trinkt zu viel, wer heiratet mich irgendwann, wer schlägt mich irgendwann, wer wird irgendwann von seinen Katzen gefressen, wer hat die größte Wohnung, wer hat das löchrigste Herz. Leseprobe

Scharf beobachtete Situationen des realen Lebens

Als Vertretung auf einem Piratenschiff, als Assistentin eines Mörders, als Befehlsempfängerin, die Bomben aus einem Zeppelin abwirft: Oft gerät die Protagonistin in moralische Konflikte. Was wird sie tun? Wir fühlen mit, fiebern mit. Wählt sie Anstand, fliegt sie raus. Wählt sie Verrat, steigt sie auf.

So skurril die einzelnen Etappen dieser Arbeitsbiografie sich auch lesen - sie lassen sich dennoch ganz wunderbar übertragen auf vieles, das in den Büros dieser Welt schief läuft. Menschen, die miteinander konkurrieren, sich gegeneinander ausspielen und, sobald sie in einer Machtposition sind, nach unten treten. Ganz zu Schweigen vom Nonsens, den es manchmal zu erledigen gilt.

Zynische Witze machen den schweren Stoff erträglich

Die Parallelen zur Realwelt machen nachdenklich. Ein Glück: Der Schwere des Stoffs setzt die Autorin einen gewissen zynischen Witz entgegen.

"Lasst uns das hier friedlich über die Bühne bringen!" sagt der Assistent der Geschäftsführung mit ausgebreiteten Armen, in jeder Hand einen Dolch. Leseprobe

Antrieb für den Ritt durch diesen Kosmos der Fantasie-Jobs ist die Sehnsucht nach Beständigkeit, nach einer Festanstellung. Aber: Wo ihr Zuhause ist, wen sie liebt, was ihr eigentlich Spaß macht - all das vergisst die Hauptfigur in der wilden Schufterei - zumindest fast. "Die Hauptsache" ist eine kluge Parabel auf die moderne Arbeitswelt: originell, rasant, bildstark.

"Nimm's nicht persönlich", sagt sie. "Ist bloß ein Job!"
"Nichts ist persönlicher als das!" rufe ich. Leseprobe

Die Hauptsache

von Hilary Leichter, aus dem amerikanischen Englisch von Gregor Runge
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Arche
Bestellnummer:
978-3-7160-2795-0
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 19.02.2021 | 12:40 Uhr

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