Stand: 13.01.2020 17:16 Uhr  - NDR 90,3

Ohnsorg-Komödie thematisiert Willkommenskultur

von Daniel Kaiser

Mit langem Applaus hat das Publikum im Ohnsorg Theater die Premiere der Gesellschaftskomödie "Willkamen - Willkommen" aufgenommen. In dem Stück diskutiert eine Wohngemeinschaft darüber, ob sie Geflüchtete aufnehmen soll.  

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Andy (2.v.l.) will für ein Jahr nach New York - und sein Zimmer in der WG einem Flüchtling überlassen.

Die Bombe platzt beim Nachtisch am gemeinsamen WG-Abend: Benny (Anton Pleva) geht für ein Jahr nach New York und schlägt vor, sein Zimmer Geflüchteten zu überlassen ("Ik wöör mien Zimmer för dat Johr geern en poor Flüchtlingen överlaten!") Sophie, die freischaffende Fotografin, ist sofort mit missionarischem Leuchten in den Augen dafür. Birthe Gerken verkörpert sie als herrlich verstrahlte Mutter Theresa der politischen Korrektheit, die dabei ihren eigenen Rassismus nicht erkennt. Die WG-Mutter Doro (Birte Kretschmer) lehnt die Anwesenheit arabischer Männer in der Wohnung dagegen grundsätzlich ab. Der Bankangestellte in Probezeit Jonas - Marco Reimers spielt ihn wahnsinnig lustig mit rollenden Augen und perfektem Timing beim Bierflaschenöffnen - will vor allem seine Ruhe haben und gibt angesichts eines neuen Mitbewohners zu Bedenken: "Wat maakt wi, wenn he so'n Häkelkäppi un Fusselboort hett?" 

Ohnsorg-Stück "Willkamen" feiert Premiere

Hamburg Journal -

Das plattdeutsche Stück "Willkamen" feiert im Ohnsorg-Theater Premiere. Eine herrlich inszenierte Komödie zu einem hochaktuellen politischen Thema - der deutschen Willkommenskultur.

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Der dünne Firnis der Zivilisation

Das WG-Küken Anna (Norhild Reinicke) hält sich in der Diskussion anfangs auffallend zurück, bis sie den Mitbewohnern eröffnet, sie sei schwanger. Und zwar von Achmed, einem türkischstämmigen Chef einer Billstedter Fahrradwerkstatt, der doch auch in das freie WG-Zimmer ziehen könnte. Und so liegt plötzlich alles auf dem WG-Wohnzimmertisch: Urteile und Vorurteile, Willkommenskultur, Gleichberechtigung, Genderfragen und Rassismus. Dazu noch Liebesgeschichten unter den Bewohnerinnen und Bewohnern. Man erlebt live, wie eine überharmonische Wohngemeinschaft, die sich gerade noch an der Mousse au Chocolat vergnügt hat, innerhalb von Minuten zerstreitet und sogar bald vor der Auflösung zu stehen scheint. So dünn ist der Firnis der Zivilisation. Das Stück ist eine Metapher auf unser Zusammenleben - als solche allerdings manchmal einen Tick zu konstruiert. Und auch länglich, gerade in der ersten Hälfte. 

Achmed bringt Leben in die Bude 

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Als Achmed (r.), Annas türkischstämmiger Freund, auftritt, nimmt das Stück an Fahrt auf.

Erst als Achmed, Annas türkischstämmiger Kindsvater, auftritt, kommt echtes Leben in die Bude. Achmed Ole Bielfeldt spielt diesen grundsympathischen, in seiner Offenheit alle Attitüden der anderen entlarvenden Kerl zwischen Plattdeutsch und ironischem deutsch-türkischem Slang superkomisch und authentisch. Als er die Bühne betritt, lebt das Ensemble noch einmal ganz anders auf, und die Inszenierung von Harald Weiler gewinnt an Fahrt. Schenkel werden an diesem Abend aber keine geklopft. Das Lachen bleibt einem - bei all den Sprüchen am Rande dessen, was man in der Öffentlichkeit so sagen kann -  manches Mal im Halse stecken.  

Junges Stück im alten Ohnsorg 

Das Ohnsorg Theater wagt sich mit diesem Stück wieder einmal aus der Komfortzone des erwartbaren plattdeutschen Milieus heraus. Mit einem jungen Ensemble, das die Lebenswelt der 25- bis 50-Jährigen zeigt, will die Traditionsbühne bewusst auch ein neues, anderes Publikum ansprechen.

Interessanterweise ist Achmed aber der Einzige, bei dem schlüssig ist, warum er Plattdeutsch spricht. Sein Vater war nämlich bei VW in Ostfriesland. Kein klassisches Ohnsorg-Stück also, aber ein auch auf Plattdeutsch unterhaltsamer Abend über aktuelle Fragen, die unsere Gesellschaft umtreiben. Das liebevolle Bühnenbild von Lars Peter zeigt eine Altbau-WG aus dem Bilderbuch mit Fahrrad und Getränkekisten im Wohnzimmer. Draußen vor dem Balkon steht ein Baugerüst. Ganz klar: Dieses, unser Zusammenleben bedarf einer Renovierung.

Ohnsorg-Komödie thematisiert Willkommenskultur

Im Stück "Willkamen" geht es um Vorurteile, Gleichberechtigung und Rassismus. Erneut wagt sich das Ohnsorg Theater aus der Komfortzone des erwartbaren plattdeutschen Milieus heraus.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Theater Ohnsorg/ Großes Haus
Heidi-Kabel-Platz 1
20099  Hamburg
E-Mail:
info@ohnsorg.de
Preis:
14,50 - 62,00
Kartenverkauf:
Theaterkasse
Montag bis Sonnabend: 10.00 bis 18.30 Uhr
Sonntag: 14.00 bis 18.30 Uhr

Telefon: 040 35 08 03 21
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 13.01.2020 | 19:00 Uhr

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