Boris Johnson und Ursula von der Leyen unterhalten sich © imago

"Die Lücke zwischen Großbritannien und Brüssel ist riesengroß"

Stand: 10.12.2020 17:16 Uhr

Am Mittwoch ist der britische Premierminister Boris Johnson nach Brüssel gereist, um die letzten Schleifen am Handelspakt zwischen der EU und Großbritannien festzubinden. Ein Gespräch mit der Journalistin Kate Connolly, die die Brexit-Verhandlungen genau beobachtet.

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Frau Connolly, am Wochenende wird eine Entscheidung erwartet. Die EU stellt sich jetzt schon darauf ein, dass man nicht zu einem Ergebnis kommen wird und bereitet Notmaßnahmen vor: Das betrifft Flugverbindungen, Regelungen für Frachttransporte oder das heikle Thema Fischerei. Wie sehen Sie das?

Kate Connolly: Es sieht tatsächlich so aus, dass wir schon wieder in Richtung eines No-Deals gehen, was letztendlich ein Scheitern der Verhandlungen heißen würde. Diese Maßnahmen, die jetzt getroffen werden - das ist, als ob man sich auf einen Krieg oder auf irgendwas Dramatisches vorbereitet, und das mittendrin in dieser Pandemie. Der Abstand, den von der Leyen und Johnson halten müssen, ist auch symbolisch dafür, dass sie offenbar keinen Weg zu einer Einigung finden. Die Frage ist, ob das überhaupt in diesem langen Prozess möglich war.

Kate Connolly © imago
Kate Connolly ist Korrespondentin bei der Tageszeitung "The Guardian".

Frau von der Leyen hat zu Johnson gesagt, er solle Abstand halten. Die Presse in Großbritannien hat das mit "mind the gap" verglichen, bezogen auf die Lücke zwischen Bahn und Bahnsteig. Die Lücke zwischen Großbritannien und Brüssel ist riesengroß. Wenn irgendetwas entschieden wird, muss alles bis Ende des Jahres durch die EU-Parlamente gehen. Ich glaube nicht, dass die meisten europäischen Parlamentarier sich freuen, so etwas über die Weihnachtszeit machen zu müssen.

Man ist immer wieder verblüfft über die Figur Boris Johnson: lässig, witzig, schlagfertig. Ist das auch seine Taktik? Hat er einen klaren Plan? Denn dieses Hickhack macht alle Beteiligten müde.

Connolly: Man sagt, dass die Briten sehr gut im "Durchwurschteln" sind. Mit dieser clownesken Lässigkeit kommt Johnson aber sehr gut in Großbritannien an. Viele Leute genießen seine Art, eloquent zu reden, das scheint gut rüberzukommen. In Großbritannien gibt es das ganz starke Gefühl, die Kontrolle zurückgewinnen zu müssen. Das hat nicht mit der EU an sich zu tun, sondern es ist das Gefühl, auf eigenen Beinen stehen zu wollen - ohne richtig darüber nachzudenken, was die Konsequenzen sind.

Johnson ist nach wie vor der Meinung, der Brexit sei richtig und gut. Der Brexit war auch das Mittel, um an die Regierungsspitze zu kommen. Muss er diese Strategie jetzt weiter mit Entschlossenheit durchsetzen? Und hat er die Briten an seiner Seite?

Connolly: Wir alle sind müde, auch wegen der Pandemie, und der Brexit ist für die meisten Briten gerade kein Gesprächsthema. Johnson hat sich letztendlich für den Brexit positioniert, weil er gesehen hat, dass das der Weg ist, wie er an die Macht kommt. Er muss das also letztendlich durchziehen. Aber man hat nie so richtig von der Regierung gehört, was Brexit eigentlich heißt, außer diesen Spruch, die Kontrolle zurückzugewinnen.

Anfangs ist Boris Johnson eher einen laxen Kurs gegen Corona gefahren. Nun wurde am Mittwoch die erste Impfdosis gegen das Virus verabreicht. Warum prescht er jetzt so vor, als erster in Europa?

Connolly: Das ist ganz klar Symbolik. Gibt es bessere Bilder als die von den ersten Leuten, die geimpft worden sind? Das sind ganz emotionale Szenen. Selbst Gesundheitsminister Matt Hancock, der auch ein großer Brexiteer ist, hat im Fernsehen geweint bei diesen Bildern. Gleichzeitig kann Johnson zeigen, dass die Briten die ersten sind, die besten. Es gibt auch Impfgegner in Großbritannien, aber man sagt, dass es nicht so viele sind wie zum Beispiel in Deutschland oder in den USA, wo man länger auf die Zulassung warten muss. Das kann ein Grund sein, warum es für ihn nicht so schwierig war, diese Entscheidung durchzubekommen. Die Frage ist, wie es weitergeht, wie viel Impfstoff er bekommt und was das für eine Wirkung hat. Die Zahlen in Großbritannien steigen nach wie vor, und der Impfstoff ist nicht die Antwort auf alles.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 10.12.2020 | 18:00 Uhr