Stand: 09.10.2019 18:23 Uhr

"Sachbücher machen auf angenehme Art schlauer"

Wie kann man sich auch in diesem Jahr zurecht finden im großen weiten Büchermeer? Unzählige Neuerscheinungen sind auf den Markt gekommen, auch im Bereich Sachbuch. Runde Geburtstage, Jubiläen, wichtige, markante Jahresdaten, 30 Jahre Mauerfall zum Beispiel. Wirtschafts-, Gesellschaftsordnungen und natürlich: der Klimaschutz! All‘ das wird verhandelt in den neuen Sachbüchern. Welches ist das beste? Danach sucht NDR Kultur, um es dann im November mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis auszuzeichnen. Heute wurden die 16 Titel bekannt gegeben, die jetzt auf der Longlist stehen. Ulrich Kühn, Leiter der NDR Kultur-Literaturredaktion, begleitet die Arbeit der Jury aus der Nähe und ist mit vielen Büchern der Longlist vertraut.

Herr Kühn, warum überhaupt Sachbücher? Was erfahren wir da, was nicht anderswo auch zu erfahren wäre?

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Ulrich Kühn ist Leiter der NDR Kultur Literaturredaktion.

Ulrich Kühn: Wir erfahren viel mehr und wir erfahren es auf eine andere Art, die viel tiefer loten kann. Das tolle an Sachbüchern ist, dass sie in einer Welt, die alles in allem auf diffuse Weise irgendwie immer miteinander zusammen zu hängen scheint, sinnvolle Zusammenhänge herzustellen vermögen. Hier hat sich jemand die Mühe gemacht, seine Forschung, seine Recherche, überlegt und gegliedert darzustellen, hier fühle ich mich nicht verloren, in diesen unübersichtlichen Weiten, ich kann nachvollziehen, ich kann mitdenken und kann es, wenn so ein Buch elegant und gut geschrieben ist, sogar ästhetisch genießen. Sachbücher machen auf angenehme Art schlauer und wenn man eins gerne gelesen hat, kann man sich, selbst wenn das Thema sehr ernst ist, auf verblüffende Weise zufriedener fühlen danach - sogar reicher. Jedenfalls ein bisschen besser orientiert in der wirren Welt. Ich wage, zu sagen: Das ist ein Erlebnis, das verschafft einem kein Tweet, kein Infohäppchen, das man sich irgendwo besorgen mag, das kann eben wirklich nur ein Sachbuch.

Welche Bücher sind es denn nun, die so überzeugend waren, dass sie es auf die Longlist des NDR Kultur Sachbuchpreises geschafft haben?

Kühn: Zusammenfassend gesagt: Das sind Bücher von einer gewissen Relevanz und Originalität, Bücher, die man gut lesen kann und denen man auch eine länger anhaltende Wirkung zutrauen möchte. Nehmen wir beispielsweise das Werk des Historikers Frank Bösch "Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann". Da ist man im ersten Moment misstrauisch, warum ausgerechnet das Jahr 1979? Waren nicht 1968 oder 1989 oder 2001 viel entscheidender? Aber das Buch funktioniert wie ein Augenöffner: Die Revolution im Iran, die Reise Johannes Pauls des Zweiten, des charismatischen Papstes, in sein Heimatland Polen, eine Reise von gewaltiger Wirkung; oder die Neuorientierung des riesigen Landes China, das sich plötzlich dem Westen öffnet und mit dessen Wirtschaft zu flirten beginnt; Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan, die Wahl Margaret Thatchers zur britischen Premierministerin. All das sind je für sich schon markante Einschnitte. Oder "Achterbahn" von Ian Kershaw: Der britische Historiker hatte sich in "Höllensturz" auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts konzentriert, eigentlich die Zeit zwischen den Weltkriegen. Jetzt nimmt er die zweite Hälfte in den Blick und es stellt sich raus, es ist ein großes Auf und Ab, keineswegs eine stringente Erfolgsgeschichte, und es ist interessant, wie er dabei Ost und West ineinander spiegelt.

Es sind ja aber bestimmt nicht nur historische Werke, mit denen wir es auf der Longlist zu tun haben?

Kühn: Das wäre ja noch schöner, wenn wir immer erst Jahrzehnte warten müssten, bis wir was von Bedeutung über die Welt sagen könnten. Der Soziologe Armin Nassehi hat sich ein Lieblingsthema aller Zukunftsapostel und aller Gegenwartskritiker vorgeknöpft, die Digitalisierung. "Muster" heißt sein Buch, und damit ist schon die wesentliche These benannt, hier ganz frei in meinen Worten: Die moderne Gesellschaft organisiert sich in Mustern und beschreibt sich auch so. Das war schon vor der Digitalisierung der Fall, die Welt war sozusagen schon insgeheim digital und was jetzt da ist an neuen Möglichkeiten, das arbeitet dieser Tendenz in die Hände. Armin Nassehi fragt deshalb nicht: Was ist das grundstürzend Neue oder Revolutionäre oder Bedrohliche an der Digitalisierung? Er fragt stattdessen: Für welches Problem ist die Digitalisierung die Lösung? Es ist faszinierend zu sehen, welche Funken ein cleverer Soziologe aus so einer Frage schlägt. Allerdings ist das Buch durchaus ein bisschen schwerere Kost. Ich nenne Ihnen noch die Soziologin Cornelia Koppetsch. In ihrem Buch "Die Gesellschaft des Zorns" untersucht sie den Rechtspopulismus im globalen Zeitalter. Koppetsch lehnt den Rechtspopulismus ganz entschieden ab, aber sie sagt sinngemäß, es hilft nicht weiter, AfD-wählende Menschen als Menschen mit Charakterdefekt abzutun. Sie spricht sogar über "Lebenslügen" des linksliberalen Milieus, sie sagt: Es gibt nicht euren "guten" Multikulturalismus und den "bösen Neoliberalismus", den ihr ablehnt. Beides ist vielmehr ineinander verschachtelt und unlösbar ineinander verschränkt. Auch ein sehr lesenswertes, analytisch ertragreiches Buch.

Weitere Informationen
Der NDR

NDR Kultur Sachbuchpreis 2019: 16 Titel auf der Longlist

Der NDR

Die Longlist für den NDR Kultur Sachbuchpreis 2019 steht fest: 16 Titel gehen ins Rennen um die Auszeichnung als das beste in deutscher Sprache erschienene Sachbuch des Jahres. Der Preis ist mit 15.000 Euro dotiert. Die Auswahl spiegelt die Vielfalt der Neuerscheinungen auf dem Sachbuchmarkt wider: von der Vergegenwärtigung der europäischen Geschichte über die Gesellschaftsanalyse 30 Jahre nach dem Mauerfall bis zur Debatte über unsere Wirtschaftsordnung. Mehr als 300 Bücher hatten die Verlage für den Wettbewerb eingereicht. mehr

Soziologie und Geschichte: Erfahren wir also von diesen beiden Fächern das wirklich Wichtige, jedenfalls laut Longlist für den NDR Kultur Sachbuchpreis?

Kühn: Bei allem Respekt: Auch die Soziologie löst nicht alle Probleme. Diese Longlist ist aktuell und historisch interessiert, aber vor allem ist sie herrlich vielfältig. Der Literaturwissenschaftler Iwan Michelangelo d’Aprile hat ein wunderbares Fontane-Buch geschrieben, Untertitel: "Ein Jahrhundert in Bewegung". Angeknüpft an einen Jahrestag, doch weit mehr, auch mehr als eine Biographie. Wir erfahren, mit welchen modernen Techniken dieser Journalist und Apotheker als Romanautor gearbeitet hat, wie offen er war, wie neugierig, wie er sich zum Beispiel mit der neuartigen, auch Fotos nützenden Kriegsreportage auseinandergesetzt hat. Beinahe entsteht das Proträt einer Epoche. Gutes Stichwort: War nicht die Zeit des "Wirtschaftswunders" auch eine kleine Epoche für sich, Ludwig Erhard sei Dank? Nichts da, sagt Ulrike Herrmann in ihrem Buch "Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen". Es war gar kein Wunder, dass wir damals so reich geworden sind, schon gar nicht war Ludwig Erhard der gute Papa von allem, was wirtschaftlich wuchs und gedieh. Und Ute Frevert untersucht in "Kapitalismus, Märkte und Moral", ob es so etwas wie einen moralischen Kapitalismus überhaupt geben kann. Die These: Moral stellt tatsächlich so etwas wie eine "kritische Antriebskraft und Korrekturquelle des Kapitalismus" dar. Da ist schon mal interessanter Denkstoff in der Luft.

Und das Klima, der Klimawandel, dieses große Thema der Stunde, vielleicht der Gegenwart überhaupt: Sicher spielt auch das eine Rolle?

Kühn: Ganz richtig erraten. Es ist mit zwei Büchern prominent vertreten, das ahnte man schon. Die noch recht junge Klimawissenschaftlerin Friederike Otto will in "Wütendes Wetter" allgemeinverständlich zeigen, wie man mit geeignetem wissenschaftlichen Instrumentarium tatsächlich Zusammenhängen nachweisen kann zwischen Klimawandel und einzelnen Extremwetterereignissen. Und Davide Wallace-Wells malt in seinem Buch die unbewohnbare Erde ziemlich beklemmend aus, wie ein Leben nach der Erderwärmung aussehen könnte. Das sind noch nicht alle 16 Titel der Longlist gewesen. Aber schon jede Menge anregender Stoff.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

NDR Kultur Sachbuchpreis: Longlist steht fest

NDR Kultur - Journal -

Am 20. November wird der NDR Kultur Sachbuchpreis verliehen. Die Longlist mit 16 Titeln steht nun fest und Ulrich Kühn, Leiter der NDR Kultur Literaturredaktion, stellt sie vor.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 09.10.2019 | 19:00 Uhr

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