Stand: 13.09.2020 08:35 Uhr

"Wir haben getan, was wir konnten": Schwacher Theaterabend im Malersaal

von Peter Helling

Wie marode ist das deutsche Gesundheitswesen? Wie sehr ökonomischen Interessen unterworfen, wie überstrapaziert? Fragen, die sich in der Corona-Krise so manche stellen. Jetzt werden sie Stoff fürs Theater: Tuğsal Moğul ist nicht nur Regisseur, sondern gelernter Notarzt und Anästhesist. Mit seinem Stück "Wir haben getan, was wir konnten" hat er am Samstagabend die neue Saison im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg eröffnet.

Dieser Abend knöpft sich das deutsche Gesundheitswesen vor, ein heißes Eisen. "Wir haben getan, was wir konnten": der Satz an die Hinterbliebenen. Ein Satz, den wir alle fürchten, dieser absolut finale Satz, er ist der Titel des Abends. Hier wird er zur Anklage. Denn können sie überhaupt das, was sie tun, die Ärzte, Intensivschwestern und -pfleger?

Anlehnung an tatsächliche Fälle

Nein, mit Corona hat der Abend nichts zu tun. Yorck Dippe, Christoph Jöde und Ute Hannig treten vor eine Milchglasscheibe, hinter der sich ein menschlicher Körper zu recken scheint. Und schlüpfen in die Wirklichkeit echter Figuren. Wie etwa die des Pflegers Niels Högel, der zahlreiche Menschen ermordete. Oder die der Intensivschwester, die irgendwann begonnen hat, Menschen tot zu spritzen. Es ist der berührendste Moment des ansonsten schwachen Theaterabends.

Was will uns der Regisseur sagen?

Die Musik ist fantastisch, das Ensemble ist es auch. Absolut glaubhaft spulen sie medizinische Fachbegriffe herunter, eine besonders starke Szene, in der die Geige von Swantje Tessmann die Elektroschocks einer Not-OP simuliert. Das geht beinahe ins Mark. Dennoch: Was will uns der Regisseur mit diesem Abend sagen? Zweifel sähen an einem System, das chronisch überbelastet und der Profitgier unterworfen ist? Wussten wir das nicht alles schon vorher? Oder will der Regisseur aufrütteln? Nur: Dann bleibt der Abend im Moralinsauren stecken.

Kein gelungener Theaterabend

Vor dem Auge stehen sie dann, zwei Massenmörder in Pflegekleidung, ein betrügerischer Apotheker, ein Arzt, der 24 Stunden Tod, Blut und verzweifelte Angehörige aushalten muss. Alles Symptome einer Krise. Regisseur Tuğsal Moğul weiß, wovon er spricht, er ist selbst gelernter Anästhesist. Das Stück hinterlässt eine Leere, handwerklich gut und genau gemacht, wird daraus noch kein gelungener Theaterabend. Die Wirklichkeit abzubilden und sie mit Barockperücken aufzupudern, ist zu wenig. Der Abend endet mit dem Hippokratischen Eid. Ein Wink mit dem ganz großen Zaunpfahl.

"Wir haben getan, was wir konnten": Schwacher Theaterabend im Malersaal

"Wir haben getan, was wir konnten" im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg thematisiert das Profitdenken in Kliniken. Das Stück von Regisseur und Arzt Tuğsal Moğul überzeugt nicht.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Kirchenallee 39
20099Hamburg
Telefon:
(040) 24 87 13
Preis:
11,00 Euro - 53,00 Euro
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 13.09.2020 | 06:00 Uhr