Stand: 31.01.2019 10:13 Uhr

Auswahl fürs Berliner Theatertreffen steht

Die Jury des Berliner Theatertreffens hat ihre Auswahl für die diesjährige Ausgabe bekanntgegeben. Und weil der Anspruch der Jury Jahr für Jahr ist, nicht etwa nur ein gutes Festivalprogramm zusammenzustellen, sondern die bemerkenswertesten Inszenierungen des vergangenen Jahres im deutschsprachigen Raum einzuladen, ist die Einladung gleichzeitig auch eine Auszeichnung - ausgesprochen von den sieben führenden Theaterkritikerinnen und Theaterkritikern. Eine von ihnen ist die freie Kritikerin Shirin Sojitrawalla.

Frau Sojitrawalla, eine Mammutaufgabe liegt hinter Ihnen. Die Jurorinnen und Juroren haben jeweils zwischen 94 und 124 Inszenierungen gesehen und beurteilt, insgesamt hat die Jury 418 Inszenierungen in 65 deutschsprachigen Städten besucht. Wie schaffen es sieben Menschen, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen?

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Die Jury des Theatertreffens 2019: v.l. Dorothea Marcus, Christian Rakow, Shirin Sojitrawalla, Andreas Klaeui, Eva Behrendt, Wolfgang Höbel, Margarete Affenzeller

Shirin Sojitrawalla: Indem sie acht lange Stunden zusammen sitzen und das diskutieren. Wir diskutieren eigentlich auch das ganze Jahr über über diese Stücke. Nur so kann man das erklären, dass man auf einen Nenner kommt.

Was sind die Kriterien?

Sojitrawalla: Das ist eine schwierige Frage. Unser Schlagwort seit der Gründung des Theatertreffens ist, dass wir die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen auswählen. Und dieser Begriff ist natürlich etwas dehnbar. Für uns ist es wichtig, dass es formal bemerkenswert ist und inhaltlich. Dann gibt es noch Kriterien, dass wenn wir Regisseure wieder einladen, dass sich in dem Werk etwas verändert haben muss oder dass der Regisseur einen neuen Dreh gefunden hat.

Man muss auch sagen, dass die Jurymitglieder alle sehr verschieden sind. Wir kommen aus unterschiedlichen Ecken in Deutschland, haben unterschiedlichen Hintergrund, wir sind unterschiedlich alt, Frauen, Männer. Wir haben auch ganz unterschiedlichen Theater-Geschmack und unterschiedliche Sehgewohnheiten. Und das alles spiegelt sich in der Auswahl und in unseren Diskussionen wieder.

Der Norden ist leider leer ausgegangen. Aber das Staatsschauspiel Dresden ist mit zwei Inszenierungen eingeladen. Was macht das im Moment so bemerkenswert?

Sojitrawalla: Es war sogar noch eine dritte Inszenierung im Gespräch, "Der Untertan" von Jan-Christoph Gockel. Das Dresdener Schauspiel macht ziemlich viel richtig, weil es sehr aufregende Regisseure an sein Haus bindet und denen die Möglichkeit gibt, da zu arbeiten. Ein Regisseur wie Ulrich Rasche etwa arbeitet mit riesigen Bühnenaufbauten - das muss man als Haus auch unterstützen. Der legt das Haus dadurch ein bisschen lahm, weil das sehr viel Energie und Geld frisst. Und da braucht man Menschen, die hinter dieser künstlerischen Position stehen und das fördern.

Beide Dresdener Inszenierungen haben mit dem, was früher mal "Drama" genannt wurde, mit einem Bühnentext, nichts mehr zu tun. Das fällt auch bei den anderen Inszenierungen auf. Das Wenigste basiert noch auf einer klassischen Textvorlage. Wie kommt das? Ist die Inszenierung mittlerweile wichtiger als das, was da gesagt wird?

Sojitrawalla: Es gibt schon Stücke in der Auswahl, die auf klassischen Texten basieren, aber sie werden nicht mehr oft in ihrer klassischen Form gespielt. Wir haben zum Beispiel "Hotel Strindberg" oder "Tartuffe" dabei - aber das sind Überschreibungen. In diesen Überschreibungen sehen wir aber einen Weg, wie man diese Stücke für die Gegenwart frischhalten kann.

In der "FAZ" gibt es zurzeit eine Serie, die ganz alte Stücke wieder ausgräbt, oder neue Stücke, die auf den Bühnen bisher vergessen wurden. Es gibt so eine Sehnsucht, gerade von Leuten, die sehr häufig ins Theater gehen, dass da noch mal etwas passiert. Denn man kann sich nicht 25 mal hintereinander den "Kirschgarten" von Tschechow so, wie er auf dem Papier steht, anschauen - das wäre langweilig.

Ist es unmöglich geworden, Gegenwart in Text zu bannen, sodass man es auf die Bühne bringen kann?

Sojitrawalla: Das gibt es ja auch. Es gibt andere Festivals wie Mühlheim, die Theaterstücke der Gegenwart auszeichnen. Aber beim Theatertreffen in Berlin liegt der Fokus auf den Inszenierungen. Undenkbar ist das also nicht, und es ist ja nicht so, dass sich bei uns keine Gegenwart spiegelt - nur vielleicht in anderen Formen. Im Stück "Oratorium" von She She Pop werden zum Beispiel Stoffe der Gegenwart zum Thema gemacht.

Eingeladen sind natürlich die üblichen Verdächtigen: Burgtheater Wien, Deutsches Theater Berlin, Theater Basel, Münchner Kammerspiele - damit kann man fast jedes Jahr rechnen. Dazu gibt es aber die Inszenierungen der Freien Szene - da ist auch die Kulturfabrik Kampnagel in Hamburg dreimal in Koproduktion mitbeteiligt. Können diese Inszenierungen überhaupt mithalten, oder ist das eine Alibi-Funktion der Jury, zu sagen, dass man auch auf die Freie Szene schaut?

Sojitrawalla: Nein, das ist auf keinen Fall ein Alibi. Sie können natürlich auch mithalten, weil sie sich zusammenschließen. Es sind ganz viele freie Produktionshäuser, die solche Inszenierungen tragen, wie die von She She Pop oder "Unendlicher Spaß" von Thorsten Lensing.

Sehen Sie überhaupt einen Unterschied zwischen den subventionierten städtischen, staatlichen Theatern und dieser Freien Szene?

Sojitrawalla: Es gibt natürlich von den Produktionsbedingungen Unterschiede. So etwas wie She She Pop ist an einem Stadttheater schwer denkbar, weil da im Kollektiv Sachen entschieden werden. Die können keinen Intendanten gebrauchen, der sich bei der Generalprobe einmischt. Das ist eine ganz andere Art zu arbeiten.

Das Interview führte Jürgen Deppe

In einer früheren Version des Gespräches hieß es: "Aus dem Norden hat es nur John von Düffels Inszenierung des "Schimmelreiters" in die Auswahl des Berliner Theatertreffens geschafft." Richtig ist, dass keine Inszenierung aus dem Norden beim Berliner Theatertreffen 2019 vertreten ist. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 30.01.2019 | 19:00 Uhr

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