Stand: 17.07.2020 12:02 Uhr  - NDR 90,3

Ohnsorg kehrt aus der Corona-Pause zurück

von Daniel Kaiser

Das Ohnsorg-Theater ist wieder da. Mit der hochdeutschen Karaoke-Komödie "Tussipark" von Christian Kühn ist die Bühne nach vier Monaten Zwangspause durch die Corona-Krise zurückgekehrt. Natürlich mit Corona-Abstand auf der Bühne und im Publikum - mit nur 123 Zuschauerinnen und Zuschauern. Für den schnellen Abend mit Musik und etlichen Gags gab es viel Applaus.

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Jennifer (Rabea Lübbe) und die anderen Frauen in "Tussipark" verstehen die Männerwelt nicht.

Wie sähe eine Welt ohne Männer aus? "Lauter glückliche, dicke Frauen und Weltfrieden!" Es folgt ein riesengroßer Seufzer aus tiefstem Herzen. Das ist die Antwort der vier Frauen, die über Nacht im Parkhaus eines Einkaufszentrums eingeschlossen sind und mit der Männerwelt abrechnen. Frauen würden nur Probleme mit dem Einparken haben, weil ihnen eine falsche Vorstellung von 20 Zentimetern vermittelt werde, lästert eine. Heidi Kabel bekäme bei manchen Gags an diesem Abend wahrscheinlich rote Ohren.

"Tussipark": Ein schrilles Frauenquartett

Das Frauen-Quartett sorgt für ordentlich Action: Die stimmgewaltige Tanja Bahmani rauscht im Brautkleid durchs Parkhaus, nachdem sie ihren Mann wegen mutmaßlicher Untreue vor dem Altar hat stehen lassen. Caroline Kiesewetter gibt die toughe Lebensberaterin, die am Ende aber auch an den Kerlen verzweifelt. Julia Holmes ist die schwangere Ehefrau, die lieber bei den Mädels im Parkhaus ist als bei ihrem Computerspiele zockenden Loser-Ehemann. Und Rabea Lübbe spielt herrlich verpeilt eine liebenswerte, aber etwas oberflächliche Tussi, die wirklich kein Fremdwort richtig trifft und virtuos zwischen Konservation und Konversation verloren geht. Hauptsache Italien.

Alles Playback -  aber die Energie stimmt

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Mit Gesangseinlagen von weltbekannten Hits schmeckte der Abend im Ohnsorg ein bisschen nach Schmidts Tivoli.

Das Stück zündet ein temporeiches Gag-Feuerwerk ohne Angst vor Gaga und mit viel Musik. Die vier Frauen schmettern weltbekannte Hits von "Dancing Queen" von Abba bis "Baby, One More Time" von Britney Spears. Gesungen wird wegen Corona allerdings Playback. Man spürt: Hätten die Frauen live gesungen, hätte die Luft im Saal gebrannt. Die Gags kommen schnell, wirken manchmal erst einen Tick später und haben oft einen Detonationspunkt unterhalb der Gürtellinie. Man denkt eher an den Spielbudenplatz als an den Heidi-Kabel-Platz. Der Abend schmeckt ein bisschen nach Schmidt Theater.

 Wie bei "Hangover"

Die vier schlucken Wunderpillen aus Amerika und mischen in ihrem Trip das Einkaufszentrum auf. Am nächsten Morgen haben sie einen Filmriss - es ist sozusagen die Einkaufszentrum-Variante des Hollywood-Films "Hangover". Die einzige, die erzählen könnte, was passiert ist, hat plötzlich ein Zungen-Piercing und man versteht sie nicht. Das ist auf eine sehr unintellektuelle Art wirklich sehr lustig. Der Oberspielleiter des Ohnsorg-Theaters, Murat Yeginer, inszeniert das Stück zackig-schräg und Corona-bedingt ohne Pause. Masken, Desinfektionsspray und der 1,50-Meter-Abstand sind mit leichter Hand eingebaut.

Plötzliches Ende im Ohnsorg

Irgendwie ist das Ganze dann aber doch sehr plötzlich zu Ende. Man spürt durchaus, dass die Komödie eigentlich länger und wendungsreicher gewesen wäre. Die Handlung ist aber am Ende eh nicht ganz so wichtig. Hauptsache, die Stimmung stimmt. Und Katrin Reimers hat ein wirklich schönes Parkhaus als Bühnenbild ins Ohnsorg gezaubert. Die Kostüme, die ein fünfköpfiges Team geschneidert hat, bringen vom Business-Kostümchen bis zur sehr funktionalen Umstandsmode die schrillen Charaktere auf den Punkt zur Geltung.

Endlich wieder lachen

Dass ein hochdeutsches Stück auf der niederdeutschen Traditionsbühne zu sehen ist, erregt erwartungsgemäß manchen Abonnenten. Tatsächlich waren die Ohnsorg-Sommerstücke aber immer auf Hochdeutsch. Geplant ist, "Tussipark" zu einem späteren Zeitpunkt auch als plattdeutsche Version auf die Bühne zu bringen. Das Wichtigste an diesem Abend: Endlich darf wieder gelacht werden - wenn auch auf Abstand. Das Ganze am besten zu genießen mit einem Piccolo vorab.

Ohnsorg kehrt aus der Corona-Pause zurück

Endlich darf im Ohnsorg wieder gelacht werden, wenn auch auf Abstand. Mit der Premiere der Komödie "Tussipark" ist das Theater aus der Corona-Pause zurückgekehrt.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Ohnsorg Theater
Heidi-Kabel-Platz 1
20099  Hamburg
Telefon:
(040) 350 80 30
E-Mail:
kasse@ohnsorg.de
Preis:
21 Euro - 34,50 Euro
Hinweis:
Weitere Vorstellungen vom 29. Dezember 2020 bis 3. Januar 2021

Karaoke-Komödie von Christian Kühn

Aufführung in hochdeutscher Sprache
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 17.07.2020 | 19:00 Uhr

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