Thomas Brückner © dpa/Thomas Brückner

Übersetzer von Literaturnobelpreisträger Gurnah im Gespräch

Stand: 07.10.2021 17:24 Uhr

Die Überraschung war ziemlich groß, als verkündet wurde, dass der Schriftsteller Abdulrazak Gurnah aus Tansania den diesjährigen Literaturnobelpreis bekommt. Thomas Brückner hat zwei Werke von Gurnah ins Deutsche übersetzt.

Thomas Brückner © dpa/Thomas Brückner
Beitrag anhören 6 Min

Thomas Brückner: Auf dem Zettel stand er schon, allerdings weiter unten, sodass es mich auch ein wenig überrascht hat, dass die Schwedische Akademie in Stockholm so entschieden hat. Es ist natürlich trotzdem ein Grund zur Freude für den Autor. Er hat ja auch ein opulentes literarisches Werk vorzuweisen. Insofern war das eine bessere Entscheidung als einige in den vergangenen Jahren.

Gurnahs Werk ist hierzulande nicht besonders bekannt, auch weil nur wenig von ihm ins Deutsche übersetzt worden ist. Worum geht es bei Gurnah?

Brückner: Bei zehn Romanen, die er mittlerweile aufzuweisen hat, ist das nicht in einem Satz zu sagen. Es geht häufig um das Gefühl der inneren Zerrissenheit. Er schreibt in seinen Romanen sehr oft über das Problem der Flüchtlinge, die aus unterschiedlichen Gründen ihr Heimatland verlassen müssen, in ein neues Land gehen und dort irgendwie ankommen müssen, was natürlich mit Schwierigkeiten verbunden ist. Auf der anderen Seite reist das Land, das man verlassen hat, immer als "Rucksack" mit. In diesem Rucksack befinden sich Erfolge und Niederlagen, Ohnmacht, Verrat, Versagen, Liebe, Hoffnung, Hass - alles, was so ein menschliches Leben ausmacht. Und mit diesem Rucksack auf der einen Seite umzugehen, und dem, was der neue Ort an Herausforderungen bereithält - das ist der zentrale Konflikt.

Weitere Informationen
Der tansanische Literatur-Nobelpreisträger von 2021, Abdulrazak Gurnah © picture alliance / StockPix | Ger Harley | EdinburghEliteMedia.co.uk Foto: Ger Harley | EdinburghEliteMedia.co.uk

Abdulrazak Gurnah erhält den Literaturnobelpreis 2021

Die Schwedische Akademie in Stockholm verkündete ihre Entscheidung für den Autor aus Tansania am Donnerstag. mehr

Gurnah ist ja selbst so ein Rucksackträger. Er ist in Tansania auf Sansibar geboren und ist früh zum Studium nach Großbritannien gegangen. Er schreibt auf Englisch, und Sie haben ihn aus dem Englischen übersetzt. Wie sehr ist er dann die Stimme Afrikas, weswegen er jetzt auch so gefeiert wird?

Brückner: Er ist schon eine Stimme Afrikas. Das Englische, auch das Französische, mit Abstrichen das Portugiesische oder das Afrikaans sind ja mittlerweile afrikanische Literatursprachen, was mit der kolonialen Vergangenheit der Länder zu tun hat.

Es geht bei ihm auch um Rassismuserfahrungen, die er im "weißen" England machen musste, aber auch schon in seiner Heimat Tansania, wo mit Minderheiten nicht gut umgegangen worden ist. Inwiefern hat er da schon so eine Art von globalem Blick vorweggenommen - denn diese Werke stammen ja zum Teil aus den 80er- und 90er-Jahren?

Brückner: Man kann es so formulieren, dass er Konflikte, die wir jetzt in Europa überhaupt erst wahrzunehmen beginnen, literarisch schon vorweggenommen hat. Da spielt natürlich die eigene Erfahrung eine Rolle, wobei das nicht vordergründig in seinem Schreiben zum Ausdruck kommt. Es sind keine autobiografischen Bücher, die er geschrieben hat, sondern fiktive Geschichten.

Ist das jetzt ein "Kick" für die afrikanische, für die schwarze Literatur? Oder bleibt es eine einmalige Erscheinung, und wir können uns alle auf die Schulter klopfen, wie liberal wir sind, dass wir einem Afrikaner diesen Preis gegeben haben?

Brückner: Der Schluss, dass wir uns auf die Schulter klopfen, liegt natürlich nahe, wenn man die Anzahl der Autoren aus afrikanischen Ländern betrachtet, die bislang den Nobelpreis für Literatur erhalten haben. Insofern befürchte ich auch, dass das wieder nur eine Windhose ist, die sich dann kurz nach ihrem Erscheinen wieder auflösen wird, zumal man nicht von einer afrikanischen Literatur sprechen kann, sondern von afrikanischen Literaturen sprechen muss. Insofern ist es erst mal gut, dass über die Person Abdulrazak Gurnah wieder einmal der Blick auf diese Literaturen gelenkt wird. Aber ich glaube nicht, dass man allzu große Hoffnungen daran verschwenden sollte, dass sich an der grundsätzlichen Situation auf absehbare Zeit etwas ändert.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 07.10.2021 | 18:00 Uhr