Stand: 14.01.2020 07:38 Uhr  - NDR Kultur

Navid Kermani über die Proteste im Iran

Nachdem die USA Anfang des Jahres den iranischen General Soleimani durch einen Drohnenangriff getötet hatten, schien es kurz, als eskaliere die Lage und stünde das iranische Volk massenhaft hinter der Führung. Was folgte, war ein eher kleiner Gegenangriff des Iran, bei dem allerdings versehentlich ein ziviles Passagierflugzeug mit über 170 Menschen an Bord abgeschossen wurde. Nun scheint es, als sei die Stimmung im Iran gekippt - diesmal gegen das Regime. Darüber konnten wir mit dem Schriftsteller und Publizisten Navid Kermani sprechen. Der Friedenspreisträger ist Sohn iranischer Eltern.

Herr Kermani, täuscht der Eindruck oder ist die Stimmung im Iran von einem Zuspruch, den wir gesehen haben - Hunderttausende auf den Straßen - jetzt in die blanke Ablehnung gekippt?

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Der Schriftsteller, Orientalist und Friedenspreisträger Navid Kermani.

Navid Kermani: Das ist schon eine Zäsur: dieses Eingeständnis der iranischen Revolutionswächter, das Zivilflugzeug selbst abgeschossen zu haben. Aber ich würde widersprechen, dass die Stimmung vorher so extrem pro Regime war. Es war natürlich ein Schock. Viele Menschen waren auf den Straßen, Hunderttausende, vielleicht sogar Millionen. Aber nicht jeder, der da mit demonstriert hat, hat für das Regime demonstriert. Viele davon mussten auch einfach auf die Straßen gehen - ganze Behörden, Kasernen wurden hin geschafft. Die Stimmung ist ganz eindeutig gekippt am Samstag, als die Lügen offenbar geworden sind. Es gab einen Moment der Selbstvergewisserung, des Zusammenrückens und dann stellte man fest: alles Lüge. Man ist tagelang angelogen worden. Und es war ja nicht nur der Abschuss des Zivilflugzeuges, der geleugnet worden ist. Es wurde auch klar, man hat den eigenen Flughafen nicht abgesperrt, obwohl man wusste, wie groß die Gefahr ist. Die Situation war ja bekannt, weil man die Raketen abgeschossen hatte. Und auch die ganzen Meldungen über getötete Amerikaner, dieser triumphale Wahlerfolg bei dem Gegenschlag: Plötzlich stellt sich heraus, dass überhaupt niemand getötet worden ist. Und dann hat das Militär auch die Chuzpe zu sagen: Nein, wir wollten gar keinen töten, wir wollten bewusst daneben zielen. Also das amerikanische Menschenleben zählt mehr als das Leben der eigenen Bevölkerung.

Wir haben zuletzt häufiger Proteste im Iran erlebt. Jetzt ist hier natürlich wieder mal die Frage: Ist dies jetzt womöglich nur der Auslöser? Oder ist es tatsächlich der Anlass für die großen Proteste?

Kermani: Anlass? Auslöser? Das weiß ich nicht genau, das kann man jetzt so oder so sehen. Die Menschen sind wirklich erschüttert, nicht weil sie dem Regime solche Lügen nicht zugetraut hätten, sondern weil sie diese Lügen einfach aus dem Alltag kennen. Das ist das, womit Iraner jeden Tag leben, nicht nur mit den Lügen, auch mit der Misswirtschaft. Es ist ja bekannt geworden, womit sich das Militär verteidigt hat, dass im Augenblick der höchsten Alarmbereitschaft des Landes, wo wirklich jeder einzelne, wo wirklich alles sitzen muss, dass in dieser Sekunde, wo die Raketen abgefeuert werden, das Kommunikationssystem zusammenbricht und deshalb der Mensch, der den Knopf drückte, nicht verbunden war mit seiner Einsatzleitung und deshalb 170 oder 180 Menschen starben. Also diese Planlosigkeit und Ineffizienz sind etwas, wo es bei vielen Iranern in den Ohren klingelt, weil sie das kennen, weil dieser Staat einfach nicht funktioniert. Also wenn es nur die Unfreiheit wäre, die ist ja schlimm genug. Aber zumindest ein funktionierender Staat, der die elementaren Dienstleistungen bereithalten würde. Stattdessen sehen wir Jahr für Jahr die Menschen, die es schaffen, die gebildet sind, das Land verlassen. Iran hat bis heute über viele, viele Jahre den größten Brain-Drain weltweit.

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Wie wird denn im Iran aufgenommen, dass man möglicherweise auch von den USA getäuscht worden ist? Zumindest musste US-Verteidigungsminister Mark Esper ja am Wochenende zugeben, dass er zumindest von den vier vorbereiteten Anschlägen auf US-Einrichtungen nichts gewusst habe, die Trump aber als Begründung für den Angriff auf Suleimani angegeben hat.

Kermani: Ich glaube, da hat man nichts anderes erwartet, da ist aber auch weltweit das Vertrauen spätestens seit dem Irakkrieg 2003 und den notorischen Lügen insgesamt nicht sehr groß in die Behauptungen der amerikanischen oder sonstiger Geheimdienste. Es ist ja nicht so, dass man den Amerikanern plötzlich freundlich gesonnen ist oder dass man die Politik von Donald Trump plötzlich vernünftig finden muss. Im Gegenteil: Die gleichen Kritikpunkte, die es vorher gab, gibt es jetzt auch. Und kein Iraner wird vergessen, dass der gleiche Präsident, der plötzlich jetzt auf Farsi twittert, in der Woche zuvor noch mit der Zerstörung iranischer Kulturdenkmäler gedroht hat und in der Vergangenheit sehr verächtlich über Iraner gesprochen hat und mit dem sogenannten Muslim Ban, der eigentlich ein Iran Ban ist, Iraner kollektiv bestraft hat für das Regime.

Welche Chancen geben Sie der jetzigen Protestwelle? Die früheren sind niedergeschlagen worden, immer wieder. Hat diese mehr Chancen?

Linke: Das kann ich nicht beurteilen. Also von Protestwelle zu Protestwelle werden die Knüppel härter oder werden schneller eingesetzt, und das Tränengas und die Waffen. Bei der letzten Protestwelle sind mehrere hundert Menschen, wenn nicht über Tausend erschossen worden. Auch jetzt weiß der Staat, dass wenn er reagieren muss, er schnell reagieren muss, damit sich das nicht ausweitet. Ich glaube auch nicht daran, dass jetzt unbedingt eine Revolution ausbricht, also die Erschütterung innerhalb des Systems wird weitergehen. Ich habe am Sonntag dem persischen Dienst der BBC gehört, da war die Tochter des ehemaligen Präsidenten Rafsandschāni zu hören: Sie hat beinahe geschrien, dass dieser Revolutionsführer, wenn er auf die Menschen nicht hört, zurücktreten muss. Und das sind Stimmen, die aus dem Regime selbst kommen. Und wenn wir sehen, wer in den Gefängnissen ist, da sind ja nicht nur liberale Intellektuelle und Studenten. Das sind teilweise diejenigen, die dem Regime am nächsten standen. Das sind Mussawi, Karroubi, das waren enge Vertraute des Revolutionsführers, Staatsführers Chomeini. Also die Brüche innerhalb des Regimes reichen immer tiefer. Und wann nun der Zeitpunkt ist, dass es eine evolutionäre, eruptive Wende gibt, das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich kann Ihnen nur so viel sagen: Aus der Erfahrung der letzten 100, 200 Jahre in der Welt, dass so etwas unerwartet kommt, obwohl alle damit rechnen.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Navid Kermani © imago

Navid Kermani über die Proteste im Iran

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Der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani über Lügen, Unfreiheit und einen nicht funktionierenden Staat.

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NDR Kultur | Journal | 14.01.2020 | 19:00 Uhr

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