Stand: 13.06.2019 09:14 Uhr

Trans-Biografien am Theater Lüneburg

von Benedikt Scheper

Für die Tanz-Theater-Gruppe "Transparence Theatre" geht ein Traum in Erfüllung - endlich haben sie eine Bühne für ihr Stück "Transparência" gefunden, das von einem reinen Transgender Cast aufgeführt wird. Im Theater Lüneburg feiert es nun Premiere.

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Aline de Oliveira bekam nach ihrer Geschlechtsangleichung keine Engagements mehr. Mit dem "Transparence Theatre" steht sie nun in Lüneburg auf der Bühne.

Seit seiner Gründung 2016 wollte das "Transparence Theatre" ein eigenes Stück auf die Bühne bringen. Die Tänzer*innen und Darsteller*innen der Gruppe sind ausnahmslos Transgender und auch ihr Stück widmet sich dem teilweise tabuisierten Thema der geschlechtlichen Identität. "Transparência", so der Titel, erzählt die dramatische, aber wahre Geschichte von Aline de Oliveira, früher ein international erfolgreicher brasilianischer Tänzer, heute - nach einer geschlechtsangleichenden Operation - eine Frau ohne Engagements. "Ich bin tierisch enttäuscht, ich bin so verletzt", sagt die Künstlerin. "Für mich ist das nicht wegen meiner Transsexualität, sondern weil ich nach 15 Jahren in dem Business plötzlich nicht mehr auf der Bühne tanzen und das machen kann, was ich kann. Warum ist das so?"

Glossar


Cis
Menschen, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt aufgrund anatomischer Merkmale zugewiesen wurde. Cis ist damit das Gegenstück zu Trans.

Enby
Menschen, die sich nicht als Man oder Frau identifizieren, sondern zu unterschiedlichen Anteilen beiden Geschlechtern zuordnen. Das Wort kommt aus dem englischen von der Abkürzung 'nb' für nonbinary (nichtbinär).

Gender
Der Begriff Gender bezeichnet im wissenschaftlichen Diskurs das sozial konstruierte Geschlecht. Auf persönlicher Ebene steht es für die persönliche Vorstellung vom eigenen Geschlecht und damit die Geschlechtsidentität.

Heteronormativität
In einer heteronormativen Gesellschaft wird Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit als soziale Norm postuliert.

Inter
Menschen, die genetisch, hormonell, anatomisch nicht eindeutig dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zugeordnet werden können.

LSBTIQ*
Abkürzung für: lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, intersexuell und queer. Das Zeichen * steht dabei für alle, die sich keiner dieser Attribute zuordnen wollen.

Queer
Menschen, die sich in der binären Geschlechterordnung (Mann/Frau) nicht wiederfinden, bezeichnen sich auch als queer oder genderqueer.

Trans*
Menschen, deren Geschlechtsidentität von dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht abweicht. Es gibt Transfrauen und Transmänner, aber auch Trans*Menschen, die geschlechtlich nicht verortet werden möchten, weil sie es selber nicht tun.

Transvestitismus
Die Praxis, mittels Kleidung, Schminke und Gestik die Rolle eines anderen Geschlechts anzunehmen - unabhängig von sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität.

Die Gruppe "Transparence Theatre" erzählt mit Text, Tanz und Gesang davon, was passiert, wenn Geschlechterzugehörigkeiten infrage gestellt werden. Sie bringt die sehr persönlichen Geschichten von Transgender-Menschen und Künstler*innen, die sich zu unterschiedlichen Anteilen beiden Geschlechtern zuordnen, auf die Bühne. Eine Performance über Liebe, Leid und Lust - das Leben fernab eindeutiger Rollenbilder. Die Gruppe bietet so auch einen Anlaufpunkt für transsexuelle Tänzer*innen, die sich bisher scheuten, sich zu outen, aus Furcht, keine Rollen mehr zu bekommen, erklärt Mitgründer Kolja Schallenberg: "Wir möchten 'Transparência' als Basisbaustein wissen für ein Theater, das Intersexuelle, Transsexuelle, Transgender und Enby-Menschen auf professioneller Theaterebene zusammenbringt und für die breite Öffentlichkeit verständlich macht."

Transgender: (K)ein Thema für die Bühne

Das war und ist aber gar nicht so leicht: Unterstützer zu finden, gestaltete sich selbst in der als liberal geltenden Ballett- und Theaterszene mehr als schwierig. "Wir haben unzählige Theater - 20, 25 in Deutschland, von klein bis groß, vom Stadt- und Regionaltheater bis zum Staatstheater - angeschrieben, auch hier in Hamburg kam keine Rückmeldung von den Tanzhäusern. Wirtschaftsunternehmen haben wir 80, 90, 100 angeschrieben, unzählige Vereine, Theater. Es ist schwierig, Antworten waren sehr selten und wenn dann ohne Begründung oder so, damit man sich selbst nicht angreifbar macht."

Nach Recherchen von NDR Kultur ergibt sich für einzelne angefragte Institutionen ein etwas anderes Bild. So gab das Niedersächsische Kultusministerium an, die Gruppe habe die Förderkriterien nicht erfüllt. Die Daimler AG verwies auf ihr Konzept langfristiger Partnerschaften, in das die Bewerber nicht passen würden. Das Hamburg Ballett arbeite üblicherweise nur mit großen internationalen Tanz-Kompanien, nicht aber mit kleinen Newcomer-Ensembles zusammen, so die jeweiligen Pressestellen. Manche Theater betonten ihren Autonomie- und Qualitätsanspruch bei der Stückauswahl. Das findet Kolja Schallenberg auch verständlich: "Dass man Absagen bekommt oder gar keine Antwort, ist normal. Aber was mich enttäuscht hat, dass es gerade dieses gesellschaftliche Thema nicht schafft, auf die Agenda der Theater zu kommen."

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Kolja Schallenberg ist Mitbegründer des "Transparence Theatre" und Regisseur des Stücks "Transparência".

So sorgt die enorme Masse an oft unbegründeten Absagen für ein virulentes Thema wie Transsexualität bei ihm für Unverständnis. Schließlich seien alle Ensemble-Mitglieder erfahrene Profis. Immerhin hat inzwischen Hamburgs Grüne Gleichstellungs-Senatorin Katharina Fegebank die Schirmherrschaft für die Gruppe übernommen. Neue Kontakte und Auftrittsmöglichkeiten haben sich dadurch bereits ergeben. Ungewöhnlich: Auch Politiker anderer Bundesländer interessieren sich nun für das Stück. Doch noch fehlen mehr Theater, die die Gruppe auftreten lassen. Dass die Politik hier progressiver als die Theaterszene zu sein scheint, klingt paradox, gibt aber den Machern neue Hoffnung. Sie wollen versuchen, wenn die Premiere in Lüneburg glückt, ihr Stück in ganz Deutschland zu spielen. NDR Kultur erfuhr, dass Hamburger Kampnagel-Kuratoren sich die erste Vorstellung anschauen wollen. Und so ist Aline de Oliveira zuversichtlich, vergisst aber nicht zu appellieren: "Wir müssen nicht akzeptiert werden, wir müssen nur gesehen werden. Also bitte, alle Theater-Intendanten in Deutschland, lasst uns rein."

Weitere Informationen
NDR Kultur

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Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Theater Lüneburg
An den Reeperbahnen 3
21335  Lüneburg
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 13.06.2019 | 09:20 Uhr

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