Männer mit Weihnachtspullis in der Fußgängerzone © imago images / Levine-Roberts

Weihnachtspullis 2020: Glitzer, Glimmer, Glöckchen

Stand: 18.12.2020 08:56 Uhr

Jeden 3. Freitag im Dezember gibt es den "Ugly Christmas Sweater Day". Nach dem Motto: "Wer hat den Hässlichsten?" sammelt Anette Schneider in ihrer Glosse die harten Fakten dazu.

von Anette Schneider

Flauschige Rentiere mit rot blinkender LED-Schnauze. Weihnachtsmänner mit coolen Sonnenbrillen. Nackte Männeroberkörper in Fell besetzten Weihnachtsmannjäckchen. Dazu: Glitzer, Glimmer, Glöckchen. Diese Pullover und Sweatshirts halten, was sie versprechen: Sie sind haarsträubend hässlich. Nur: Was soll das? "Ja, das versucht lustig zu sein," sagt Gora Jain. Sie ist Professorin für Kunst- und Medientheorie in Hamburg und lehrt unter anderem Designtheorie und Ästhetik.

Es gibt sie gerade überall: in kleinen und in großen Läden. Im Internet, wo Marco Reus schon 2018 vor einem Kaminfeuer für die Vereins-eigenen Ugly Christmas Sweater des BvB warb. Und auf YouTube boomen die Bastelanweisungen. "Ich finde es so banal, dass ich es eigentlich deswegen ärgerlich finde," meint Jain, "Wenn man jetzt wirklich Aspekte wie Nachhaltigkeit mitdenken möchte, die in der Mode auch zunehmend Relevanz haben, dann ist so etwas natürlich ein Tritt vor den Bug."

Weihnachtspulli als Gag für Büro oder Fußgängerzone

Ob er aus den USA oder aus England stammt, ist unklar. Irgendwann tauchte er in einem Kinofilm auf und als Verkleidung für weihnachtliche Spendenaktionen. Mittlerweile schafft der "Ugly Christmas Sweater Day" Fakten: Immer mehr Leute tragen den hässlichen Weihnachtspulli als Gag im Büro oder beim Glühwein in der Fußgängerzone.

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Angelika Riley leitet die Abteilung Mode im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Sie verfolgt seit Jahren die aktuellen Entwicklungen im Mode-Design, blickt fasziniert auf die Pullis und findet, man könne sie doch auch verstehen als, "Kritik an dem Weihnachtsfest, so wie es durchkommerzialisiert ist bei uns und in der westlichen Welt, mit dem wir auch den Rest der nicht-christlichen Welt als kommerzielles Event überzogen haben. Ich könnte mir vorstellen, dass es aus solchen Beweggründen mal entstanden ist."

Rache ist süß und hässlich

Hässliche Mode ist nichts Neues. Empfindlichen Gemütern gilt als hässlich, was nicht den seit der Antike tradierten Schönheitsvorstellungen einer harmonischen, symmetrischen Form entspricht: Also Hosen, deren Schritt bis zu den Knien reicht. Kleider mit Ausbuchtungen und Beulen. Oder die zerrissene Kleidung der Punks, die die politische Opposition zu Spießern und Establishment unterstreichen sollte - bis sie von kommerziellen Modemachern vereinnahmt und zu Geld gemacht wurde, so Gora Jain: "Weil es dann plötzlich eine Form von Modernität bedeutet, oder etwas Schrilles, etwas Extravagantes, und dadurch etabliert sich das."

Doch Angelika Riley vom Museum für Kunst und Gewerbe findet die Weinachtspullis so witzig, dass sie überlegt, "solche Tendenzen auch in einer Sammlung wie dieser abzubilden." Und plötzlich kommt ihr noch eine Idee zum Ursprung des Weihnachtspullovers: Bevor der kommerziell vereinnahmt und verwurstet wurde, diente er bestimmt - der Rache! "Irgendjemand hatte genug von den Handarbeitsergebnissen von Mutter und Großmutter und gesagt: 'So! Jetzt noch ein drauf! Jetzt nehme ich diesen Pulli vom letzten Jahr und dann mach ich da noch irgendetwas anderes mit, und dann können die mal sehen, was die mir seit Jahren antun!'"

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 18.12.2020 | 08:15 Uhr