Stand: 27.07.2020 17:42 Uhr  - NDR Kultur

Pina Bausch: Eine Sphinx des Tanzes

Den Tanz fühlen, die Bewegung von innen nach außen bringen - so tanzte Pina Bausch. Damit veränderte sie radikal das Tanztheater, das Ballett sowieso, aber auch das Schauspiel und die Oper. Als Pina Bausch, 1973 ihr Tanztheater in Wuppertal gründete, markierte sie eine Zäsur: Das Publikum war begeistert und zugleich verstört. Vor allem aber wurde sie weltberühmt. 2009 starb Pina Bausch viel zu früh im Alter von 68 Jahren an Lungenkrebs. Am 27. Juli wäre Pina Bausch 80 Jahre alt geworden. Ein Gespräch mit der Tanzkritikerin der "FAZ", Wiebke Hüster.

Frau Hüster, Sie werden Pina Bausch wahrscheinlich begegnet sein - was bedeutet sie Ihnen?

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Mit ihrer Art zu tanzen hat Pina Bausch radikal das Tanztheater verändert.

Wiebke Hüster: Ja, ich bin ihr als ganz junge Frau begegnet und das war enorm beeindruckend. Ich hatte so etwas zuvor nicht gesehen. Ich wusste über das Werk von Pina Bausch aus Büchern und Filmen Bescheid, aber wenn man das auf der Bühne sieht, ist es etwas ganz anderes, weil das sehr stark von den Darstellern lebt und davon, dass die auch sehr stark mit dem Publikum interagieren. Das ist sehr verblüffend, wenn man angesprochen, angesungen und manchmal auch auf die Bühne geholt wird. Das war sehr neu, und das hat mich sehr interessiert.

Ich kam aber aus einer ganz anderen Richtung: Die Emotionen nach außen zu bringen, was man auch bei anderen Tanztheater-Choreografen sieht, dieses Expressionistische - das hat mich oft verstört. Ich tendiere eher zu dieser stärker abstrakten, stärker künstlerisch umgeformten Ausdrucksweise in den verschiedenen Künsten. Das finde ich vielschichtiger und auf Dauer interessanter, wenn es sich um tanzinterne Fragen handelt, die diese Kunstform von der Bewegung her definieren. Das war etwas, das sie nicht so interessierte. Sie interessierte das, was in den Menschen vorging und wie man das nach außen bringen könnte.

Pina Bausch hat unermüdlich geprobt, mit ihren Tänzerinnen und Tänzern geredet und sehr persönliche Fragen gestellt: Warum tanzt du, was fühlst du, was tust du, um geliebt zu werden? Was haben solche Fragen mit dem Tanzen zu tun? Wie beantwortet Pina Bausch das?

Hüster: Ich glaube, sie hat schon als Kind einen sehr großen Hang zum tänzerischen Ausdruck verspürt. Sie war im Kindertanz, sie ist früh auf die Bühne gekommen. Das Zweite, was sie sehr geprägt hat, ist, dass sie ein Wirtshausbesitzerkind war. Pina Bausch war eine wunderschöne Frau, und sie muss auch als Kind hinreißend ausgesehen und getanzt haben, und ich sehe immer, wie sie als Kind hinter diesem Tresen ganz früh miterlebt hat, was Erwachsene abends im Wirtshaus miteinander besprechen. Jeder erzählt von sich, man tauscht sich aus über die intimsten Dinge, und ich stelle mir vor, dass das so eine Faszination in diesem Kind ausgelöst hat. Ich glaube, dass das das Kindheitsbild ist, das später die Künstlerin geprägt hat.

Pina Bausch © dpa Foto: David-Wolfgang Ebener

Pina Bausch: Eine Sphinx des Tanzes

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Mit ihrer Art zu tanzen hat Pina Bausch radikal das Tanztheater verändert. Am 27. Juli wäre sie 80 Jahre alt geworden. Ein Gespräch mit der Tanzkritikerin der "FAZ", Wiebke Hüster.

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Pina Bausch war eine ganz genaue Beobachterin. Das hat sie aufgearbeitet in ihren Stücken "Café Müller", "Palermo. Palermo" und "Der Fensterputzer". Wie hat sie sich selbst im Laufe der Jahre verändert und Dinge anders gemacht oder anders gesehen?

Hüster: Da gibt es verschiedene Phasen. Als sie das Ballett in "Tanztheater Wuppertal" umtaufte, ging es in ihren Stücken selbstreflexiv häufig darum, was der Tanz einem antut. Diese Disziplinierung, diese Unterwerfung oder die strengen Gesetze einer Kunst, die alles fordert vom Körper, vom Geist und von der Seele - das hat sie immer wieder thematisiert.

Aber anfangs machte sie diese wunderschönen Tanzopern. Das war eine wunderschöne, moderne, auch sehr expressive, aber doch durchgängig fließende Tanzsprache. Und erst danach, mit dem Stück "Fritz", hat sie begonnen, in dieses Disruptive zu gehen. Diese aneinandermontierten Szenen haben auf den ersten Blick überhaupt nichts miteinander zu tun. Das, was ihre Tänzer ihr auf Assoziationen, Fragen, Imaginationen hin als szenisches Bild angeboten haben, das montierte sie zusammen. Und darin bestand eigentlich ihre Kunst, darin hat sie eine künstlerische, tragende Form gefunden.

Es gab auch einen riesigen thematischen Wechsel, es ging um das Verhältnis von Frauen und Männern: Wo kommt der Schmerz eigentlich her? Warum können Beziehungen nur so selten dauerhaft glücklich sein? Was unterscheidet Männer und Frauen so grundsätzlich, dass sie - manchmal hat es den Anschein - auf zwei verschiedenen Planeten leben? Es ging auch um Selbstbestimmung, um Emanzipation des Menschen überhaupt, Demokratie, Gleichberechtigung, ein Ensemble, in dem es keine Ersten Solisten mehr gibt. Sie hatte diesen Gleichheits- und Demokratiegedanken, und das hat sie versucht, in diesen Werken zu zeigen. Das hat sich dann durch ihre vielen Reisen verschoben: Sie ließ sich in der letzten Phase ihres Werks viel stärker von diesen weltweiten Tourneen inspirieren, von den Reiseeindrücken, die sie mitbrachte.

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Wenders-Film "Pina" in der ARD-Mediathek

Nach dem Tod von Pina Bausch widmete Regisseur Wim Wenders ihr eine Tanzfilm-Dokumentation. Der Film war 2012 für den Oscar nominiert und ist derzeit in der ARD Mediathek zu sehen. extern

Seit 2009 ist Pina Bausch tot. Wie kann man ihr Erbe weiter transportieren? Wie können Tänzer im Sinne Pina Bauschs ohne sie tanzen?

Hüster: Das hat sich natürlich das ganze Ensemble sehr stark gefragt. Ich habe noch nie eine Gruppe von Menschen gesehen, die so intensiv um ihre zentrale Figur trauert wie dieses Tanztheater Wuppertal. Ich glaube, dass wir da einiges an Zeit verloren haben, weil an so vielem festgehalten wurde. Zum Beispiel ist es schwierig, die Rollen zu übertragen, denn es gibt immer nur einen, nämlich den, der die Rolle geschaffen hat, der sie ernsthaft interpretieren kann. Da gibt es so viele Widerstände, so viele Probleme, so viele Ambivalenzen bei der Übertragung der Stücke auf ein neues Ensemble - was aber wichtig ist, weil es irgendwann weitergehen muss, und das kann nur mit neuen Tänzern passieren.

Das andere ist ein Prozess, der sich erst in den nächsten Jahrzehnten klären wird: Wenn sich in der Pina Bausch Stiftung mehr und mehr junge Wissenschaftler diesem Werk widmen und wir dann mit der Zeit ein nach und nach immer objektiver werdenden Blick auf dieses Werk werden zurückwerfen können.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 27.07.2020 | 19:00 Uhr

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