Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Wir brauchen Kultur - Kultur braucht uns

Stand: 21.05.2021 18:26 Uhr

Eine intakte Gesellschaft braucht Kultur auf allen Ebenen - meint Ulrich Kühn, Leiter der Hauptredaktion "Kulturelles Wort" von NDR Kultur, in seinem Essay.

von Ulrich Kühn

Als ich ein kleines Menschenkind war, erlebte ich etwas Besonderes. Ich strapazierte mein Stimmchen mit hoher Intensität, im Kindergarten und dann auf dem Spielplatz, wo der Fußball rollte. Ich wünschte zum Beispiel den Ball und rief ihn lauthals herbei. Natürlich hatte ich keine Ahnung, wie man so was macht, ohne heiser zu werden. Ich war also laut und heiser, das wurde zum Dauerzustand, meine Mutter war besorgt. Sie fragte ihren jungen Chorleiter, einen charismatischen Typen, was man mit einem macht, der vom Krakeelen heiser wird. Antwort: "Schicken Sie ihn zu mir." Das tat sie. Ich blieb auf Jahrzehnte - und erlebte, was es heißt, eine Lust zu spüren, die so kunstvoll kanalisiert wird, dass was Schönes entstehen kann. Ich verstand nicht gleich, was da geschah. Ich spürte nur, dass es besonders war. Und irgendwann lebensprägend.

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Das Glück der Kunst

In dieser kleinen Geschichte - sie steht für Millionen andere - kommt manches von dem zusammen, was uns zu Menschen macht. Die Lust, sich auszudrücken und mitzuteilen, die Lust am Spiel, an der Körperaktion, das unbändige Vergnügen, wenn man zu spüren beginnt, dass diese Lüste nur Anfänge sind. Fröhliche Unbeholfenheit verwandelt sich ins Empfinden: "Da geht anscheinend mehr." Und so wächst eine Glückserfahrung: Wir haben Mittel, die Sehnsucht zu stillen - um neue Sehnsüchte zu gewinnen. Sehnsüchte, die uns lebendig halten als lauschende, sehende, tanzende, aus Trott und Tristesse gelockte Wesen. Wenn wir uns spielerisch selbst erproben, wenn wir andere bestaunen, die uns mit ihrer Kunst in Räusche versetzen, zur Ruhe bringen, ergreifen, beglücken, lachen machen: Das ist das Glück der Kunst, der Kultur. Wir brauchen es. Es wird uns vielleicht erst richtig bewusst, wenn es sich entzieht.

Ist das ein kulturkonservativer Anfall? Eine Attacke auf die Corona-Welt, die uns mit Netflix, Mediatheken und Streams ordentlich durchgefüttert hat? Am Ende ein Hymnus aufs "Eigentliche", das, wie manche früher meinten, höher sei als alle Zivilisation? Nichts davon. Es ist der Versuch, sich mal nebenbei klarzumachen, was im Guten gemeint sein könnte mit der hohlgekauten Parole: "Kultur ist ein Lebensmittel."

Kultur hält die Gesellschaft lebendig und beweglich

Fangen wir ein bisschen polemisch an. Wenn Kultur ein Lebensmittel ist - warum lag sie nicht im Supermarktregal, als zu Beginn der Pandemie die Nudeln vergriffen waren? Wollte keiner Kultur nachfüllen? Wo sie doch kurz zuvor für Konsum und Verzehr an jeder Ecke zu haben war? Klar, die Antwort liegt auf der Hand: Es war schwer, oft unmöglich, irgendwo etwas aufzuführen und zum Ereignis im Raum zu machen. Aber ist das die ganze Geschichte? Vielleicht nicht.

Wenn Kultur ein Lebensmittel ist, dann keins, das man sich einverleibt wie einen Burger, um danach zufrieden Bäuerchen zu machen. Wenn Kultur ein Lebensmittel ist, dann als ein Mittel des Lebens - als Medium, das eine Gesellschaft lebendig und beweglich hält. Man könnte sagen: Kultur ist der unverlierbare Faden im Gewebe, Gesellschaft ist von ihr durchzogen bis in den hintersten Winkel. Wo Kultur sich aufzulösen beginnt, löst auch Gesellschaft sich auf. Sie ist nicht besser als der Rest, nichts Weltenthobenes; sie ist mittendrin. Und wo dieses Mittel des Lebens knapp wird, bekommt die Gesellschaft ein Problem. Wie kann das passieren?

Formulieren wir’s positiv: Wo ziviler Umgang herrscht, atmet und lebt Kultur. Wo Kunst auch mal anstößig wird, atmet und lebt Kultur. Wo Moral ein Faktor ist, der das Zusammenleben regelt, aber eher nicht die Wahl des Stoffs für einen neuen Roman: Da ist Kultur lebendig und stark. Hart in der Sache streiten, menschenfreundlich im Ton; sich spielerisch erlauben, Grenzen zu überschreiten; Ernst und Unernst mischen - wohl wissend, dass außerhalb des Spiels die Lüge eine Lüge bleibt: Wenn eine Gesellschaft das kann, hat sie ein ziemlich intaktes Kultur-Gewebe. Und andernfalls eben vielleicht ein Problem.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 22.05.2021 | 13:05 Uhr