Stand: 28.08.2019 16:55 Uhr

Venedig: "La verité" funktioniert hervorragend

Zum 76. Mal werden in Venedig die Filmfestspiele eröffnet. Die beiden Schauspielerinnen Catherine Deneuve und Juliette Binoche spielen in dem Eröffnungsfilm "La verité" des japanischen Regisseurs Hirokazu Kore-eda Mutter und Tochter. Die Filmkritikerin Katja Nicodemus hat den Film schon vorab gesehen.

Frau Nicodemus, wie funktioniert diese japanisch-französische Kino- und Kulturkombination?

Katja Nicodemus: Diese Kombination funktioniert hervorragend. Ich bin fast ein bisschen aus dem Häuschen angesichts dieses Films. Der Japaner Hirokazu Kore-eda ist ja ein Meister der sensibel gezeichneten Familienkonstellationen. In seinen Filmen befragt er immer die Familie, und er stellt der Blutsverwandschaft emphatisch geschilderte Wahlfamilien gegenüber. Das ist auch in seinem ersten französischen Film "La verité" der Fall. Catherine Deneuve spielt eine französische Star-Schauspielerin über 70, die ihr ganzes Leben lang ihre Schauspielkunst und ihre Egozentrik über ihr Familienleben gestellt hat. Sie lebt in einer Villa etwas außerhalb von Paris und bekommt Besuch von ihrer Tochter, gespielt von Juliette Binoche. Diese Tochter lebt in Amerika als Drehbuchautorin, und sie hat wiederum ihre kleine Tochter und ihren Ehemann, gespielt von Ethan Hawke, mit nach Paris gebracht. In dieser sicht behutsam entwickelnden Familienkonstellation tauchen Konflikte und Fragen auf. Zum Beispiel: Welchen Preis zahlt Deneuves Figur dafür, dass sie ihr Leben so gelebt hat, wie sie es wollte? Und welchen Preis zahlt ihre Tochter dafür? Letztlich geht es um die Frage, ob es nicht ein gewisses Maß an Egozentrik braucht, wenn man diesen emotionalen Sprung in der Schüssel hat, um überhaupt Schauspielerin, diese seltsame Existenz des Darstellens, zu sein.

Spielen denn die französischen Star-Schauspielerinnen Deneuve und Binoche anders unter der Regie des Japaners Kore-eda?

Nicodemus: Sie spielen zum Glück, wie sie immer spielen, nämlich großartig, auf ganz unterschiedliche Weise. Juliette Binoche als die etwas verletzte Tochter, weil sie nicht die Aufmerksamkeit der Mutter hatte, spielt sehr lebendig, beweglich, schnell, sehr reaktiv, sie ist von einer großen Energie durchdrungen. Und Catherine Deneuve spielt minimalistisch, fast mit einem gewissen Phlegma, und sie entwickelt dabei auch eine große Komik. Wenn ihr zum Beispiel auf dem Set die Eitelkeit einer Kollegen auf die Nerven fällt, dann braucht sie nur verächtlich mit dem Mundwinkel und einer Augenbraue zu zucken, und das ist einfach sehr komisch in diesem minimalen Spiel. Sie raucht übrigens unterbrochen in dem Film, hat fast immer die Kippe im Mundwinkel, was ihr eine große Coolness verleiht. Diese Schauspielerin braucht einfach nur den Hund auszuführen und dabei eine Kastanie auf dem Boden zur Seite zu kicken - das ist einfach schon Kino.

Ebenfalls Premiere hat heute der einzige deutsche Spielfilm im Festival: "Pelikanblut" von Katrin Gebbe hat die Reihe Orizzonti eröffnet. Ist das ein würdiger Vertreter des deutschen Kinos? Immerhin spielt Nina Hoss die Hauptrolle.

Nicodemus: Hoss spielt eine Pferdetrainerin, die auf ihrem Hof die Pferde einer Polizeistaffel ausbildet. Diese selbstbewusste, naturliebende Frau hat ein weißrussisches Waisenkind adoptiert. Zu Beginn des Films erleben wir sie, wie sie ein weiteres Mädchen adoptiert, das offenbar schwer traumatisiert ist: Sie zeigt ein brutales, ein aggressives Verhalten, scheint gefährlich und unkontrollierbar zu sein. Aber diese Figur von Hoss will nicht aufgeben. Das Problem ist, dass sich dieser Film nicht entscheiden kann zwischen Sozialdrama und Horrorfilm. In einem Horrorfilm ist es okay, wenn ein Kind durch schwarze Magie geheilt wird - in einem Sozialdrama ist das ein Problem. Ich fand den Film ziemlich verschwurbelt.

Eingeladen nach Venedig in den Wettbewerb ist auch der neue Film von Roman Polanski, "J'accuse". Schon im Vorfeld gab es darüber in den Feuilletons hitzige Diskussionen. Sollte man den Film einladen oder nicht? Was meinen Sie - war das eine gute oder eine weniger gute Entscheidung?

Nicodemus: Ich finde, es ist eine gute Entscheidung gewesen. Roman Polanski selbst wird nicht zum Festival kommen können, weil es einen Auslieferungsantrag der USA gibt, und dieser Gefahr wird er sich nicht aussetzen. Sein Film "J'accuse" ist ja eine Auseinandersetzung mit einer Hetzjagd, die 1898 in Frankreich stattgefunden hat. "J'accuse" hieß ja der offene Brief, in dem der Schriftsteller Émile Zola den Justizskandal rund um den zu Unrecht Verurteilten jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus publik gemacht hat. Die Frage ist, ob der Film etwas zu heutigen Debatten über öffentliche Meinungsbildung oder über Machtmissbrauch beitragen kann. Daran sollte man diese Einladung messen.

In Venedig nehmen nur zwei Regisseurinnen am Wettbewerb teil. Das scheint nach den letzten Diskussionen über #MeToo, über Chancengleichheit etwas irritierend. Wie kann das sein?

Nicodemus: Ich habe mich auch sehr gewundert. Es gibt einen Film einer saudi-arabischen Regisseurin und einen einer australischen Regiedebütantin. Es ist eigentlich eine blamable Frauenquote, ein Skandalon, zumal es auch andere Kandidatinnen gegeben zu haben scheint, um in diesem Festival die Frauenquote ein bisschen zu erhöhen. Man muss noch wahnsinnig viel aufholen. Und da langt es leider nicht, dass den Juryvorsitz eine so tolle Regisseurin wie Lucrecia Martel hat.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 28.08.2019 | 19:00 Uhr