Stand: 15.01.2019 15:48 Uhr

"Rosa Luxemburg war eine Demokratin durch und durch"

Am vergangenen Sonntag gingen in Berlin einmal mehr Tausende auf die Straße, um der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu gedenken. Das tun sie seit Jahrzehnten immer am zweiten Sonntag im Januar. In diesem Jahr hätte es etwas Besonderes sein können - immerhin jährt sich der Todestag der beiden Sozialisten zum 100. Mal. Aber das Frischste an der Gedenkfeier waren wohl die Nelken. Neben vielen anderen Führungspersönlichkeiten der Linken war auch die Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht dabei.

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"Vieles von dem, wofür Rosa Luxemburg gekämpft hat, ist bis heute nicht eingelöst", sagt Sahra Wagenknecht.

Frau Wagenknecht, Sie kennen das Ritual von Kindesbeinen an. Warum gibt es das 2019 immer noch in derselben Form?

Sahra Wagenknecht: Ich finde, das ist kein Ritual. Ich kenne es auch nicht von Kindesbeinen an, sondern ich bin erst nach der Wende dorthin gegangen. Es war zu DDR-Zeiten sicherlich sehr stark ritualisiert, aber heute gehen dort Leute hin, die sich bewusst daran erinnern wollen, wofür Menschen wie Rosa Luxemburg oder Karl Liebknecht standen. Vieles von dem, wofür sie gekämpft haben, ist bis heute nicht eingelöst.

Für das, was mit der ursprünglichen Sozialdemokratin Rosa Luxemburg während ihrer Haftzeit passiert ist, würde man heute den Begriff Radikalisierung benutzen. Sie hat in ihren letzten Schriften klar zu den Waffen und zum Kampf aufgerufen. Das darf doch heute eigentlich nicht mehr Orientierungspunkt sein, oder?

Wagenknecht: Rosa Luxemburg hat nicht zu den Waffen aufgerufen, im Gegenteil. Sie gehörte innerhalb der Partei zu denen, die sich massiv dagegen gewehrt haben, dass man versucht, mit Waffengewalt etwas zu verändern. Sie hat sehr dafür geworben, dass man sich an Wahlen beteiligt - leider ist sie auf dem ersten Parteitag der KPD überstimmt worden. Rosa Luxemburg war eine Demokratin durch und durch, nur das damalige System war nicht demokratisch: Wir reden hier immer noch über das Kaiserreich, wir reden darüber, wie die Novemberrevolution am Ende doch ausgebremst wurde, wo es darum ging, die alten Machteliten, die diesen Krieg begonnen und davon auch profitiert hatten, endlich zu entmachten. Ihre Ermordung ist ja auch ein Ausweis dafür, wie es damals um die Demokratie bestellt war. In einer Demokratie dürfen Opponenten nicht ermordet werden - und das geschah nicht nur mit Wissen der reaktionären Kräfte, sondern auch von Leuten wie Gustav Noske, also Sozialdemokraten. Das waren Zeiten, die sich in vielem von den heutigen unterschieden, weil das damalige politische System noch ein anderes war. Aber bei den ökonomischen Verhältnissen gibt es viele Parallelen zu heute.

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Dass die Sozialdemokraten mindestens eine Mitverantwortung daran tragen, ist gerade erst wieder von den Sozialdemokraten bestritten worden: Andrea Nahles hat klargemacht, dass Noske wohl nicht mit daran beteiligt war und nicht den Mordauftrag gegeben hat. Das ist aber immer noch so etwas wie der Grund für diese Erbfeindschaft zwischen Sozialdemokratie und der heutigen Linken. Hat das nicht etwas von einem historischen Sandkastenspiel, das man überwinden sollte?

Wagenknecht: Nein, das ist für mich überhaupt kein Grund, nicht mit der SPD zu kooperieren - da gibt es andere Gründe, die das erschweren, nämlich dass die SPD seit Gerhard Schröder keine Politik mehr für ihre eigenen Wähler macht, also für Arbeitnehmer, für Rentnerinnen und Rentner. Das ist das eigentliche Problem heute - nicht die Ereignisse von vor 100 Jahren.

Aber ich fand es schon traurig, dass Andrea Nahles das jetzt noch einmal infrage gestellt hat. Sie hat das ja vor einiger Zeit schon einmal anerkannt, und es gibt inzwischen Belege, die ganz klar bestätigen, dass er gewusst hat und dass er wohl auch seine Zustimmung gegeben hat. Ich finde, dass die SPD besser daran täte, auch diesen Teil ihrer Geschichte aufzuarbeiten und nicht zu versuchen, die Geschichte zu verfälschen.

Wolfgang Thierse hat in den vergangenen Tagen auch noch einmal nachgelegt und gesagt, dass die Auseinandersetzung zwischen den Kommunisten und den Sozialdemokraten im Grunde zum Untergang der Weimarer Republik beigetragen hat. Trägt man da gemeinsam eine historische Schuld am Untergang der Weimarer Republik und am Aufkommen des Nationalsozialismus?

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Wagenknecht: Das ist ganz sicher so. Die Spaltung der Arbeiterbewegung damals, auch der Kampf der beiden Parteien gegeneinander hat es am Ende den Nazis erheblich erleichtert, die Macht zu ergreifen. Da kamen natürlich weitere Faktoren dazu: Es war die Weltwirtschaftskrise, es war Brünings Sparprogramm, die Leute haben gehungert, die Mittelschichten waren vorher durch diese Hyperinflation enteignet worden. Man kann das nicht allein auf diese zwei Parteien zurückführen, aber es gab sehr viele Dinge, die schiefgelaufen sind in der Weimarer Republik. Und damit sollten wir uns auch heute beschäftigen. Zum Glück stehen die Nazis nicht kurz vor der Machtergreifung - das wäre eine völlige Übertreibung, aber wir haben europaweit eine Rechtsentwicklung, und die eigentliche Ursache dafür ist ähnlich wie damals: dass Menschen ihrer sozialen Existenz beraubt werden, dass sie soziale Ängste, dass der Sozialstaat in vielen europäischen Ländern zerstört wurde, auch in Deutschland, obwohl die Wirtschaft hier in den letzten Jahren gut gelaufen ist. Viele Menschen haben davon nichts abbekommen, sind deswegen berechtigt wütend und wenden sich von der Demokratie ab. Und das ist immer ein Feld, das rechten Parteien erleichtert, Zustimmung zu bekommen.

Der berühmteste Satz von Rosa Luxemburg ist ganz sicher der: "Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden." Das ist sehr ausgleichend, sehr tolerant, aber wenig kämpferisch. Wie geht das zusammen, sie einerseits zur Vorkämpferin zu stilisieren, sie in linken Kreisen fast heiligzusprechen, dann aber auch eine sehr ausgleichende, wenig kämpferische Position zu vertreten?

Wagenknecht: Ich finde das nicht wenig kämpferisch, sondern das zeigt, wie sie gedacht hat. Sie war durch und durch auch eine Demokratin, jemand, der mit anderen Meinungen tolerant umgegangen ist und auch dafür gestritten hat. Sie hat nicht zuletzt auch das russische System, wie es sich damals in den Anfängen schon darstellte, kritisiert, weil sie gesagt hat: Sozialismus kann nicht bedeuten, dass man andere Meinungen unterdrückt. Das war keine Gesellschaft, wie sie sie sich vorgestellt hat. Sie wollte eine demokratische, aber auch eine soziale Gesellschaft, eine, in der auch die wirtschaftlichen Machtpositionen sich nicht bei einer kleinen reichen Elite konzentrieren. Eine Gesellschaft, in der die Menschen in ihren Unternehmen auch Mitspracherechte haben und vor allem auch von den Ergebnissen, die sie erarbeiten, profitieren. Deswegen wäre es auch völlig verfehlt, Rosa Luxemburg zu einer Ahnin des damaligen östlichen Modells oder der DDR zu machen. Ihre Vorstellungen waren andere, und deswegen ist sie so interessant und so aktuell. Deswegen lohnt es sich auch, sie heute noch zu lesen.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Sahra Wagenknecht © picture alliance/dpa

"Rosa Luxemburg war eine Demokratin durch und durch"

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Vor 100 Jahren wurde die Sozialistin Rosa Luxemburg ermordet. "Vieles von dem, wofür sie gekämpft hat, ist bis heute nicht eingelöst", meint die linke Politikerin Sahra Wagenknecht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.01.2019 | 19:00 Uhr

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