Der Twitter-Account von US-Präsident Donald J. Trump auf einem Handy vor einem Bildschirm mit einem Twitter-Logo © picture alliance/Geisler-Fotopress

Welchen Einfluss haben soziale Medien auf den US-Wahlkampf?

Stand: 02.11.2020 16:33 Uhr

Kurz vor der US-Präsidentschaftswahl ziehen Amtsinhaber Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden noch einmal alle Register, um Stimmen zu gewinnen. Zu den wichtigsten Instrumenten gehören die sozialen Medien.

Welchen Einfluss haben Twitter, Facebook und Co. auf politische Meinungsbildung und den demokratischen Diskurs? Fragen an die Kommunikationswissenschaftlerin Katharina Kleinen-von Königslöw von der Universität Hamburg.

Wie sich digitalisierte Kommunikation auf die politische Öffentlichkeit auswirkt, darüber haben Sie eingehend geforscht. Wie unterscheidet sich der Einfluss digitaler sozialer Medien auf die politische Meinungsbildung im Vergleich zu den klassischen Massenmedien wie Presse und Rundfunk?

Professorin Katharina Kleinen-von Königslöw forscht  an der Uni Hamburg zu digitaler Kommunikation © NDR
Im Zentrum der Forschung von Katharina Kleinen-von Königslöw stehen Fragen zu digitalisierter Kommunikation und ihrer Auswirkungen auf die politische Öffentlichkeit.

Katharina Kleinen-von Königslöw: Wenn wir den Fall der USA betrachten, dann haben wir dort das Phänomen, dass es dort einen substanziellen Teil der Bevölkerung gibt, der sich nicht mehr über klassische Nachrichtenmedien informiert. Für diese Menschen stellen die sozialen Netzwerke eine sehr zentrale Informationsquelle dar. Da ist für politische Akteure wie Donald Trump ein deutlich direkterer Zugriff ohne kritische Rückfragen oder Einordnungen seitens journalistischer Akteure gegeben. Gleichzeitig benutzt Trump soziale Medien vor allen Dingen auch, um die klassischen Medien anzuspielen und letztendlich auszuspielen. Mit den sozialen Medien direkt erreicht er vor allen Dingen seine Follower, diejenigen, die sowieso schon von ihm überzeugt sind. Aber dadurch, dass die klassischen Nachrichtenmedien alles, was er dort tut, aufgreifen und in ihren eigenen Medien weiterverbreiten, erreicht er mit relativ wenig Aufwand sehr zielgenau auch große Teile der Bevölkerung, die nicht unbedingt zu seinen Fans und Followern gehören.

Falschmeldungen in den sozialen Medien wird ein erheblicher Einfluss auf den Ausgang des US-Wahlkampfs 2016 zugeschrieben. Seither wird die Macht von Twitter, Facebook und Co. auf die politische Öffentlichkeit noch kritischer betrachtet. Haben die sozialen Medien aus den Fehlern im vergangenen Wahlkampf gelernt?

Kleinen-von Königslöw: Im gewissen Sinne schon. Sie sehen sich jetzt einem deutlich stärkeren öffentlichen Druck ausgesetzt, etwas dagegen zu unternehmen, dass sich Falschmeldungen so schnell verbreiten. Das Problem ist aber gar nicht so sehr, dass sich die Falschmeldungen in sozialen Medien verbreiten, sondern dass sie aus den sozialen Medien heraus in klassischen Medien aufgegriffen werden und darüber ein viel größeres Publikum bekommen. Diese Falschmeldungen im US-Wahlkampf sind überwiegend Informationen, die Leute bedienen, die sowieso schon überzeugte Trump-Wähler sind. Dass diese Falschinformationen so stark dazu beitragen, Menschen umzustimmen - gegen diesen Schluss sträubt sich die Forschung eher.

Problematischer könnte sein, dass diese Falschinformationen dazu beitragen, dass diese Menschen überhaupt nicht wählen gehen, weil ihnen vermittelt wird, dass ihre Stimme gar nicht mehr gezählt wird, weil sie Angst davor haben, dass die Schlangen zu lang sind oder sie sogar bedroht werden. Mir persönlich macht auf den letzten Metern des US-Wahlkampfs am meisten Sorgen, dass die Republikaner und Trump sehr stark versuchen, Menschen dazu zu bringen, überhaupt nicht zu wählen.

Der ausgefeilten digitalen Strategie des Wahlkampfteams von Trump im Jahr 2016 wird eine entscheidende Rolle für seine Wahl zum Präsidenten zugeschrieben. Seine Tweets, die er gefühlt im Sekundentakt absetzt, wirken eher wie unbedachte Schnellschüsse. Wie viel Strategie erkennen Sie?

Kleinen-von Königslöw: Nicht unbedingt hinter Trumps persönlichen Tweets - da spricht man weniger von einer Strategie als von einer unglaublich guten Intuition, wie man Menschen mit Aussagen polarisieren kann. Aber im Hintergrund läuft ja eine große Maschinerie, die tatsächlich soziale Medien sehr strategisch einsetzt, indem sie für verschiedene Zielgruppen ausgefeilte Strategien entwickelt.

Die sozialen Medien selbst versuchen gegenzusteuern, aber wer müsste darüber hinaus noch aktiv werden? Sie haben schon die Rolle der klassischen Medien ins Spiel gebracht. Wie sieht es mit der Politik aus?

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Kleinen-von Königslöw: Ich würde vor allen Dingen noch mal die Rolle der klassischen Medien ins Spiel bringen. Kolleginnen und Kollegen in den USA haben versucht, ein großes Pamphlet zu streuen, um die Medien darauf aufmerksam zu machen, wie sie damit umgehen sollen, wenn Trump am Dienstagabend für sich den Sieg reklamiert, obwohl die Stimmen noch gar nicht ausgezählt sind. Wie sie also auf spezifische Nachrichten reagieren sollen, um denen nicht noch mehr Raum zu geben und nicht dazu beizutragen, dass die Stimmung sich weiter aufheizt. Das Problem ist, dass Trump und sein Team sehr geschickt darin sind, auf die Knöpfe zu drücken, auf die Journalistinnen und Journalisten automatisch losspringen, sodass er auf die Art und Weise eine unglaubliche Resonanz erfährt, die alle anderen wichtigen Themen, die es derzeit gibt, verdrängt.

Natürlich ist auch die Politik gefragt, und zwar in zweierlei Hinsicht. Einerseits müssen soziale Netzwerke so reguliert werden, dass die Gesetze, die wir haben, umgesetzt werden müssen, um den öffentlichen Meinungsraum zu schützen. Gleichzeitig muss man dafür sorgen, dass wir überhaupt sehen können, was sich in sozialen Netzwerken abspielt. Denn ein zentrales Problem ist, dass nur die sozialen Netzwerke selbst Herren über ihre Daten sind. Wir wissen größtenteils gar nicht, was beispielsweise in geschlossenen Gruppen passiert. Das Dritte ist, dass die Politik selber verantwortlicher mit den Informationen umgehen muss, die sie teilt, und nicht jede Information ausnutzt, um die eigene Position zu stärken oder um sich gegen berechtigte journalistische Kritik zu wehren. Diese Tendenzen sieht man in Deutschland inzwischen auch jenseits von populistischen Parteien, dass sich die Politik plötzlich als Kontrahent der Medien sieht und nicht mehr als gemeinsamen Teil einer politischen Öffentlichkeit.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Der Twitter-Account von US-Präsident Donald J. Trump auf einem Handy vor einem Bildschirm mit einem Twitter-Logo © picture alliance/Geisler-Fotopress

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NDR Kultur | Journal | 02.11.2020 | 18:00 Uhr