Stand: 07.08.2018 17:54 Uhr

Viel Neues auf der Ruhrtriennale

Jedes Jahr sind es außergewöhnliche Schauplätze, an denen die Ruhrtriennale ihre Bühnen bespielt: Gießhallen, Maschinenhäuser, Kokereien - Orte, an denen kulturelle Experimentierfreude erprobt wird. Drei Jahre hat das Intendant Johan Simons getan. Jetzt hat er den Stab abgegeben an Stefanie Carp, die erste Frau an der Spitze der seit 2002 stattfindenden Ruhrtriennale.

Frau Carp, vor ein paar Wochen hatte es schon Unruhe gegeben: Sie hatten die umstrittenen Musiker Young Fathers aus Schottland eingeladen, eine Gruppe mit zweifelhafter politischer Einstellung Israel gegenüber. Die Musiker werden nicht zur Ruhrtriennale kommen. Das war ein holpriger Start. Warum wollten Sie Young Fathers auf der Ruhrtriennale haben?

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Stefanie Carp ist die neue Intendantin der Ruhrtriennale.

Stefanie Carp: Ich wollte ja erst mal einfach überhaupt ein paar Konzerte aus dem Bereich Popmusik bei der Ruhrtriennale haben. Das gehört dazu, finde ich, dass man auch an jüngere Leute Angebote macht, dass man gerne das Publikum etwas verjüngen möchte. Ich wollte diesen Teil des Musikbereiches nicht völlig abgekoppelt von jeder Art Programmidee und Inhalt haben, sondern habe nach Bands gesucht, die etwas mit dem Programm zu tun haben, mit Migration, mit Rassismus und so weiter.

Statt des Auftritts wird es jetzt eine Podiumsdiskussion geben zum Thema "Freiheit der Künste". Wie frei sind denn die Künste aus Ihrer Sicht?

Carp: Ich denke, dass ein internationales Festival großen Wert darauf legen muss, die unterschiedlichsten Perspektiven miteinander in Dialog zu bringen und auch gelten zu lassen. Da gibt es natürlich eine ganz klare Trennlinie, wo es nicht geht: Für mich wäre ein Ausschlusskriterium, wenn Künstlerinnen oder Künstler in dem, was sie ausdrücken, verbalisieren und tun, rassistisch, antisemitisch oder islamophob oder homophob sind. Das geht natürlich nicht, da würde ich als Kurator nicht wollen, dass sich solche Künstlerinnen oder Künstler innerhalb dieses Programms äußern dürfen. Aber dass ein Mensch, der in Beirut oder in Ramallah aufgewachsen ist, eine andere Perspektive auf die Welt hat als jemand, der in Paris oder London aufgewachsen ist, das ist auch ein wichtiges Thema eines solchen Festivals.

Sie haben die diesjährige Ruhrtriennale überschrieben mit "Zwischenzeit". Was wollen Sie mit diesem ambitionierten Begriff zum Ausdruck bringen?

Carp: Damit möchte ich zum Ausdruck bringen, dass wir spüren und empfinden, dass sich schon in sehr kurzer Zeit wahrscheinlich alle Parameter unseres Lebens sehr verändern werden und dass wir jetzt noch Zeit hätten, diese Veränderungen aktiv zu gestalten oder mitzugestalten: zu verhindern, dass wir unsere Demokratien verlieren, zu befördern, dass wir eine größere Bereitschaft haben, viele Menschen gleichberechtigt an allem zu beteiligen, dass die Europäer bereit sind zu teilen, sich zu verkleinern und sich zu öffnen. Also eigentlich das umgekehrte Programm als das, was gerade politisch realisiert wird.

Eröffnet wird die Ruhrtriennale am Donnerstag mit William Kentridge und einem Stück, in dem er sich aus der Perspektive Afrikas mit dem Ersten Weltkrieg auseinandersetzt. Die Festivalrede wird auf das Thema Migration eingehen. Setzen Sie damit gleich zu Beginn markante politische Akzente?

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In dem Stück "The Head & the Load" setzt sich William Kentridge aus afrikanischer Sicht mit dem Ersten Weltkrieg auseinander.

Carp: Ich denke, dass das ganze Programm einen Akzent in diese Richtung setzt - das ist ein Binnenthema des ganzen Programms. William Kentridge ist einer der großartigsten internationalen Künstler - der erstaunlicherweise noch nie an der Ruhrtriennale war -, der mit einer unglaublichen visuellen Kraft und einer sowohl ästhetischen wie ethischen Überzeugtheit und Überzeugungsfähigkeit ein Thema hier berührt, das man in Europa immer verdrängt hat: wie die europäischen Kolonialmächte Millionen Menschen in Afrika auf Schlachtfelder gezwungen haben, indem sie Waffen und irrsinnig schweres Kriegsgerät schleppen mussten. Deshalb der Titel: "The Head & the Load". William Kentridge gelingt es immer, so etwas in einer Art und Weise zu visualisieren und auch zu komponieren, die verblüffend ist, weil es einen unglaublich bewegt und es gleichzeitig intellektuell sehr komplex ist. Es gibt nicht viele Orte, die diese Produktion überhaupt zeigen können, weil man dafür einen 52 Meter langen, schmalen, dunklen Raum dafür braucht, den wir in der Kraftzentrale Duisburg herstellen konnten. Normale Theater oder Opernhäuser könnten so etwas gar nicht herstellen.

Wollte man Ihr Programm mit einem Etikett versehen, dann könnte das heißen: "Vom Süden lernen". Tatsächlich haben Sie viele bislang unbekannte Künstlerinnen und Künstler eingeladen: Fast 1.000 werden kommen, aus rund 30 Ländern (aus Burkina Faso, Mali, Argentinien oder Syrien). Sehr viele neue Namen sind dabei. Wie verbinden Sie das mit der etablierten Kunstszene?

Carp: Zum Teil gehören die international auch zu einer etablierten Kunstszene. Ich habe ein bisschen nach Künstlern gesucht, die hier noch nicht waren. Wenn Politiker sich dafür entscheiden, alle drei Jahre einen neuen Intendanten zu installieren, dann ist damit wohl die Aufgabe verbunden, dass man auch alle drei Jahre andere Künstlerinnen und Künstler und andere Konzepte kennenlernt, sonst macht es ja keinen Sinn. Und das versuche ich, indem ich berühmte internationale Künstlerinnen und Künstler einlade, die zu der berühmteren Avantgarde gehören, hier aber noch nicht waren - aber auch Stimmen aus dem globalen Süden, die auf dem Weg dahin sind, von denen man sich vorstellen kann, dass sie auch in diesen großen Räumen bestehen können, uns aber vielleicht etwas Neues noch zur Ruhrtriennale hinzugeben.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Stefanie Carp © imago

Ausblick auf die Ruhrtriennale 2018

NDR Kultur - Journal -

Stefanie Carp, die erste Frau an der Spitze der seit 2002 stattfindenden Ruhrtriennale, spricht auf NDR Kultur über das neue Programm und ihre Ideen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 07.08.2018 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Stefanie-Carp-zur-Ruhrtriennale-2018,journal1392.html

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