Yascha Mounk © picture alliance / dpa Foto: Katerina Sulova

US-Wahl: "Stresstest für die amerikanische Demokratie"

Stand: 04.11.2020 17:13 Uhr

Der in München geborene Yascha Mounk lehrt an der Harvard University in den USA Politische Theorie. Die Krise der liberalen Demokratie ist seit vielen Jahren das Thema des Politikwissenschaftlers.

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Herr Mounk, die Tage vor der Wahl sah man Bilder der Verunsicherung: Geschäfte, die ihre Schaufenster mit Sperrholzplatten vernagelt haben, und Menschen, die Gewalt auf den Straßen fürchteten. Ist eine Demokratie in solchen Stunden besonders herausgefordert?

Yascha Mounk: Ja, natürlich ist das ein unglaublicher Stresstest für die amerikanische Demokratie - das sieht man auch an der aufgeheizten Stimmung. Wir haben in der Wahlnacht gesehen, dass Donald Trump behauptet hat, dass Menschen versucht haben, ihm die Wahl zu entreißen, dass es Betrug gegeben habe - ohne das irgendwie zu beweisen. Gleichzeitig habe ich aber mittlerweile das Gefühl, dass sich die mediale Klasse, zu der ich auch gehöre, ein bisschen an die eigenen Nase greifen sollte. Denn es gab zum Teil Voraussagen, dass es zu einer Art Bürgerkrieg kommen wird, dass Trumps Unterstützer sofort in die Straßen strömen werden, falls es danach aussieht, als ob er vielleicht verliere. Das mag es eventuell in den nächsten Tagen noch geben, wir sind sicherlich noch nicht aus der Gefahrenzone raus, aber bisher war die Wahl wirklich friedlich. Es gab auch keine größeren gewalttätigen Zusammenstöße an den Urnen am Wahltag. Vieles davon war also vielleicht doch Panik.

Als Donald Trump im November 2016 zum Präsidenten gewählt wurde, war die liberale Demokratie weltweit in einer fragilen Lage. Auch in Europa haben sich viele Länder nach rechts bewegt. Wo steht heute die Demokratie in den USA? Wie ist der Zustand der amerikanischen Gesellschaft?

Mounk: Vor vier oder fünf Jahren dachten wir noch, dass Demokratien in vielen Ländern - in Nordamerika, in Westeuropa, in Japan und Australien - so gefestigt sind, dass wir uns um die überhaupt keine Sorgen machen müssten, dass es natürlich auch in 30 oder 40 Jahren in diesen Ländern eine Demokratie geben wird. Gegen diesen falschen Konsens schreibe ich schon seit vor 2016 an - das hielt ich immer für einen Fehler. Wir haben in den letzten vier, fünf Jahren gesehen, wie stark autoritäre Populisten - ob Viktor Orbán in Ungarn, Recep Erdoğan in der Türkei, Hugo Chávez in Venezuela oder Donald Trump in den Vereinigten Staaten - die Demokratie lädieren können. Dieser Populismus wird auch nach Trump - falls er denn tatsächlich verlieren sollte - bei uns bleiben; auch in den USA ist er noch nicht verbannt.

Aber gleichzeitig ist die Geschichte der letzten vier Jahre durchaus auch eine optimistische in den USA. Denn die Institutionen haben sich hier besser gehalten als in manch einem anderen Land. Und falls Donald Trump tatsächlich abgewählt werden würde, wäre das eine Art Novum. Denn nicht nur gewinnen die allermeisten amerikanischen Präsidenten ihre Wiederwahl - die allermeisten Populisten in der Welt gewinnen auch das erste und das zweite Mal ihre Wiederwahl. Das bedeutet, dass das, was Amerika in diesen Stunden vielleicht schafft, durchaus eine historische Errungenschaft wäre.

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Mounk: Ich hätte große Angst um die demokratischen Institutionen im Land. Wir sehen zum Beispiel, wie sehr das Justizministerium seinen Freunden und Kumpanen Gefallen getan hat. Man könnte sich in den nächsten vier Jahren auch vorstellen, dass Trump anfängt, unter ausgedachten Gründen gegen Joe Biden zu ermitteln. Das müssen wir sehr ernst nehmen.

Gleichzeitig gibt es eine Sache, die wir jetzt schon über die Wahl wissen und die nicht wirklich in die Narrative der letzten vier Jahre passt: dass Trump viel Zustimmung unter Wählern, die aus ethnischen Minderheiten stammen, dazugewonnen hat: zum Teil unter Afroamerikanern, noch viel stärker unter Latinos. Joe Biden dagegen hat sehr stark bei weißen Wählern gepunktet: Er hat bei älteren weißen Wählern besser abgeschnitten als Hillary Clinton vor vier Jahren. Insofern sehen wir, was das Wahlverhalten angeht, eine Art von Depolarisierung in den USA: Das Land ist zwar in der Mitte geteilt, aber es ist nicht so, wie es sich viele Progressive in den USA ausmalen, dass die Minderheiten alle zu den Demokraten halten und die Weißen alle zu den Republikanern. Zumindest in dieser Hinsicht habe ich die Hoffnung, dass sich die USA auch in den nächsten Jahren weiter depolarisieren werden.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

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NDR Kultur | Journal | 04.11.2020 | 18:00 Uhr