Clarice Lispector: "Aber es wird regnen" (Cover) © Penguin

Clarice Lispector: "Aber es wird regnen"

Stand: 06.01.2021 16:58 Uhr

Clarice Lispecor war eine der wichtigsten Stimmen der modernen Literatur Brasiliens. Im Dezember wäre die Schriftstellerin einhundert Jahre alt geworden.

von Peter Helling

Die Autorin mit jüdisch-ukrainischen Wurzeln ist 1977 mit nur 57 Jahren gestorben. Die Erzählungen der geheimnisumwitterten Schriftstellerin erscheinen jetzt zum ersten Mal auf Deutsch, in zwei Bänden. Titel des zweiten Bandes: "Aber es wird regnen".

Wer mit Clarice Lispector auf die Reise geht, verirrt sich leicht. Die brasilianische Autorin schlägt ungewohnte Pfade ein. Ihre 44 Geschichten sind Labyrinthe, ganz wortwörtlich. In einer verläuft sich eine Frau in den unterirdischen Gängen des berühmten Maracanã-Stadions in Rio de Janeiro.

Erzählungen wie Labyrinthe

Ja, da begann der Kampf aufs Neue und noch schlimmer: Sie wollte unbedingt nach draußen, aber sie wusste nicht, wie oder wo entlang. Leseprobe

Sie wird als eine andere herauskommen.

Dann sind es sexuelle Labyrinthe. In der Geschichte "Der Klang von Schritten" heißt es über eine 81-Jährige:

In derselben Nacht fand sie einen Weg, sich einsam zu befriedigen. Stummes Feuerwerk. Dann weinte sie. Sie schämte sich. Fortan sollte sie demselben Ablauf folgen. Immer traurig. Das ist das Leben, Senhora Raposo, das ist das Leben. Bis zum Segen, den der Tod bedeutet. Leseprobe

Ein paar Seiten weiter kommt es in einem Zugabteil zu einer unheimlichen Szene: Eine etwas spröde und zugeknöpfe Frau glaubt, aus dem Gespräch zweier Männer einen Mordplan herauszuhören. Ihre fast panische Idee? Sie tut so, als wäre sie eine Prostituierte, will sich dadurch für die Männer als unattraktiv markieren. Noch findet man es als Leser grotesk.

Da hob sie den Rock, rekelte sich lasziv - sie hatte gar nicht gewusst, dass sie das konnte, so wenig kannte sie sich - und knöpfte die Bluse auf, sodass die Brüste hervor lugten. Leseprobe

Scharfe, aber liebevolle Beobachtungen

Bei der nächsten Haltestation wird sie vom Ticketkontrolleur wegen Schamlosigkeit aus dem Zug geworfen, kommt sogar ins Gefängnis. Um wenige Tage später in der Zeitung zu lesen, dass eine andere Frau im selben Zug vergewaltigt und ermordet wurde.

Die Beobachtungsgabe der Autorin: messerscharf, trotzdem liebevoll. Das Taumeln ihrer Frauenfiguren ins Milieu der Halbwelt: hart und manchmal irrsinnig humorvoll. Als wäre es eine dunkle Travestie.   

Die Autorin schreibt Geschichten vom Übergang von einer Welt in die andere. Wie die reiche Bankiers-Gattin, die aus dem Schönheitssalon tritt. Noch ist ihr Chauffeur nicht da, also heißt es: warten. Die Bitte eines Bettlers um etwas Geld erschüttert sie in den Grundfesten.

Sie sollte nie wieder dieselbe sein. Nicht, dass sie noch nie einen Bettler gesehen hätte. Aber der hier - der kam zum falschen Zeitpunkt, wie wenn man gestoßen wird und Rotwein auf ein weißes Spitzenkleid schüttet. Leseprobe

Berührend einfache Geschichten

Manchmal ist der Tod nur ein paar Tabletten entfernt. Pferde galoppieren nachts über dunkle Weiden. Sinnlich, hoch gereizt: Ihre Frauenfiguren befreien sich aus der Wohlstandsblase wie aus einem Korsett - und manchmal kommen sie in der Freiheit um.

Besonders berührend aber sind die ganz einfachen Geschichten, kleine Federzeichnungen, wie Lispector sie nennt. Wenn sie die Regungen eines Kleinkinds beschreibt, das nach seiner Mutter schreit, erlebt man große Literatur.

Mama. Mama heißt: nicht sterben. Und seine Sicherheit hat er von dem Wissen, dass da eine Welt ist, die man verraten und verkaufen kann und die ihn verkaufen wird. Das ist Mama mit einer Windel in der Hand. Beim Anblick der Windel fängt er wieder an zu weinen. "Du bist ja ganz nass!" Leseprobe

So sind Kinder. Und so die Erwachsenen:

Ich bin kein Ding, das dafür dankt, sich in ein anderes verwandelt zu haben. Ich bin eine Frau, ich bin ein Mensch, ich bin eine Aufmerksamkeit, ich bin ein Körper, der aus dem Fenster sieht. So wie der Regen nicht dankbar dafür ist, dass er kein Stein ist. Er ist ein Regen. Vielleicht könnte man dies ja nennen, lebendig zu sein. Nicht mehr als das, das aber schon: lebendig. Einfach nur lebendig in sanftmütiger Freude.  Leseprobe

Die Erzählungen Clarice Lispectors sind ein erregender Irrgarten. Herausfinden muss man alleine. Darin liegt ihr Reiz.

Aber es wird regnen

von Clarice Lispector, aus dem Portugiesischen von Luis Ruby
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Penguin
Bestellnummer:
978-3-596-70093-6
Preis:
22,00 €

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