Stand: 09.10.2020 14:07 Uhr

Wer bekommt den Deutschen Buchpreis? Die Kandidaten.

In Frankfurt wird heute Abend der Deutsche Buchpreis vergeben. Sechs Romane haben es in die engere Wahl geschafft. Als die Nominierten Mitte September feststanden, sprachen wir mit Joachim Dicks aus der NDR Kultur Literaturredaktion.

Herr Dicks, bei Listen dieser Art kommentiert man - ähnlich wie bei einem Feuerwerk - oft mit einem "ah!" und einem "oh!". Mir hat diese Liste nur ein müdes "aha!" entlockt. Wie ging es Ihnen?

Joachim Dicks: Insgesamt habe ich den Eindruck, dass wir literarisch gesehen in Zeiten des Mittelmaßes leben. Damit meine ich aber nicht, dass alles langweilig und durchschaubar ist - aber vielleicht ist die Zeit, in der wir leben, insgesamt so aufgewühlt, dass es in der Literatur eher darum geht, eine Mitte zu finden, einen gewissen Verzicht auf Außerordentliches. So würde ich diese Shortlist umschreiben.

Joachim Dicks © NDR Foto: Christian Spielmann
Joachim Dicks arbeitet bei NDR Kultur für die Abteilungen Radiokunst und Literatur.

Die Geschlechteraufteilung ist diesmal nicht - wie bei der Longlist - paritätisch, sondern wir haben vier Frauen und zwei Männer. Wir haben Bücher dabei, die sehr autobiografisch geprägt sind. "Serpentinen" von Bov Bjerg erzählt die Geschichte eines Mannes, der zusammen mit seinem Sohn in seine Heimatumgebung zurückkehrt. In der Vorgängergeschichte sind mehrere Freitode passiert. Es ist der Versuch, über eine Familiengeschichte die Befindlichkeitsgeschichte unserer gegenwärtigen Gesellschaft zu erfahren. Diese depressive Grundstimmung, und wie ein Kind dagegen halten kann - das ist sehr eindrucksvoll eingefangen.

Bei Dorothee Elmigers Buch "Aus der Zuckerfabrik" steht der "Zucker" stellvertretend für Geld und Gier. Dieser sehr fragmentarisch aufgebaute Roman ist der Versuch, aus Gedankensplittern diesem Phänomen der Gier unserer Gegenwart auf die Spur zu kommen. Das ist alles sehr kunstvoll - ob bei Bjerg oder bei Elmiger - und trotzdem ist es nichts Außerordentliches.

Es ist auch eine Debütantin dabei: Deniz Ohde mit "Streulicht". Ist das womöglich das dringende Bedürfnis nach etwas Neuem?

Dicks: Noch hat Deniz Ohde den Deutschen Buchpreis nicht bekommen. Und eine Debütantin mit im engeren Kreis zu haben, das kann ich aus Jury-Perspektive gut nachvollziehen. Ob das unbedingt dieser Roman hätte sein müssen, weiß ich nicht. Mich hat es nicht unbedingt überzeugt. Da ist eine gewisse Form von Beliebigkeit. Aber jeder von uns würde in so einer Jury eigene Akzente setzen - das gehört zum Spiel. Und so eine Entdeckerlust bei den Leserinnen und Lesern freizusetzen - das gelingt auch, wenn man Debütanten mit dabei hat.

Wir wollen auch die beiden anderen Damen nicht unerwähnt lassen: Anne Weber mit "Annette, ein Heldinnenepos" und Christine Wunnicke mit "Die Dame mit der bemalten Hand". Das sind eher gestandene Autorinnen verglichen mit Deniz Ohde, oder?

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Die Jury des Deutschen Buchrpreises 2020 © vntr.media

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Dicks: Ja, Anne Weber, Jahrgang 1964, und Christine Wunnicke, Jahrgang 1966, sind lange im Betrieb. Wunnicke wird gerne immer noch als der Geheimtipp der Gegenwartsliteratur bezeichnet, obwohl sie schon mehrmals auf Longlists des Deutschen Buchpreises gewesen ist. Sie gehört zu den Autorinnen, die immer ganz eigene literarische Welten entwerfen - das ist auch in "Die Dame mit der bemalten Hand" wieder so. Es ist eine Geschichte aus dem 18. Jahrhundert, wo ein Bremischer Mathematicus auf eine Orient-Reise geht. Er trifft dort einen Meister Musa, und gemeinsam beobachten sie die Sterne. Und dann kommt der Punkt, der als einfaches Mittel sehr schön ist, um Gegenwartsliteratur zu beschreiben: Da betrachten zwei Menschen einen Sternenhimmel - aber sie sehen ganz andere Bilder. Und genauso ist es mit der Literatur auch: Wir lesen die gleichen Bücher, aber wir machen ganz andere Entdeckungen. So ist es auch beim Deutschen Buchpreis.

Thomas Hettche ist fast einer der Gestandensten auf dieser Liste, oder?

Dicks: Er hat den Joseph-Breitbach-Preis 2019 für sein Lebenswerk bekommen. Normalerweise würde Thomas Hettche sagen: Moment mal, ich bin gerade mal knapp über 50, und mein Lebenswerk ist alles andere als abgeschlossen. Diesmal hat er in seinem Roman "Herzfaden" die Geschichte der Augsburger Puppenkiste erzählt: wie in den Kriegsjahren ein Mann für seine Tochter ein Puppenhaus baut, um darüber Geschichten zu erzählen. Durch einen Bombenangriff 1944 wird dieses Puppenhaus zerstört, und die Tochter nimmt diese Kindheitserinnerung zur Grundlage, um mit Freunden zusammen die Augsburger Puppenkiste zu kreieren. Wir sind alle damit groß geworden, und das zeigt, wie reizvoll es ist, historische Stoffe mit fiktionaler Freiheit zu durchtränken und daraus literarische Welten freizusetzen. Den Roman habe ich noch nicht gelesen, und da bin ich sehr gespannt darauf.

Worum geht es in Anne Webers "Annette, ein Heldinnenepos"?

Dicks: Das ist die Geschichte von Anne Beaumanoir, einer Resistance-Kämpferin, die sich gegen Hitler-Deutschland eingesetzt hat. Aber auch nach dem Krieg hat sie sich auf die algerische Seite verschlagen, als sie gesehen hat, wie die Franzosen ihren kolonialistischen Trieb auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht haben bändigen können. Sie hat immer nach der Freiheit von Unterdrückten gesucht. Diese Frau lebt heute noch, und Anne Weber hat sie persönlich kennengelernt. Daraus hat sie einen Roman gemacht.

Diese Machart lässt sich so beschreiben, dass die Suche der meisten Autorinnen und Autoren darin besteht, historische Stoffe und Persönlichkeiten mit einzubeziehen, also fast einen halb-journalistischen Ansatz mit in die literarische Produktion zu überführen. Und daraus entstehen spannende Geschichten.

Wer ist Ihr Favorit?

Dicks: Christine Wunnicke - nicht nur, weil sie so wunderbare literarische Welten zu erzeugen vermag, sondern auch, weil es den Berenberg Verlag treffen würde. Denn ich finde es wichtig, immer wieder daran zu erinnern, dass wir nicht nur große Verlage haben. Aber darum geht es nur ganz am Rande. Es geht um den besten deutschsprachigen Roman des Jahres 2020, und der heißt: "Die Dame mit der bemalten Hand".

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Liste der Nominierten für den Deutschen Buchpreis 2020

Bov Bjerg: "Serpentinen" (Claassen, Januar 2020)
Dorothee Elmiger: "Aus der Zuckerfabrik" (Carl Hanser, August 2020)
Thomas Hettche: "Herzfaden" (Kiepenheuer & Witsch, September 2020)
Deniz Ohde: "Streulicht" (Suhrkamp, August 2020)
Anne Weber: "Annette, ein Heldinnenepos" (Matthes & Seitz Berlin, Februar 2020)
Christine Wunnicke: "Die Dame mit der bemalten Hand" (Berenberg, August 2020)

Joachim Dicks © NDR Foto: Christian Spielmann

AUDIO: Shortlist: "Wir leben in Zeiten des Mittelmaßes" (9 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.09.2020 | 18:00 Uhr