Stand: 18.09.2020 06:00 Uhr

Neue Saison: Schauspiel Hannover startet mit Klassikern

Am Freitag startet das Schauspiel Hannover in die neue Spielzeit - mit neuen Inszenierungen, vor allem aber unter ganz neuen Voraussetzungen. Ein Gespräch mit der Intendantin des Schauspiels Hannover, Sonja Anders.

Frau Anders, Hand aufs Herz: Wie lampenfiebrig sind Sie so unmittelbar vor dieser speziellen Spielzeit unter diesen Bedingungen?

Sonja Anders im Porträt  Foto: Christophe Gateau
Sonja Anders ist seit der vergangenen Spielzeit Intendantin des Schauspiels Hannover.

Sonja Anders: Ich bin sehr lampenfiebrig, vor allen Dingen aus zwei Gründen. Zum einen haben wir das Gefühl, dass wir noch mal ganz von vorne anfangen, weil die Pause so lang war. Deshalb sind alle sehr aufgeregt. Das Zweite ist, dass wir nicht wirklich ein Gefühl dafür haben, wie die Stimmung im Raum ist. Die wenigen Zuschauer machen einem schon Kopfzerbrechen.

Welche Bedingungen sind das? Im Profisport scheint wieder sehr viel möglich zu sein - was ist bei Ihnen möglich?

Anders: Wir haben die Abstandsregel von 1,5 Meter zu befolgen, und das hat zur Folge, dass wir nicht mal zum Viertel besetzt sind. Eigentlich können wir 600 Personen im Zuschauerraum unterbringen, und im Moment sind es 136.

Der Gesundheitsschutz gilt auch für die Schauspielerinnen und Schauspieler. Wie wirkt sich das auf der Bühne aus? Die Inszenierungen müssen ja theoretisch ganz andere sein, oder?

Anders: Ja. Wir haben von der Landesunfallkasse einen sehr strengen Auflagenkatalog erhalten, und die Schauspieler auf der Bühne müssen auch einen Abstand von 1,5 Metern einhalten, wenn sie normal sprechen, und wenn sie etwas expressiver und lauter werden, sogar drei Meter.

Wie geht das?

Anders: Ich bin ganz froh, dass wir so starke klassische Texte haben. Da wird viel über die Sprache verhandelt, und da muss man gar nicht so wahnsinnig nah aneinanderrücken. Gleichzeitig ist es eine Qual für die Schauspielerinnen und Schauspieler, weil sie sich berühren wollen, weil sie miteinander spielen wollen. Man muss sie ununterbrochen maßregeln, was nicht schön ist.

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Welche Inszenierungen erwarten uns in dieser Spielzeit?

Anders: Wir starten mit "Don Karlos" von Schiller. Das inszeniert die junge Regisseurin Laura Lindenbaum auf der großen Bühne, und das ist rappelvoll. Dann haben wir die Inszenierung "Der Ursprung der Welt" nach einem Comic von Liv Strömquist - ein sehr populäres feministisches Comic mit irrwitzig hohen Verkaufszahlen, vor allem bei jungen Frauen. Das inszeniert Franziska Autzen im Ballhof Eins. Am Sonntag haben wir die Premiere von "Der zerbrochene Krug" in der Regie von Lisa Nielebock, wieder im Großen Saal.

Eine Woche später gibt es ein Symposium zum Thema "Corona - Mein ehrliches Gegenüber". Wieso "ehrlich"? Und wieso "Gegenüber"? Wir befinden uns doch mitten in der Pandemie.

Anders: So eine Diskussionsveranstaltung organisiert man natürlich weit vorher. Und die Hoffnung, dass es dann vielleicht schon eine Art Überblick gibt, war vor den Ferien groß. Gleichzeitig ging es uns auch darum, diese ganzen Vorgänge rund um diese Krise nicht nur populistisch und politisch zu beleuchten, sondern auch intim. Das war ein Thema, was wir letzte Spielzeit auch in einem Magazin behandelt haben: Was heißt das für intime Vorgänge, für den Körper? Was macht so eine Angst mit den Menschen im Innern?

Wird Corona auch auf der Bühne ein Thema sein? Ich bin über die Inszenierung "Die Politiker" gestolpert und habe mich gefragt, ob das Corona-bedingt ins Programm gerutscht ist.

Anders: Ja, da haben Sie genau richtig geraten. Wir haben eigentlich die "Klimatrilogie" von Thomas Köck geplant, haben sie aber herausgenommen, weil die choreografisch sehr wild geplant war, mit Sängern und Tänzern. Da wollten wir uns das nicht antun, sie auseinander halten zu müssen, und haben stattdessen die gleiche Regisseurin, Marie Bues, einen Quasi-Monolog machen lassen. Es gibt eine Musikerin, Bärbel Schwarz, und Bernhard Conrad, der gerade den Deutschen Schauspielpreis gewonnen hat, spielt einen Monolog eines Mannes, der sich Gedanken über Politik, über sich und über unsere Gesellschaft macht.

Was heißt das für Sie als Intendantin, in dieser speziellen Zeit Theater zu machen? Hat Theater auch eine andere Aufgabe, eine andere Funktion in diesen trüben Zeiten? Beispielsweise mehr zu zerstreuen, mehr zu unterhalten, mehr abzulenken - oder im Schillerschen Sinne moralische Anstalt zu sein und gerade bei den grassierenden Verschwörungsmythen vielleicht auch ein bisschen Aufklärung zu betreiben?

Anders: Das finde ich einen ganz guten Hinweis - Aufklärung. Man muss sich nur fragen, wie die Aufklärung heutzutage aussehen kann. In Zeiten, in denen die seltsamsten, abstrusesten populistischen Verschwörungstheorien so laut rausgetutet werden, finde ich es sinnvoller, mal hinzugucken, wie die Mechanismen wirklich sind, wie der Mensch in diesen Zusammenhängen funktioniert. Beide Stücke, "Don Karlos" und "Der zerbrochene Krug", handeln von Macht und Machtmissbrauch - und von starken Regenten. Ich finde es ganz gut, hinzugucken, wie die Menschen auf diesen Machtmissbrauch reagieren. Was heißt Widerstand? Was heißt Unterdrückung? Ich finde, diese politischen Blicke, die die Klassiker auf die Gesellschaft werfen, helfen uns gerade sehr.

Man könnte aber sagen, dass das auch ein bisschen eskapistisch ist: Sie gehen in die Vergangenheit zurück, wo doch die Gegenwart gerade dermaßen drängend ist.

Anders: Das könnte man sagen. Tatsache sind diese Stücke so stark, dass man sie sofort aufs Heute überträgt. Ich komme nicht drum herum, wenn ich "Don Karlos" sehe, an Lukaschenko zu denken. Ich komme nicht drum herum, wenn ich "Der zerbrochene Krug" sehe, an Trump zu denken. Das möchte ich auch gerne ein bisschen offen lassen, an was der Zuschauer oder die Zuschauerin denkt, weil ich finde, dass wir es uns oft viel zu einfach machen. Wenn wir demjenigen eine Trump-Maske aufsetzen, ist das ein einfacher theatraler Vorgang. Ich finde es aber eher interessant, auch zu Widerspruch aufzurufen, vielleicht auch jemanden zu zeigen, der einem sympathisch ist und trotzdem so viele Fehler begeht.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.09.2020 | 18:00 Uhr