Stand: 19.02.2020 16:51 Uhr

Start der Berlinale: Ein Ausblick aufs Festival

Am Donnerstag werden die 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin eröffnet. Gezeigt werden 342 Filme in zehn Tagen. Die Filmkritikerin Katja Nicodemus berichtet für uns vom Festival.

Frau Nicodemus, wie viele Filme werden Sie sich ansehen bei dieser Berlinale?

Katja Nicodemus: Zu meinem Beruf gehört auch, möglichst Filme schon vorher zu sehen, damit ich darüber berichten kann. Ich habe vielleicht 20 Filme vorab gesehen und werde im Laufe der Berlinale noch einmal 30 bis 40 Filme sehen. Das sind aber in den zehn Festivaltagen gerade mal um die 15 Prozent des Programms - um mal eine Vorstellung zu geben, wie riesig die Berlinale ist.

Und hat man oft Gefühl: Schade, dass ich diesen Film jetzt nicht sehen kann oder jenen schon verpasst habe?

Nicodemus: Ich gehöre zu den Menschen, die diese Meckerei, dass die Berlinale zu groß sei, nicht verstehen können. Denn man schafft es sowieso nicht, alles zu sehen. Und ob man zehn oder 15 Prozent schafft, ist doch eigentlich egal. Die Hauptsache ist, dass möglichst viele Leute viele Filme sehen. Es spricht sich dann sowieso herum, welche Filme man unbedingt sehen muss.

Das Festival hat eine neue Leitung: eine Doppelspitze mit der Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und dem Italiener Carlo Chatrian als künstlerischem Leiter. Wie unterscheidet sich das Programm im Vergleich zu den vergangenen Jahren?

Nicodemus: Vom Profil der Filme her ist es gar nicht so ein großer Unterschied. Die wichtigste Neuerung ist ein neuer Nebenwettbewerb namens Encounters, in dem keine Berlinale-Bären vergeben werden, sondern Berlinale-Plaketten. Carlo Chatrian hat diesen Wettbewerb als Sammelbecken für künstlerisch-innovative Filme ausgerufen, die neue Wege der Produktion beschreiten. Da läuft zum Beispiel "Orphea", der neue Film von Alexander Kluge. Oder auch "Die letzte Stadt", ein Film des bedeutenden deutschen Film-Essayisten Heinz Emigholz. Man muss dazu sagen, dass es bei der Berlinale bereits eine Sektion gibt, die für ästhetische Innovationen zuständig ist, nämlich das Internationale Forum des Jungen Films. Die große Frage wird jetzt sein: Wird der neue Wettbewerb ein zusätzliches Profil in dieses Festival hineinbringen oder wird er einfach nur eine weitere Schublade sein?

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Die Berlinale galt schon immer als politisches Festival. Wird sich das in diesem Jahr fortsetzen?

Nicodemus: Das ist unvermeidlich, weil die Berlinale diese Tradition hat. Und auch von den Einreichungen her ist das ganz klar. Die Frage ist nur, ob dieses politische Kino eher ein Kino der politischen Botschaften ist, wie es unter dem vorherigen Leiter Dieter Kosslick ein bisschen zu oft war, oder ob es eine Bilderpolitik gibt, ob die Filme auf politische Weise gemacht sind und die Bilder selbst die Politik sind. Im diesjährigen Festival läuft zum Beispiel ein Film, der mich sehr beeindruckt hat: Für "Saudi Runaway" hat eine junge Frau aus Saudi-Arabien mit zwei Smartphones ihr Leben in ihrer Familie gefilmt. Man weiß von der ganzen Unterdrückung und Diskriminierung in Saudi-Arabien aus den Medien - aber hier sieht man sie wirklich. Sie filmt auch die Planungen für ihre Flucht. Und das ist ein Fall, wo die Bilder selbst Politik sind. Man sieht zum Beispiel Straßenszenen in Mekka, die sie heimlich aus dem Sehschlitz ihrer Niqab filmt. Das ist spannendes politisches Kino.

Der neue Leiter Carlo Chatrian hat im vergangenen Jahr in einem Interview gesagt: "Die Berlinale ist keine Glamour-Maschine, wir sind ja nicht die Fashion Week." Bedeutet das auch, dass es weniger Stars auf dem roten Teppich geben wird?

Nicodemus: Ich glaube, dass Carlo Chatrian diese Äußerung mittlerweile sehr bereut, weil die ihm jetzt immer wieder um die Ohren gehauen wird. Der Star-Koeffizient eines Festivals wie der Berlinale hat nichts oder nur sehr wenig damit zu tun, wer gerade Chef ist. Die Berlinale muss die Stars nehmen, die sie kriegen kann, denn die Oscars sind vorbei und die Glamourluft ist sehr dünn geworden. Aber das Festival wird eröffnet mit Sigourney Weaver; sie spielt in dem Film "My Salinger Year" von Philippe Falardeau. Ansonsten kommen Cate Blanchett und Johnny Depp - es gibt also schon ein paar Stars, aber die Berlinale ist eben nicht so verwöhnt wie die Festivals von Venedig und Cannes.

Das Gespräch führte Philipp Schmid.

Ein Kopfhörer liegt auf einem Mischpult. © NDR Foto: Gitte Alpen

Katja Nicodemus im Gespräch

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Die NDR Kultur Kinoexpertin Katja Nicodemus berichtet von der Berlinale. Im Gespräch erzählt sie, wie sich das Programm unter der neuen Führung im Vergleich zu den Vorjahren verändert hat.

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Klassisch in den Tag | 19.02.2020 | 07:20 Uhr

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