Die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren, aufgenommen am 30.09.1987 in Stockholm © Picture Alliance / dpa Foto: Jörg Schmitt

Dürfen wir unseren Kindern die Buchklassiker noch zumuten?

Stand: 07.04.2021 11:48 Uhr

Die Auseinandersetzung um korrekte, nicht-diskriminierende Sprache wird mit viel Emotion geführt. In der vierten Folge der Reihe ""Literatur zwischen Macht, Identität und Kunst" geht es um Kinderbuchklassiker in Deutschland.

von Patric Seibel

Als Astrid Lindgren das erste Pippi Langstrumpf-Buch veröffentlichte, eroberte das rothaarige Mädchen die Kinderzimmer in aller Welt im Sturm. Pädagogen und Konservative reagierten verschreckt auf diese antiautoritäre Supernova, die die Welt auf den Kopf stellte. Im Zirkus besiegte sie sogar den "starken Adolf" im Ringkampf - und dessen Namen hatte Astrid Lindgren beim Schreiben damals im Jahr 1944 bewusst gewählt.

Pippi Langstrumpf und der "Südseekönig"

Viele Jahrzehnte später sind die Pippi-Bücher noch immer Bestseller - aber in Zeiten neuer Sensibilität kam Kritik am von Lindgren in zeittypischer Manier verwendeten N-Wort auf. Seit 2009 ersetzt der Hamburger Oetinger-Verlag den diskriminierenden Begriff durch den "Südseekönig". Von einer erklärenden Fußnote, wie in älteren Ausgaben, ist man abgekommen, weil sie auf Kinder irritierend wirken könne, heißt es aus dem Verlag. Außerdem könnten Kinder die historische Einordnung von Sprache nicht selbst leisten. Eine Geschichte von Lindgrens Lotta aus der Krachmacherstraße, in der die Kinder Sklaven spielen, wurde in der aktuellen Ausgabe entfernt. Der Verlag kann das nicht selbständig machen, sondern muss jeden Einzelfall mit den Lindgren-Erben abstimmen. Im Dressler-Verlag werden die Tom-Sawyer Bücher von Mark Twain aktuell in der historischen Fassung mit dem N-Wort veröffentlicht. Im Klappentext informiert ein Hinweis zur historischen Einordnung.

Auch Jim Knopf, der von Michael Ende erdachte kleine schwarze Junge, der im Postpaket in Lummerland ankommt, wird vereinzelt kritisiert. Dabei besteht weitgehend Konsens, dass Michael Ende hier eine wunderbar antirassistische Geschichte von Emanzipation und Freundschaft erzählt. Wie die Literaturwissenschaftlerin Julia Voss glaubt, hat Ende sich für Jim Knopf Jemmy Button zum Vorbild genommen, jenen jungen Mann aus Feuerland, den Charles Darwin vor 200 Jahren an Bord des Expeditionsschiffs 'Beagle' kennenlernte, und der vom Kapitän zuvor quasi als Forschungsobjekt und Expeditionsbeute nach England verschleppt worden war."

Kommentierungen und Ergänzungen in Kinderliteratur

Der Chef des Hamburger Literaturhauses, Rainer Moritz, hat bei Kinderliteratur die gleichen Vorbehalte gegen Textkorrekturen, wie bei der Erwachsenenliteratur. Allerdings müsse das Lesen hier doch etwas betreuter ablaufen, meint Moritz: "Man kann sicherlich, wenn es um Schul- oder Vorlesetexte geht, mit Kommentierungen und Ergänzungen arbeiten. Manche Autoren wie ich glaube Otfried Preußler haben sich bereit erklärt, eine Figur zu ändern. In der Kinder- und Jugendliteratur ist die Sache für mich etwas komplexer. Da habe ich nichts gegen Kommentierungen oder Ergänzungen, die das ersetzen, was Erwachsene beim Lesen selber herausfinden müssen."

Preußler, Lindgren und Ende sahen sich in den 1960er-Jahren unisono dem Vorwurf der damaligen Literaturkritik ausgesetzt, nicht realistisch genug zu schreiben, sondern die Kinder in Fantasie und heile Welten flüchten ließen. Fast scheint es, als werde die Kinderliteratur besonders gründlich auf Korrektheit überprüft. Unabhängig davon, was Korrektheit im jeweiligen Zeitkontext bedeutet. Das Wichtigste bei Kinderliteratur sei, dass sie gerade nicht pädagogisch daherkomme, sondern sich von den Kindern einverleibend lesen lasse - so schrieb es vor 90 Jahren der große Literatur- und Kulturwissenschaftler Walter Benjamin. Er traute den kindlichen und jugendlichen Leserinnen und Lesern offensichtlich mehr zu, als heute üblich.

Reihe "Literatur zwischen Macht, Identität und Kunst"
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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 31.03.2021 | 11:40 Uhr