Stand: 12.06.2020 18:58 Uhr  - NDR Kultur

Von Verstrickungen und Versäumnissen

von Christiane Peitz

1945, vor 75 Jahren, erlebte Deutschland eine Stunde Null: die Befreiung vom verbrecherischen NS-Regime. Sich mit der eigenen dunklen Vergangenheit auseinanderzusetzen, das fiel danach aber nicht nur vielen Künstlern schwer, sondern auch vielen Kulturinstitutionen. Zwei Beispiele sorgten zuletzt für Schlagzeilen: Die Berlinale setzte die Vergabe des Alfred-Bauer-Preises aus - nachdem öffentlich wurde, dass der erste Leiter des Filmfestivals in den NS-Staat verstrickt war. Und auch die documenta muss ihre Geschichte neu bewerten: Der Kunsthistoriker Werner Haftmann, der die Schau in Kassel mitgeprägt hat, war offenbar Mitglied der NSDAP. Erst jetzt erfolgt die Aufarbeitung - wie kam und kommt es zu diesen Verstrickungen und Versäumnissen des Kulturbetriebs?

Interview

Berlinale setzt Alfred-Bauer-Preis aus

Alfred Bauer, Ex-Direktor der Berlinale, soll SA- und NSDAP-Mitglied gewesen sein. Das Filmfestival will den nach ihm benannten Preis nicht mehr vergeben. "Zeit"-Redakteurin Katja Nicodemus im Interview. mehr

Als die Nachricht kurz vor Beginn der 70. Berlinale im Februar die Runde machte, wollten viele es erst gar nicht glauben. Ausgerechnet die Berliner Filmfestspiele, dieser Inbegriff von Freiheitsgeist, Vielfalt und Toleranz, sollen eine braune Vergangenheit haben? Und ihr Gründungsdirektor Alfred Bauer war doch kein innerer Widerständler, wie er nach dem Krieg glaubwürdig versicherte, sondern ein maßgeblicher Funktionär der nationalsozialistischen Kulturbürokratie? Schnell betrieb das Festival Schadensbegrenzung, setzte seinen nach Bauer benannten Preis fürs Erste aus, zeigte sich betroffen und versprach, externe Wissenschaftler hinzuzuziehen. Eine geplante, verharmlosende Publikation zu Bauer wurde zurückgezogen. Inzwischen ist das Münchner Institut für Zeitgeschichte mit einer unabhängigen Expertise über den hochrangigen Mitarbeiter in Joseph Goebbels' Reichsfilmintendanz betraut. Erste Ergebnisse sollen in den nächsten Wochen vorgelegt werden.

Die Causa wirft kein gutes Licht auf die Arbeitsmoral der Filmhistoriker, sind die Archivdokumente zu Bauer, die dank eines Hobbyhistorikers publik wurden, doch längst frei zugänglich. Die Stiftung Deutsche Kinemathek, seit jeher die Geschichtsschreiberin der Berlinale, hat bei ihren Festivalchroniken offenbar nie genau hingeschaut - oder nicht hinschauen wollen. Womöglich auch deshalb, weil es in all den Jahrzehnten niemand so genau wissen mochte, weder das Publikum noch die Fachbesucher.

Jahrzehntelange Verdrängung

"Die Stunde Null ist eine Fiktion", sagt Kinematheks-Direktor Rainer Rother mit verhalten selbstkritischem Unterton. Es gebe keinen Neuanfang, der mit dem, was die Menschen im Nationalsozialismus taten, nichts zu tun hatte. Dass dies nicht nur von der Filmhistoriker-Zunft, sondern generell in der Kunst und Kultur so lange ignoriert und verdrängt wurde, lässt sich auch anderweitig beobachten. Und zwar gerade bei jenen Nachkriegsgründungen, die emblematisch für den Pioniergeist jener Jahre stehen, für den Aufbruch der Bundesrepublik in eine demokratische, weltoffene Moderne.

Weitere Informationen

Documenta will NS-Verstrickung untersuchen

Eine der Gründungsfiguren der documenta, der Kunsthistoriker Werner Haftmann, soll ab 1937 Mitglied der NSDAP gewesen sein. Ein Gespräch mit der Generaldirektorin Sabine Schormann. mehr

So bröckelt auch bei der 1955 gestarteten documenta inzwischen der Mythos einer von jeglicher NS-Verstrickung unbelasteten Weltkunstschau. Erst im Oktober 2019 wurde über ein Symposium bekannt, dass einer ihrer wichtigsten Väter, der Kunsthistoriker Werner Haftmann, NSDAP-Mitglied war. Es ist ähnlich wie bei Alfred Bauer: Für die Vorgeschichte dieses Anwalts der Moderne, der NS-verfemte Künstler rehabilitieren half und später Gründungsdirektor der Neuen Nationalgalerie in Berlin wurde, für die Schattenseiten dieses bedeutenden Museumsmanns hatte sich fast 75 Jahre lang niemand näher interessiert.

 Aufklärung in eigener Sache? Fehlanzeige

Kultur, das sind die Guten. Die Sehnsucht nach der Einheit von Ethik und Ästhetik ist groß. Wenigstens in den schönen Künsten soll sich neben der Schönheit bitte auch das Wahre und Gute zeigen. Wenigstens hier möchte man sich den Genuss, das Bildungserlebnis oder die Unterhaltung nicht von Widersprüchlichkeiten trüben lassen, von Verstrickung und Schuld. Bitte nicht auch noch hier die Komplexität einer Wirklichkeit, die keine saubere Trennung zwischen Tätern und Opfern kennt. Anders lässt es sich nicht erklären, dass sich in den letzten 20 Jahren zwar zahlreiche Unternehmen und politische Institutionen mit ihrer NS-Vergangenheit befasst haben, die Deutsche Bank zum Beispiel, die Lufthansa, das Auswärtige Amt oder die Justiz. Aber Aufklärung in eigener Sache bei den Musentempeln? Fehlanzeige, und das, obwohl Deutschland weltweit für seine Gedenkkultur und die Gründlichkeit seiner NS-Aufarbeitung gerühmt wird. Misha Asters Publikation "Das Reichsorchester" von 2007 über die Berliner Philharmoniker als NS-Flaggschiff gehört zu den wenigen Ausnahmen.

Berlinale Palast  Foto: Patricia Batlle

Von Verstrickungen und Versäumnissen

NDR Kultur - Gedanken zur Zeit -

Sich mit der eigenen dunklen Vergangenheit auseinanderzusetzen, das fiel nach 1945 nicht nur vielen deutschen Künstlern schwer, sondern auch vielen Kulturinstitutionen.

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Das Beharrungsvermögen einer milden, beschönigenden Wahrnehmung ist groß. Harry Nutt spricht in der "Berliner Zeitung" von "institutioneller Selbstgefälligkeit", die Kunsthistorikerin Julia Friedrich von einer "Genealogie des Schweigens", in der wir bis heute stehen. Immerhin haben etliche Verlage, von denen nach 1945 zunächst keiner Bücher für Hitler-Deutschland aufgelegt haben wollte, sich mittlerweile ihrer Geschichte gestellt, darunter Bertelsmann und DuMont. Der Bauer Verlag mit seinen zahlreichen Publikumszeitschriften kündigte erst diesen Januar eine Beschäftigung mit der eigenen Historie an, nachdem Journalisten unbequeme Fragen gestellt hatten.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 14.06.2020 | 19:05 Uhr

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