Stand: 12.12.2017 18:59 Uhr

Anti-Israel-Proteste: "Wo sind die Gegendemos?"

Seitdem Donald Trump verkündet hat, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, ist der Konflikt wieder verschärft ausgebrochen. In Berlin etwa waren am Wochenende bei Kundgebungen, bei Anti-Israel-Protesten israelische Flaggen verbrannt worden. Keimt erneut ein offener Antisemitismus auf, und welche Rolle spielt dabei der Islam? Fragen an die Rechtsanwältin, Publizistin, Muslimin Seyran Ateş.

Frau Ateş, bei den Berliner Demonstrationen hatten sich viele Hamas-Flaggen um den Hals geschlungen - die Demonstranten waren also eindeutig identifizierbar: junge, teils jugendliche Muslime. Sie schreiben in Ihrem Buch "Selam, Frau Imamin", dass Antisemitismus unter Muslimen auch in Deutschland weit verbreitet ist. Woher kommt dieser Hass, diese Wut?

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Seyran Ateş will fundamentalistischen Tendenzen im Islam entgegenwirken. Ihr Buch "Selam, Frau Imamin" ist im Ullstein Verlag erschienen und kostet 20,00 Euro.

Seyran Ateş: Ich möchte zunächst feststellen, dass nicht nur junge Männer mit Hamas-Flaggen, sondern auch sehr viele türkische junge Männer mit Türkei-Flaggen zu sehen waren. Die dürfen dabei nicht übersehen werden bei dem Antisemitismus, der hier betrieben wird - auch noch einmal durch Herrn Erdogan gefüttert. Wir haben es mit islamischen Ländern zu tun, die gegen Israel Position einnehmen.

Es gibt schon sehr lange einen Antisemitismus unter jungen muslimischen Männern. Man hat sich kaum getraut, darüber zu reden; sobald man das gemacht hat, wurde man als islamophob - das ist das neue Modewort neben Rassist - beschimpft, oder in die Nazi-Ecke gestellt. Dabei handelt es sich hier, ganz nüchtern betrachtet, um einen Antisemitismus, der seit vielen Jahrhunderten Tradition hat im Streit zwischen der muslimischen Gemeinschaft und der jüdischen. Es ist nicht so, dass es jetzt neu aufflammt durch die jungen Männer, die hier in Deutschland leben, sondern es ist eine Jahrhunderte währende Feindschaft, die immer wieder da ist und sich hier und da Raum sucht. Der Antisemitismus ist grundsätzlich historisch begründet, weil zurückgehend auf die Entstehungsgeschichte des Islam durchaus Feindlichkeiten existieren - die später selbstverständlich verändert wurden; sehr viele Muslime haben diesen Antisemitismus schon lange nicht mehr. Aber in Deutschland wird er leider noch gepflegt.

Lassen Sie uns die Formulierung "muslimische Jugendliche" näher ausleuchten. Es ist ja nicht strittig, dass Antisemitismus kein rein muslimisches Problem ist. Trotzdem: Welche sozialen Gruppen, welche Milieus im Islam sind da besonders anfällig?

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Sie beklagen, dass eine offene und ehrliche Auseinandersetzung über den Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland kaum stattfindet. Merkel und Steinmeier haben sich deutlich dazu geäußert. Reicht Ihnen das so aus? Müsste noch mehr getan werden?

Ateş: Das reicht mir überhaupt nicht aus. Erschrocken bin ich auch darüber, dass die Autonomen und die linke Szene jetzt nicht zu Tausenden aufschreien. Wenn Nazis aufmarschieren und rassistische, antisemitische Sprüche schreien, dann gibt es immer wieder von links auch Gegendemonstranten. Wo sind die Gegendemonstranten? Es geht gar nicht darum, Netanjahu zu kritisieren - die Kritik ist ja berechtigt. Trump ist auch ein Brandstifter. Aber dass hier ein Antisemitismus gepflegt wird, der dann auch noch von der Linken nicht entsprechend beantwortet wird, das finde ich sehr erschreckend. Es sind also nicht nur die muslimischen jungen Männer, um die wir uns kümmern müssen, und schauen, was in der muslimischen Community passiert, sondern was passiert auch in Deutschland?

Seyran Ateş © NDR/Wolfgang Borrs Fotograf: Wolfgang Borrs

KM: 12.12.17 Gespräch mit Seyran Ateş

NDR Kultur -

Keimt erneut ein offener Antisemitismus auf, und welche Rolle spielt dabei der Islam? Fragen an die Rechtsanwältin Seyran Ateş.

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Es stellt sich die Frage: Gibt es nicht sowieso auch schon einen Antisemitismus unter Deutschen in einer Art und Weise, dass man sagt: Wenn die Muslime das so machen, ist das berechtigt, denn was Israel da mit Palästina macht, das ist nicht richtig. Dass da sogar so eine stille Solidarität entsteht. Ich finde es erschreckend, dass in Deutschland, mitten in Berlin, eine israelische Flagge brennt und dass die Demonstrationen nicht verboten oder sofort aufgelöst werden.

Josef Schuster vom Zentralrat der Juden fordert eine klare Gesetzesänderung, um antisemitische Kundgebungen von vornherein zu untersagen. Wäre das auch für Sie vorstellbar?

Ateş: Absolut. Ich denke, dass da härtere Schritte notwendig sind und dass Antisemitismus wirklich breit gefächert in der Bildung bearbeitet wird. Wir müssen in Schulen mit Kindern darüber reden, die Kinder müssen darüber aufgeklärt werden, sodass sie nicht von Rattenfängern eingefangen werden, die sie dann auf die Straße jagen, damit sie deren Marionetten sind. Wenn man diese jungen Männer in 30 Jahren spricht, werden sie uns das erzählen.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 12.12.2017 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Seyran-Ates-ueber-Antisemitismus,journal1110.html

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