Papst Franziskus © picture alliance / Photoshot

Papst weist Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx zurück

Stand: 10.06.2021 17:25 Uhr

Warum hat Papst Franziskus das Rücktrittsgesuch von Kardinal Reinhard Marx abgelehnt? Ein Gespräch mit Florian Breitmeier aus der Redaktion Religion und Gesellschaft.

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Herr Breitmeier, wie begründet der Papst seine überraschende Ablehnung?

Florian Breitmeier: Der Papst schreibt in seinem Brief an Kardinal Marx eine persönliche Würdigung, dass sich Reinhard Marx dieser Krise stelle und den Mut zeige, Verantwortung zu übernehmen und sein Amt zur Verfügung zu stellen. Das ist etwas, was er in diesem Brief sehr stark macht. Er schreibt schon fast in der Mentalität eines argentinischen Gauchos, es komme nicht nur darauf an, Vorsätze für das Leben zu treffen, sondern auch "das Fleisch auf den Grill zu legen". Wir in Norddeutschland würden vielleicht sagen: Butter bei die Fische - wenn man erkannt hat, dass ein Problem aufgetreten ist, muss man auch persönlich Verantwortung übernehmen. Aber es ist auch interessant, dass der Papst dann doch sagt: "Du hast das Rücktrittsgesuch eingereicht, ich habe gesehen, dass du nicht am Amt klebst - und jetzt kannst du erstmal weitermachen.

In den vergangenen Tagen hieß es unter anderem auch aus Kirchenkreisen, dass eigentlich der Falsche seinen Rücktritt angeboten hätte. Viele haben gesagt, dass eigentlich Kardinal Woelki diesen Schritt gehen müsste. Ist die Reaktion des Papstes auch eine Art Statement in Richtung Woelki?

Breitmeier: Das ist natürlich kein Zufall, dass dieser sehr persönlich gehaltene Brief veröffentlicht wurde. Es ist ja schon der Brief von Kardinal Marx an Papst Franziskus öffentlich geworden. Das ist ungewöhnlich in der Vatikandiplomatie. Natürlich sind da auch diplomatische und kirchenpolitische Signale drin, denn der Papst schreibt sehr klar, es müsse sich angesichts der Katastrophe des sexuellen Missbrauchs eigentlich jeder Bischof fragen, was er in dieser Situation tun müsste. Der Papst schreibt, es helfe keine Vogel-Strauß-Politik. Er sagt aber auch, es werde nicht ausreichen, Untersuchungen in Auftrag zu geben oder auf die Macht oder das Image der Institution zu schauen, sondern eine Reform fange immer bei einem persönlich an. Die Krise wird also ein Stück weit vom Papst personalisiert, und dadurch fehlt ihr ein bisschen diese institutionelle Dynamik, die der Annahme eines Rücktrittsgesuch durchaus innegelegen hätte. Der Papst stützt Kardinal Marx, auch sein Reformanliegen in Deutschland - das ist keine Frage, dass Reinhard Marx nun gestärkt daraus hervorgeht.

Aber der Papst nimmt sich damit auch ein Stück weit zurück, denn er wäre ganz anders in der Verantwortung und in Erklärungszwang gewesen, wenn er den Rücktritt angenommen hätte. Denn Kardinal Marx hatte davon gesprochen, dass die Kirche an einem toten Punkt sei. Hätte der Papst das Gesuch angenommen, hätte jeder gesagt: Welche Reformen kommen denn nun? Mit der Nicht-Annahme des Rücktrittsgesuchs steht das jetzt nicht mehr so radikal im Raum.

Das ist alles sehr überraschend. Waren die Reaktionen, gerade in der katholischen Kirche, ähnlich? Oder hat man damit gerechnet?

Breitmeier: Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, war erleichtert. Thomas Sternberg, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, sagte, er sei froh, dass die gewichtige Stimme von Kardinal Marx im Reformprozess weiter zu hören ist. Auch der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm zeigte sich erleichtert, weil die Ökumene damit weiterhin einen großen Stellenwert habe.

Interessanterweise haben aber Betroffenenvertreter sehr kritisch reagiert. Matthias Katsch vom Eckigen Tisch sagte, durch die Nichtannahme dieses Rücktrittsgesuchs fehle diesem bedeutungsvollen Angebot die Wucht. Es ist bedeutend, dass der Papst in diesem Schreiben an Kardinal Marx die Betroffenen sexualisierter Gewalt nicht erwähnt hat.

Was heißt das perspektivisch? Sind wir jetzt an dem gleichen Punkt, an dem wir am vergangenen Donnerstag waren? Als es wäre nie etwas gewesen, und es geht einfach weiter?

Breitmeier: Weiter so - das sicherlich nicht. Kardinal Marx hat erklärt, dass man jetzt nicht einfach so zur Tagesordnung übergehen könne. Er sei selber sehr überrascht, dass das Rücktrittsgesuch nicht angenommen worden sei. Aber natürlich bleiben die Untersuchungen im Erzbistum München und Freising, die auch die Rolle der Erzbischöfe beleuchten, weiterhin in der Diskussion, und dem muss sich auch Kardinal Marx weiterhin stellen. Auch seine Rolle als Bischof in Trier ist noch nicht von den Gutachtern bewertet worden. Natürlich steckt auch ein gewisses Risiko darin, wenn möglicherweise in ein paar Monaten Fehler oder Pflichtverletzungen offenbar werden - der Papst lässt ihn auch weiterhin in dieser Verantwortung. Aber durch die Nichtannahme dieses Rücktrittsgesuchs, was an sich schon ein sehr bedeutendes Signal war, ist vielleicht der Impuls für eine neue Verantwortungskultur in der katholischen Kirche etwas verloren gegangen.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 10.06.2021 | 18:00 Uhr