Irene Dische © imago

Sturm auf US-Kapitol: "Ich habe mich wahnsinnig gefreut!"

Stand: 07.01.2021 17:56 Uhr

Am Mittwoch haben zahlreiche Trump-Anhänger den US-Kongress in Washington gestürmt und die Sitzung zur Bestätigung des Wahlsieges von Trump-Nachfolger Joe Biden unterbrochen. Ein Gespräch mit der US-Schriftstellerin Irene Dische.

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Frau Dische, was haben Sie gedacht, als Sie die Bilder vom Sturm auf das Kapitol gesehen haben?

Irene Dische: Ich habe mich so wahnsinnig gefreut, weil es genau das ist, was diese Republikaner verdient haben. Es ist genau das passiert, womit Trump immer gedroht hat, was man immer befürchtet hat. In Amerika dreht sich alles um das Bild - und dieses Bild war nicht erträglich, auch nicht für die rechten Republikaner. Das ging zu weit. Da haben sie endlich einsehen müssen, was Trump bedeutet.

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Anhänger von Präsident Donald Trump klettern in Washington auf die Westwand des US-Kapitols. © Jose Luis Magana/AP/dpa Foto: Jose Luis Magana

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Viele Republikaner haben sich heute vom Präsidenten abgewandt. Wer waren denn die Menschen, die vor dem Kapitol demonstriert haben und zum Teil ins Kapitol gestürmt sind?

Dische: Das sind die Proud Boys, zu denen Trump "I love you" ruft. Ivanka Trump nennt sie "great American patriots". Das ist ein Gesindel wie in den 20er-Jahren in Berlin. Sie wurden leider zum Teil von den Polizisten hereingelassen, von denen sie offensichtlich auch unterstützt wurden. Gestern war es für mich ein guter Tag, weil die Demokraten den Senat wieder zurückbekommen haben - mit zwei sehr guten Senatoren aus dem tiefen Süden.

Wie erleben Sie denn die Stimmung gerade in den USA? Denn die Wahl ist denkbar knapp ausgegangen. Ist es tatsächlich fifty-fifty? Oder ist das, was sich am Mittwoch Bahn gebrochen hat, nur ein kleiner Teil der Republikaner?

Dische: Es ist ein kleiner Teil. Es war ein bedeutender Teil, aber mit dieser Aktion, dem Stürmen dieses Gebäudes, werden sie viel Macht verlieren. Es gibt einen großer Druck von den Republikanern, Trump für die letzten zwei Wochen abzuwählen. Es ist eine mächtige Zurückweisung im Gange. Diese Bilder können die Leute nicht ertragen. Ich habe heute mehrere Briefe von Republikanern, von Trumps Unterstützern, bekommen, in denen sie schreiben, dass das zu viel war und dass sie sich abwenden.

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Unterstützer von US-Präsident Trump stürmen das Kapitol in Washington. © John Minchillo/AP/dpa

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Werden diese Ausschreitungen in der verbleibenden Amtszeit von Donald Trump singulär bleiben? Oder haben wir zu befürchten, dass sich das in den kommenden 13 Tagen noch mal wiederholt, womöglich sogar verschärft?

Dische: Ich glaube nicht, dass es sich wiederholt. Trump hat eine sehr entscheidende Rolle dabei gespielt, weil er zu diesen Ausschreitungen aufgerufen hat. Er kann das nicht nochmal machen. Es könnte passieren, dass er jetzt aus dem Amt geschmissen wird. Ich halte das für unwahrscheinlich, aber für möglich, dass Pence ihn als "unfit" deklarieren lässt und dass er schnell abgewählt wird. Es gibt eine große Bewegung unter den Republikanern, das zu tun. Das, was gestern passiert ist, kann nicht vergessen werden; es war vergleichbar mit 9/11.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 07.01.2021 | 18:00 Uhr