Stand: 13.07.2020 18:12 Uhr  - NDR Kultur

Stiftung Preußischer Kulturbesitz: Gutachten empfiehlt Auflösung

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz steht auf dem Prüfstand. Museen, Bibliotheken, Archive, Forschungseinrichtungen - zu groß, um zu funktionieren. Immer wieder gab und gibt es kritische Rückfragen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat deshalb vor zwei Jahren den Wissenschaftsrat beauftragt, sich der Sache anzunehmen. Nun steht das Ergebnis fest. Ein Gespräch mit der Dresdner Literaturwissenschaftlerin Marina Münkler; unter ihrem Vorsitz hat eine Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrates das Gutachten erstellt.

Frau Münkler, Ihre Empfehlung heißt kurz gefasst: Aus eins mach vier. Die Dachstruktur der Stiftung soll aufgelöst, die Museen als eigene Stiftung installiert werden. Der Rest - Staatsbibliothek, Staatsarchiv und Ibero-Amerikanisches Institut - wandert zur Kulturstaatsministerin. Wie sind Sie zu dieser Entscheidung gekommen?

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Unter dem Vorsitz von Marina Münkler hat eine Arbeitsgruppe "einen Blick von außen" auf die Stiftung Preußischer Kulturbesitz geworfen.

Marina Münkler: Wir haben zum einen mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der unterschiedlichen Hierarchie-Ebenen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gesprochen und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es in dieser Governance-Struktur zu viele unklare Verantwortlichkeiten und widerstreitende Interessen gibt, und dass es besser wäre, wenn man das auflöst. Es gibt auch ein Grundproblem für die Stiftung: dass der Bund den Löwenanteil der Kosten trägt, dass aber beispielsweise das Land Berlin eigentlich immer mitzahlen muss. Wenn es das nicht kann, dann können auch bestimmte Zuweisungen des Bundes nicht erfolgen. Aus diesem Grund sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass die Staatsbibliothek, das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz und das Ibero-Amerikanische Institut am besten herausgelöst werden. Man hat dann diese drei Institutionen, die sich direkt an ihren Mittelgeber, den Bund, wenden können.

Den Zusammenhang der Staatlichen Museen zu Berlin kann man nicht einfach so auseinanderreißen - die müssen eng miteinander kooperieren. Aber die Häuser brauchen ein eigenes Budget. Dafür ist dieser Verbund wichtig und richtig. Der sollte einen Generalintendanten oder eine Generalintendantin haben und dem Ganzen übergeordnet einen Stiftungsrat, der einerseits schaut, wie die Mittelausgabe funktioniert, aber andererseits strategisch berät. Viele internationale Museumsverbünde haben das, und wir fanden es sehr sinnvoll, das so auch in Berlin einzurichten.

Man spricht gerne von einem riesigen Tanker, der zu schwerfällig geworden ist. Hätte man da nicht schon viel früher eingreifen müssen? Gab es da zu wenig Reformeifer?

Münkler: Innen drin gab es schon Reformbemühungen, zum Beispiel von der Stiftungsleitung in der Gestalt des Präsidenten. Auch in den Museen gab es intensive Wünsche nach Reformen. Nun sind nicht immer alle in die gleiche Richtung gegangen und es gab immer gewisse Vorgaben von außen. Es ist nicht einfach, wenn man in solchen Strukturen drin ist, alles alleine zu entscheiden. Deswegen ist der Wissenschaftsrat beauftragt worden, von außen einen Blick draufzuwerfen. Ich glaube, das war sehr sinnvoll. Herr Parzinger hat das auch sehr begrüßt, dass es diesen Blick von außen gibt.

Ob man das früher hätte sehen können - das kann man natürlich immer sagen. Aber das hilft jetzt auch nicht. Wir sind vor zwei Jahren beauftragt worden und wir haben, finde ich, sehr sorgfältig und gründlich gearbeitet. Wir haben uns richtig Mühe gegeben, diese Institution voranzubringen.

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Trotzdem sind einerseits hohe Summen in die Umgestaltung der Museumslandschaft geflossen. Auf der anderen Seite sind Galerien und Sammlungen dabei, die Hauptstadt zu verlassen. Und schließlich der Hamburger Bahnhof: unklare Besitzverhältnisse, Abriss der Rieckhallen. Das passt alles nicht richtig zusammen.

Münkler: Diese Struktur hat so viel internen Abstimmungsbedarf, dass es schwer ist, immer an der richtigen Stelle die richtige Aufmerksamkeit zu haben. Und da glauben wir, dass mit unserem Vorschlag etwas erreicht werden kann. Grundsätzlich muss man sagen, dass die Sammlungen und Bestände und auch die Arbeit, die auf vielen Ebenen geleistet wird, großartig und wichtig ist. Man muss jetzt an bestimmten Stellen strukturelle Umstellungen vornehmen - aber dann wird diese neue Stiftung auch herausragend gute Ergebnisse zeigen können.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist keine Berlin-Causa. Allein die Bundesländer, die jahrzehntelang für die Stiftung gezahlt haben, müssen sich auch zu ihrer Empfehlung verhalten. Welche Reaktionen erwarten Sie jetzt?

Münkler: Es gibt ja schon eine Reaktion der Bundesländer, denn der Wissenschaftsrat besteht ja aus zwei Kommissionen: aus der Wissenschaftlichen Kommission und aus der Verwaltungskommission. Und in jeder AG, die eine Institution evaluiert, sind immer Vertreter des Bundes und der Länder mit drin. Der Gesamtwissenschaftsrat hat dieses Papier mit einem wichtigen Zusatz verabschiedet, der den Ländern wichtig war: dass in der Vorbemerkung drinsteht, dass die Kulturministerinnen und -minister der Länder darüber noch einmal beraten. Wir hoffen, dass sie das tun und auf einen guten Weg bringen.

Wie lange wird die Umstrukturierung dauern, bis in Berlin die neuen Strukturen entstehen und die neuen Institutionen gegründet sind?

Münkler: Das wird sicher einige Jahre in Anspruch nehmen. Der Wissenschaftsrat hat am Ende jeder Evaluation eine Berichtsbitte: Nach drei Jahren möchte er darüber informiert werden, was bislang passiert ist. Es wird sicher nicht möglich sein, das schon in drei Jahren hinzubekommen. Aber Herr Parzinger hat auf der Pressekonferenz gesagt, er habe jetzt noch eine Amtszeit von fünf Jahren. Und wenn er dann sagen könnte, dass wir die Stiftung gut neu aufgestellt haben, dann wäre er zufrieden und würde glücklich in den Ruhestand gehen. Fünf Jahre ist auf jeden Fall ein Zeitraum, den man brauchen wird. Vielleicht reicht er auch nicht in allem. Aber das Entscheidende ist, dass man jetzt die Schritte einleitet.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen.

Marina Münkler © picture alliance/Christoph Soeder/dpa Foto: Christoph Soeder

Stiftung Preußischer Kulturbesitz: Gutachten empfiehlt Auflösung

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Unter dem Vorsitz der Literaturwissenschaftlerin Marina Münkler hat eine Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrates ein Gutachten zur Causa Stiftung Preußischer Kulturbesitz erstellt. Ein Gespräch.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 13.07.2020 | 19:00 Uhr

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