Eine Frau beugt sich verzweifelt über eine Rechnung © Fotolia.com Foto: Gina Sanders

"Vielen Selbstständigen wird irgendwann die Luft ausgehen"

Stand: 08.12.2020 17:18 Uhr

Viele Menschen sind durch die Corona-Pandemie in finanzielle Not geraten. Ein Gespräch mit Matthias Wenzel von der Caritas Schuldnerberatung für die Stadt und Region Hannover.

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Herr Wenzel, Sie unterstützen Menschen, die sich verschuldet haben. In Niedersachsen sind davon rund zehn Prozent aller Haushalte betroffen - Tendenz steigend. Das klingt nach viel. Wie muss man diese Zahl einordnen?

Matthias Wenzel: Es geht nicht um verschuldete Haushalte, sondern um überschuldete Haushalte - das ist ein Unterschied. Verschuldete Haushalte sind es wahrscheinlich sehr viel mehr. Jeder Ratenkaufvertrag, jeder Kreditvertrag, den Mann abschließt und aufgrund seines Einkommens unproblematisch bezahlen kann, ist trotzdem eine Verschuldung. Im Gegensatz dazu sind überschuldete Haushalte diejenigen Haushalte, die mit ihren laufenden Einnahmen die verpflichtenden Ausgaben nicht mehr leisten können. Und das sind die zehn Prozent.

Wie kommt diese Zahl zustande? Ist sie womöglich in der Corona-Pandemie sogar noch angestiegen?

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Wenzel: Diese Zahl von zehn Prozent ist schon seit etlichen Jahren ungefähr gleichbleibend. Das hat nichts mit der Corona-Pandemie zu tun. Für dieses Jahr können wir noch keine Zahlen nennen. Diese werden irgendwann im nächsten Jahr ermittelt, und ich bin auch gespannt darauf, ob die Zahlen signifikant gestiegen sind.

Macht sich die Krise dennoch bemerkbar? Wo spüren Sie, dass sich die Lage verschärft?

Wenzel: Das sind Einzelfälle, die man in direkten Zusammenhang mit der Corona-Pandemie bringen kann. Beispielsweise war vor Kurzem ein frisch verheiratetes Ehepaar bei mir, beide waren berufstätig, haben Kreditverträge abgeschlossen, mit monatlichen Raten in Höhe von circa 400 Euro. Er hatte ein Einkommen von circa 1.500 Euro, sie von ungefähr 1.200 Euro - da ist es unproblematisch, 400 Euro Kreditraten zu zahlen. Er ist jetzt arbeitslos geworden, und sie kann aufgrund der Corona-Pandemie nicht mehr die volle Stundenzahl arbeiten, so dass ihr Einkommen um 500 Euro gesunken ist. Da wird es dann wirklich eng.

Oder Stichwort "Solo-Selbstständige": Eine Studentin kriegt von den Eltern Unterhalt - das ist eine gute Basis. Sie ist außerdem in einer Schule angestellt und in einem kleinen Laden auf 450-Euro-Basis. Beide Jobs brechen weg, und da wird es dann plötzlich eng. Oder freiberufliche Musiker: Sie haben keine Auftritte mehr - wovon sollen sie leben? In Einzelfällen spüren wir das jetzt schon, aber ich denke, dass das nächstes Jahr mehr werden wird.

Was macht Sie da so sicher?

Wenzel: Weil ich denke, dass wir noch lange nicht über den Berg sind. Ich denke, dass vielen Selbstständigen, die das ganze Jahr über gekämpft haben, finanziell irgendwann doch die Luft ausgehen wird. Das werden wir im nächsten und im übernächsten Jahr an unseren Klienten merken, die dann auf uns zukommen werden.

So eine Krise wirkt oft wie ein Brennglas: Uta Hirschler vom Vorstand des Diakonischen Werkes Evangelischer Kirchen in Niedersachsen sagte im NDR Kultur-Gespräch, dass die Schere durch die Pandemie noch größer werde. Ist das auch Ihre Beobachtung?

Wenzel: Ja, das ist auch meine Beobachtung. Wir haben häufig Klienten, die einen persönlichen Besuch im Jobcenter brauchen. Sie brauchen jemanden, der ihnen alles erklärt, der ihnen bei der Antragstellung et cetera hilft. Sie kommen digital wenig bis gar nicht klar. Das ist nicht unbedingt förderlich für das Zusammenführen dieser Schere. Viele Menschen, die auf soziale Transferleistungen angewiesen sind, haben Schwierigkeiten bei der Beantragung. Ich glaube schon, dass das Auswirkungen haben wird.

Schulden sind ein Tabuthema. Viele Menschen schämen sich dafür, dass sie kein Geld zur Verfügung haben. Könnten Sie sich vorstellen, dass diese Pandemie sich darauf positiv auswirkt? Dass Menschen sich trauen, Hilfe anzunehmen, weil es nicht allein ihre Schuld ist?

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Wenzel: Das hoffe ich, weil es tatsächlich so ist, dass Schulden ein sehr schamhaftes Thema sind. Viele Menschen kommen leider erst sehr spät, wenn schon alle Formen der Krisenintervention nötig sind. Wir haben es in der Vergangenheit immer wieder erlebt, dass sehr viele ältere Menschen sich überhaupt nicht trauen, das zuzugeben und sich Hilfe zu holen. Die zahlen lieber von ihrer eher kümmerlichen Rente irgendwelche Raten an Inkassobüros, wo man die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Ich hoffe, dass die jetzige Situation das Überschuldetsein aus dieser Schmuddelecke herausholt und es deutlich wird, dass es fast jeden treffen kann.

Wie können Sie konkret helfen, und wer kann zu Ihnen kommen? Muss man eine Mitgliedschaft abschließen?

Wenzel: Nein, man muss keine Mitgliedschaft abschließen. Wir sind eine Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle, die durch die Region Hannover gefördert wird. Zu uns können Menschen kommen, die einen Vermittlungsschein vom Jobcenter bekommen haben, also soziale Transferleistungen nach SGB II beziehen. Auch die Menschen, die soziale Transferleistungen nach SGB XII, Stichwort Grundsicherung, beziehen. Und Menschen, deren Einkommen relativ niedrig ist. Wenn diese Menschen einen Anspruch auf Prozesskostenhilfe hätten, können wir die auch beraten.

Man darf sie aber auch einfach anrufen, oder?

Wenzel: Selbstverständlich. Eine Antwort kriegen Sie immer von uns und auch den einen oder anderen Tipp. Das bezog sich auf eine längerfristige Beratung, vielleicht auch mit Einleitung eines Insolvenzverfahrens. Da sind uns durch unsere Leistungsvereinbarung mit der Region gewisse Grenzen auferlegt.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.12.2020 | 18:00 Uhr