Stand: 06.12.2019 14:42 Uhr

Premiere: "Iphigenie" am Schauspielhaus Hannover

von Agnes Bührig

Ein Mädchen soll sterben, damit ein anderes in die Heimat zurückgeholt werden kann: Das ist, kurz gesagt, die Geschichte von Iphigenie aus der griechischen Mythologie. Am Schauspiel Hannover spiegelt Regisseurin Anne Lenk die Figur jetzt in verschiedenen Jahrhunderten. Den Stoff des antiken Dramatikers Euripides setzt sie der Version Goethes aus dem 18. Jahrhundert entgegen. Am Sonntagabend hat die Aufführung in Hannover Premiere.

Schauspielerin Seyneb Saleh © Staatstheater Hannover
Die Schauspielerin Seyneb Saleh verkörpert die Iphigenie als junges Mädchen.

Iphigenie steht in einem Kasten auf der Bühne vor moosgrünen Sofamöbeln und ringt mit sich. Soll sie es ihrer Familie recht machen und sich opfern, damit das griechische Heer gen Troja reisen und Helena heimholen kann? Im ersten Teil der Inszenierung spielt Seyneb Saleh Iphigenie als Mädchen, das in patriarchalen Strukturen gefangen ist. "In dieser Welt ist dieses Kind sehr bestrebt, Harmonie herzustellen, die Wünsche zu erfüllen, die die Eltern ihr antragen, und auch die Rolle zu erfüllen, die Frauen zugeschrieben wird. In diesem Spannungsfeld zwischen dem, was einem aufgetragen wird und dem, was man innerlich als falsch empfindet, bewegt sich diese Figur", sagt Seyneb Saleh.

Eine widersprüchliche Frau

Dagegen setzt Regisseurin Anne Lenk im zweiten Teil mit Goethes "Iphigenie auf Tauris" eine erwachsene Iphigenie. Sie überlebt als Priesterin der Göttin Diana und kann ein selbstbestimmteres Leben führen. Den Brauch, Neuankömmlinge auf dem Altar der Diana zu opfern, schafft sie ab und den Werbungen des Königs Thoas hält sie stand.

Sabine Orléans in "Der zerbrochene Krug" von Heinrich von Kleist © picture alliance/ Christian Fürst Foto: Christian Fürst
Sabine Orléans, hier in "Der zerbrochene Krug" von Heinrich von Kleist, spielt die ältere Iphigenie.

Am Ende will ihr Bruder mit ihr in die alte Heimat fliehen, doch Iphigenie entscheidet sich, aufrichtig zu bleiben. Sie enthüllt Thoas, der sie liebt, den Plan. Für Schauspielerin Sabine Orléans eine konfliktreiche Rolle: "Ich wollte auf jeden Fall eine Frau zeigen, die widersprüchlich ist. Die einerseits von der Sehnsucht, nach Hause zu kommen, getrieben ist, aber andererseits auch diesen Menschen lieben gelernt hat. Doch das kann sie nicht ausleben, weil auch in ihr durch dieses Trauma, dass sie geopfert werden sollte, ein Verlust entstanden ist, der unüberwindbar ist. Dieser Konflikt hat mich stark vorwärtsgetrieben."

Wie prägen uns Familien innerhalb einer Clanstruktur?

Regisseurin Anne Lenk © dpa
Regisseurin Anne Lenk zieht mit ihrer Inszenierung Parallelen zum Heute.

In den zwei Versionen des Dramas findet Regisseurin Anne Lenk viele Verbindungen zum Heute. Wie prägen uns Familie oder Traditionen innerhalb von Clanstrukturen? Wie halten wir es heute mit der Wahrheit? "Die Weimarer Klassik war geprägt vom Gedanken der Aufklärung, der Wunsch nach Aufrichtigkeit ist auch heute wieder aktuell", sagt Anne Lenk. "Im ganzen Zeitalter des Populismus geht es nicht mehr um Aufrichtigkeit, um wirklichen Umgang miteinander. Es geht eher um Rhetorik. Man kann gar nicht mehr ins Gespräch kommen, wenn man diese Art der Rhetorik nicht beherrscht oder wenn sie einen nicht interessiert."

Premiere: "Iphigenie" am Schauspielhaus Hannover

Regisseurin Anne Lenk vereint in ihrer Inszenierung von "Iphigenie" zwei Versionen - die von Euripides und die von Goethe. Am Sonntag feiert das Stück Premiere in Hannover.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Schauspiel Hannover
Prinzenstraße 9
30159Hannover
Telefon:
+49 511 9999 2298
Preis:
15,00 - 45,00
Kartenverkauf:
Kartenservice: +49 511 9999 1111

kartenservice@staatstheater-hannover.de
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 07.12.2019 | 07:20 Uhr