Saal 101: "Das Hörspiel entwickelt eine enorme Authentizität"

Stand: 19.02.2021 17:02 Uhr

Das Hörspielprojekt "Saal 101" basiert auf dem Prozess gegen die rechtsextreme Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund". Ina Krauß vom Bayerischen Rundfunk hat den NSU-Prozess seinerzeit intensiv beobachtet.

Ina Krauß © Bayerischer Rundfunk
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Frau Krauß, über fünf Jahre hat sich der Prozess hingezogen. Im Hauptfokus stand Beate Zschäpe, die sich im Gerichtssaal sehr eigenwillig präsentiert hat. Was ist Ihnen am deutlichsten in Erinnerung?

Ina Krauß: In Bezug auf Beate Zschäpe war es die unglaubliche Beherrschung, die sie an den Tag gelegt hat, während allen anderen im Gerichtssaal das Blut in den Adern gefroren ist, wenn es um die Taten ging. Aber der mediale Fokus auf Beate Zschäpe täuscht über das übrige Geschehen im Gerichtssaal hinweg. Denn es ging ja nicht nur um sie, es ging auch um vier weitere Angeklagte. Es ging auch um das, was die Opfer und Opferangehörigen erlebt haben. Es ist ja ein Verfahren gewesen, das so viele Nebenkläger hatte wie noch nie. Es waren um die 100 Angehörigen dieser monströsen Taten des NSU anwesend. Es ging um das Umfeld der Täter. Was wussten Nachbarn, was wussten Unterstützer, was wusste die Szene? Und es ging letztendlich auch um die Fragen: Welche Rolle spielte der Staat? Hätte man den Tätern vielleicht früher auf die Spur kommen können? All das sind die Eindrücke, die nach fünf Jahren hängen geblieben sind.

Der NSU - eine Terrorzelle, die bis heute nicht vollständig aufgedeckt ist. Es gibt immer noch viele offene Fragen mit etlichen Ungereimtheiten. Hatte man damals, bevor der Prozess 2013 losging, die Lage des rechten Terrors in Deutschland komplett unterschätzt?

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Keyvisual zum NSU-Dokumentarhörspiel "Saal 101". © dpa, Montage: BR/Nadja Dall'Armi Foto: dpa, Montage: BR/Nadja Dall'Armi

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Krauß: Nicht nur unterschätzt, sondern auch verneint, dass es überhaupt rechtsextremem Terror in Deutschland gibt. Das war der große Fehler, den die Ermittlungsbehörden jahrelang gemacht haben: Es wurden die Opfer und ihre Familien kriminalisiert, und man suchte im migrantischen Milieu nach den Tätern. Die These, es könnten rechtsextreme Täter sein, hatten die Opferfamilien mehrfach gegenüber den Ermittlern geäußert. Denn die rassistischen Morde des NSU richteten sich vor allem gegen Türken und einen Griechen, und es lag relativ nahe, dass es hier möglicherweise um Ausländerhass, um rassistische Morde gehen könnte. Aber das wollten und konnten die Ermittler nicht sehen. Mit der Selbstenttarnung des NSU konnte Deutschland und konnten auch die Sicherheitsbehörden sich dem Thema nicht mehr verschließen. Dass es wichtiger denn je ist, auf den rechtsextremistischen Terror und die rassistische Tätergruppen zu schauen, das zeigt sich auch in den Anschlägen der letzten Jahre.

Wie sind Sie persönlich zu diesem Thema gekommen?

Krauß: Ich bin nach dem Auffliegen des NSU zu dem Thema gekommen, nachdem öffentlich wurde, dass die Täter über ein Jahrzehnt durch Deutschland gezogen sind und Migranten und eine Polizistin ermordet sowie Sprengstoffanschläge begangen haben. Mich hat interessiert, wie mit den Opfern umgegangen wurde. Es wurde relativ schnell offensichtlich, dass man die immer im Verdacht hatte. Wie konnte es zu diesen vorurteilsbasierten Ermittlungen kommen? Ich habe mich auf die Suche nach den Angehörigen gemacht und habe sie immer wieder im Laufe des Verfahrens interviewt.

Beate Zschäpe wurde als einzige Überlebende des NSU-Trios zu lebenslanger Haft verurteilt. Für die bekennenden Angehörigen des NSU gab es mildere Strafen. Wie hat Zschäpe damals reagiert? Wie waren überhaupt die Reaktionen auf das Urteil im Gericht?

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Weitwinkelblink auf den Saal 101 im Strafjustizzentrum in München - im Vordergrund Schild: Reserviert für Presse. © picture alliance / dpa Foto: Andreas Gebert

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Krauß: Ich war persönlich nicht im Gerichtssaal, weil die Plätze sehr begrenzt waren und wir uns aufteilen mussten. Einige Kolleginnen und Kollegen waren dort und haben protokolliert - auf solchen Protokollen basiert ja auch das Hörspiel "Saal 101". Beate Zschäpe musste natürlich damit rechnen, dass sie zur Höchststrafe verurteilt wird - insofern hat sie das relativ gefasst aufgenommen. Ich habe mitbekommen, wie die Angehörigen der Opfer und auch die Opfer selbst, die die Sprengstoffanschläge überlebt haben, herauskamen und sich unter ihnen blankes Entsetzen breit machte. Sie waren völlig schockiert über die relativ milden Strafen für die Unterstützer des NSU und die Mitangeklagten von Beate Zschäpe, die weit unter dem geforderten Strafmaß lagen. Es gab aber auch Entsetzen darüber, mit welcher Nüchternheit, fast Kälte, dieser mündliche Urteilsspruch vonstatten ging. Es gab nicht ein Wort an die Angehörigen, die über fünf Jahre diesem Prozess standgehalten haben. Das war eine enorme nervliche Belastung, und das war ein schwerer Schlag. An dieses Entsetzen, an diese Fassungslosigkeit kann ich mich noch sehr gut erinnern.

In der Hörspiel-Dokumentation sind Sie auch zu hören. Wie werden die Bilder, die sich im Saal 101 abgespielt haben, in dem Hörspiel transportiert?

Krauß: Es ist ein Dokumentarhörspiel, und die Macherinnen und Macher haben sich ganz auf die Protokolle konzentriert, die wir Gerichtsreporterinnen und -reporter angefertigt haben. Wir haben versucht, dieses historische Verfahren, das vom Gericht selbst nicht mitgeschnitten wurde, durch unsere Protokolle zu dokumentieren. Wir wollten Dokumentaristen sein, aber wir wollten auch unsere Kollegen draußen möglichst genau informieren, was da drin passiert ist, wie sich die Angeklagten, die Zeugen und der Senat verhalten.

Das Hörspiel stützt sich auf diese Protokolle, und die Schauspielerinnen und Schauspieler versuchen nicht, nachzuspielen, wie sich der- oder diejenige verhalten hat, sondern sie lesen unsere Protokolle. Das sind Dialoge, vor allem zwischen dem Vorsitzenden Richter und den Zeuginnen und Zeugen, und das entwickelt eine enorme Authentizität. Ich habe es ja selber miterlebt, und wenn ich das Hörspiel höre, dann zieht mich das auch rein. Es gibt auch demjenigen, der sich noch nie damit beschäftigt hat, einen guten Einblick in das Verfahren.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 19.02.2021 | 18:00 Uhr