Wellen eines Ozeans © imago images / blickwinkel

UNO ruft Dekade der Ozeanforschung aus

Stand: 26.01.2021 09:04 Uhr

Ozeane und Meere sind die größten Lebensräume der Erde. Nun haben die Vereinten Nationen das "Jahrzehnt der Ozeane" ausgerufen. Bis 2030 sollen damit der Schutz und die nachhaltige Entwicklung dieser einzigartigen Ökosysteme vorangetrieben werden.

von Thomas Samboll

Rauschende Wellen, kreischende Möwen, würzige Luft und unendliche Weite, so sieht für viele Menschen das ideale Bild des Meeres aus. Doch die Wirklichkeit ist eine andere: viel Müll an den Stränden, Mikroplastik im Wasser, verendete Seevögel, Fische und Meeressäuger an den Ufern, zunehmende Stumfluten und steigende Pegel.

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Katja Matthes © picture alliance/dpa Foto: Axel Heimken

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Im Deutschen Meeresmuseum in Stralsund kennt man all diese Probleme. Dort engagiert sich Dorit Liebers-Helbig für die Ozean-Dekade: "Das Meer ist wirklich unter großem Druck. Unter großem wirtschaftlichen Druck. Und da herrscht natürlich häufig noch eine Sorglosigkeit oder auch eine Unwissenheit, wie sehr unser Alltagsleben mit dem Meer verzahnt ist: Schnelle Amazon-Bestellungen übernacht heißen eben auch schnelle Transportwege, und schnellfahrende Schiffe erzeugen viel Lärm. Lärm im Meer ist ein Riesenproblem für viele Tiere."

Dekade für Forschung, Denkanstöße und Nachhaltigkeit

Die "UN-Dekade der Ozeanforschung für nachhaltige Entwicklung", wie sie offiziell heißt, soll also einerseits auf vorhandenem Wissen aufbauen und Denkanstöße liefern. Auch z.B. was die Zukunft der Meere angeht, erklärt Martin Visbeck vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Er ist einer der Organisatoren und Planer der Ozean-Dekade: "Könnte man sich auch vorstellen unsere Ernährung auf Algen, auf kleinere Lebewesen, auf Muscheln umzustellen? Das sind alles viel nachhaltigere Produkte als die großen Fische. Wir werden auch über energieaufwändige und auch verschmutzende Kreuzfahrten sprechen müssen."

Dorit Liebers-Helbig arbeitet an einem Model eines Humboldt-Kalmars © picture alliance / dpa | Stefan Sauer Foto: Stefan Sauer
Dorit Liebers-Helbig arbeitet an einem Model eines Humboldt-Kalmars im Meeresmuseum Stralsunf.

Daneben soll in dieser Dekade aber auch intensiv und global zum Thema Nachhaltigkeit geforscht und damit neues Wissen geschaffen werden. Dorit Liebers-Helbig nennt ein Beispiel: "Das Deutsche Meeresmuseum ist involviert in eine Forschungsmission zum Thema 'Meere als Kohlenstoffspeicher'. Da geht es um die Speicherung von CO2 im Meeresboden. Diese Verknüpfung zwischen Klimawandel und Meeren und Ozeanen spielt eine ganz entscheidende Rolle. Das ist ein Bereich für die industrialisierte, westliche Welt."

Greenpeace warnt vor "blauem" Wachstum

Um den Umgang mit den Ozeanen nachhaltig zu verändern, sind jedoch weltweite Anstrengungen nötig. Das heißt, so Martin Visbeck vom GEOMAR in Kiel: "Es geht genauso auch darum, die Kapazitäten und die Möglichkeiten in Afrika, in Latein- und Südamerika, im asiatischen Raum zu schaffen. 'No one left behind' - 'Keinen zurücklassen', das ist eine große Motivation, die uns antreibt. Wissen zu teilen zwischen dem, was man im Norden und was man im Süden braucht."

Mehr Forschung, mehr Zusammenarbeit, mehr Austausch von Wissen zum Wohle der Ozeane, das findet auch Thilo Maack von Greenpeace gut. Trotzdem befürchtet er, dass der Umweltschutz hier und da zu kurz kommen könnte und die Ökonomie die Oberhand behält: "Es sollen Projekte gefördert werden, wo es auch um 'blaues' Wachstum geht, also um Rohstoffausbeutung aus der Tiefsee. Und wenn das das Ergebnis einer solchen Dekade der Ozeanforschung ist, dann ist das nicht gut."

Dazu kommt: Die Meeresforschung ist offenbar chronisch unterfinanziert. Das hat die UNESCO festgestellt, die für die Wissenschaft zuständige Organisation der Vereinten Nationen. Demnach investiert Deutschland nur gerade mal 0,5 Prozent seines gesamten Forschungsetats in die Erkundung der Ozeane. Das Bundesforschungsministerium spricht von vier Prozent. Andere Staaten wänden noch sehr viel weniger für die Meere auf. Und das, obwohl auch die Generaldirektorin der UNESCO das Wissen über den Ozean als Schlüssel für die Zukunft der Menschheit bezeichnet. Aber vielleicht kann die Dekade der Ozeane daran ja etwas ändern - und eine Art Geldflut für die Ozeanforschung auslösen.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 26.01.2021 | 11:20 Uhr