Stand: 18.03.2020 14:51 Uhr  - NDR Kultur

"Unsere wunderbaren Jahre": Thomas Sarbacher im Gespräch

2016 hat Peter Prange seinen Roman "Unsere wunderbaren Jahre" veröffentlicht, "ein deutsches Märchen" zwischen Familiensaga und Gesellschaftspanorama, das jetzt auch filmisch erzählt wird. Film wie Buch beginnen mit der Währungsreform 1948. Ein Augenblick, in dem alles möglich scheint und von dem aus sich die ganz unterschiedlichen individuellen Wünsche, Träume, Ziele der fiktionalen Helden entfalten. Der Schauspieler Thomas Sarbacher spielt einen dieser Helden.

Herr Sarbacher, Sie spielen den Patriarchen Eduard Wolf - Vater dreier sehr unterschiedlicher Töchter und einflussreicher Metallfabrikant in der Kleinstadt Altena im Sauerland. Eine durchaus ambivalente Figur. Wer ist dieser Eduard Wolf?

Thomas Sarbacher © picture-alliance/dpa Foto: Georg Wendt
Thomas Sarbacher spielt in "Unsere wunderbaren Jahre" den Patriarchen Eduard Wolf.

Thomas Sarbacher: Zunächst mal ist er Unternehmer. Vor dem Hintergrund, wie diese Geschichte erzählt wird, ist es erst mal das Wesentliche, dass er versucht, den Betrieb und die Familie durchzubringen. Gleichwohl hat mich an der Figur mehr die Vorgeschichte interessiert; ich habe mich im Laufe der Vorbereitung immer mehr dafür interessiert, wie er den Krieg erlebt hat und wie es um seine Fähigkeit bestellt ist, an diesen Aufschwung, der im Film erzählt wird, zu glauben.

Und wie haben Sie diese Figur daraus entwickelt?

Sarbacher: Ich habe versucht mir vorzustellen, was das für eine traumatische Erfahrung ist, mit knapp 18 unter den damaligen Voraussetzungen diesem Krieg ausgesetzt zu sein. Für mich ist Eduard einer, der sehr schnell desillusioniert war. Er war dann als Kind seiner Zeit gezwungen, den väterlichen Betrieb weiterzuführen und die nächste große Wirtschaftskrise zu umschiffen. Es geht um die Frage, wie er es geschafft hat, dieses Unternehmen durch die Zeit des Nationalsozialismus durchzukriegen. Und da muss man nicht viel Fantasie haben, um sich vorzustellen, dass da ganz viel Mitmachen dabei war. Und dann bleibt die Frage, wie man mit dieser Schuld umgeht.

Der Dreiteiler "Unsere wunderbaren Jahre" im TV

"Unsere wunderbaren Jahre" ist am 18. , 21. und 25. März 2020 jeweils um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.

Der Film spielt auf vielen unterschiedlichen zeitlichen Ebenen. Er ist deshalb kein 90-Minüter geworden, sondern ein Dreiteiler. Schätzen Sie diese Form des filmischen Erzählens? Ist da mehr Tiefe, mehr Entwicklungsraum für eine Figur möglich?

Sarbacher: Nein, das würde ich in dem Fall nicht sagen, weil die Drehbuchautoren gezwungen waren, diese ganzen Handlungsstränge der Romanvorlage aufzugreifen und zu bedienen. Ein wesentliches Moment in dem Film ist, das alles sehr von den Ereignissen lebt. Der Vorgang war eher umgekehrt: Wie kriege ich meine Figur darin unter? Da hätte ich mir noch mehr Raum gewünscht, um diese Tiefe zu erreichen, von der Sie sprechen.

Zum Ensemble gehören neben Ihnen viele ausgezeichnete Schauspielerinnen und Schauspieler: Anna Maria Mühe, Katja Riemann, Ludwig Trepte, Hans-Jochen Wagner. War das eine fruchtbare Zusammenarbeit?

Sarbacher: Ja, absolut. Mit Katja Riemann war ich jetzt das dritte Mal im Film verheiratet. Das sind hervorragende Kolleginnen und Kollegen, und das macht großen Spaß. Die Zusammenarbeit war ganz toll.

Buchtipp
Peter Prange: "Unsere wunderbaren Jahr" (Cover) © S. Fischer Verlag

60 Jahre deutsche Nachkriegsgeschichte

Peter Pranges Roman "Unsere wunderbaren Jahre" ist ein dicker Wälzer zur neueren deutschen Vergangenheit. Die Umsetzung lässt zu wünschen übrig: Ein Klischee reiht sich ans nächste. mehr

Darf ich auf Corona zu sprechen kommen?

Sarbacher: Dürfen Sie.

Wie geht es Ihnen damit in diesen Tagen? Können Sie überhaupt noch arbeiten?

Sarbacher: Ich habe gerade eine günstige Situation, weil ich mein Theaterprojekt noch zu Ende bringen konnte, bevor die Theater schlossen. Ich hatte einen sehr arbeitsreichen Jahresbeginn und hatte jetzt eine Pause, um mich neu zu sortieren. Natürlich drängt sich jetzt das Ganze in den Vordergrund. Aber ich habe mir gestern einfach "Ulysses" von Joyce zur Hand genommen und vergnüge mich jetzt damit. Das hat einen Hintergrund, weil dieser Leopold Bloom zu Fuß geht - und so würde ich mein Dasein im Moment auch beschreiben: Es geht alles nur in Schrittgeschwindigkeit, und mehr mache ich nicht.

Ich kann noch arbeiten: Für die Bibliothek für Blinde und Sehbehinderte mache ich Hörbücher - da habe ich drei große Bücher vor mir, die ich alle nacheinander abarbeiten kann. Über alles Weitere denke ich nicht nach. Ich bin in der Beziehung privilegiert. Wenn ich an die Leute denke, die im medizinischen Versorgungsbereich oder im Supermarkt tätig sind - das ist ein Grauen.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.03.2020 | 19:00 Uhr