Sendedatum: 12.02.2018 13:00 Uhr

Nicole Heesters und "Marias Testament"

"Marias Testament" ist ein großer Monolog. Schauspielerin Nicole Heesters steht also bei dieser deutschen Erstaufführung an den Hamburger Kammerspielen allein auf der Bühne. Der Autor Colm Tóibín lässt Maria auf die Leidensgeschichte ihres Sohnes Jesus 20 Jahre nach dessen Kreuzigung zurückblicken: schmerzerfüllt und seinen Wundern gegenüber skeptisch. In Klassik à la carte erzählt Heesters, warum dieser Text für sie keineswegs blasphemisch wirkt, warum sie Kirchen mag oder wann sie gern bis hundert zählt.

Frau Heesters, Sie stecken im Moment in den Endproben für einen großen Monolog. Es ist die Bühnenfassung eines Romans von Colm Tóibín, der 2014 erschienen ist. Darin lässt der Autor Maria zurückblicken auf die Kreuzigung und das Leben Jesu - wobei der Name nicht ein Mal fällt. Sie kann nur sehr wenig Bewundernswertes an seinem Leben finden. Wie haben Sie mit diesem Text Bekanntschaft geschlossen?

Nicole Heesters: Ich habe dieses Buch geschenkt bekommen, habe es gelesen und war tief beeindruckt. Dann habe ich das Buch zugemacht, in mein Bücherregal gestellt und bin immer wieder daran vorbeigegangen, habe hineingeschaut - und es hat mich nicht losgelassen. Ich dachte, das müsste man verlauten lassen, klingen lassen. Es lag aber mindestens zwei, drei Jahre in meinem Kopf. Und da die Kammerspiele liebenswürdigerweise immer wieder anfragen, mir auch Stücke schicken und wir nie auf einen Nenner kamen, habe ich Axel Schneider das mal vorgeschlagen, und er kannte dieses Buch und war sofort einverstanden. Und Elmar Goerden, mein Regisseur, mit dem ich in Wien an zwei Stücken gearbeitet habe, hat eine Fassung geschrieben - und an der arbeiten wir jetzt.

Warum hat Sie dieses Buch nicht losgelassen?

Heesters: Weil ich den Stoff so wunderbar finde. Es sind da Fragen drin, die ich mir auch stelle. Das ist die Geschichte einer Mutter, die eine Beziehung erzählt zu einem Kind, das ihr fremd wird. Der Junge geht weg, und sie sieht ihn jahrelang nicht. Und dann sieht sie ihn in einem ganz anderen Zustand und fragt sich: Wo ist der Anschluss, wo sind die Punkte? Sie sehnt sich nach dem kleinen Jungen, nach der Kindheit, nach dem Familienleben - das aber vorbei ist. Und was in dem Leben dieses Mannes, dieser unglaublichen Figur passiert, das beschreibt sie aus ihrer Sicht, aus ihrem unfassbaren Schmerz, aus diesem Nicht-Begreifen-Wollen, dass so etwas passiert.

Dass sein und auch ihr Name nicht genannt werden, finde ich hilfreich: Dadurch kann man eine Geschichte erzählen, die eine Mutter beleuchtet, die sagt: Was sind das für Freunde, die ihm in der Todesstunde nicht helfen? Wo sind sie denn? Nein, sagen sie, das muss so sein, das ist die Erlösung. Das kann eine Mutter nicht verstehen. Sie denkt, dass es eine Erlösung ist, wenn er befreit wird, dass er nicht gekreuzigt wird. Alles nachvollziehbar aus den Augen einer Mutter, finde ich.

Das alles führt dazu, dass ich mich sehr freue, diesen Text zu sprechen, zu spielen. Ich weiß nicht, ob man das "spielen" darf. Ich kann da nicht loslegen und etwas "spielen", etwas darstellen.

Welches Verhältnis haben Sie zur Religion und zur Kirche?

Heesters: Ich gehe sehr gerne in Kirchen. Das sind Orte der Stille, Orte, wo ich mich aufgehoben fühle. Als ich in Köln gearbeitet habe, habe ich meinen Text in den Kirchen gelernt. Köln hat so wunderbare Kirchen, so herrliche Räume, so konzentrierte, stille Gewölbe - das ist wunderbar. Ich brauche solche Räume. Ich bin nur in Klosterschulen erzogen worden. Es ist eine Trennung zwischen der Kirche und mir entstanden, als ich größer, erwachsener wurde, vielleicht kritischer. Als ich mehr gedacht habe, ich mir Fragen gestellt habe. Ich gebe zu, ich gehe nicht am Sonntag in die Kirche - aber ich bete, und das brauche ich. Wenn ich das mal so etwas flapsig sagen darf: Ich habe einen guten Kontakt zu Gott. Ich brauche ihn.

Sie haben sich Ihren Traum verwirklichen können. Sie haben schon mit 13 Jahren zu Ihrem Vater gesagt: "Ich möchte mal Schauspielerin werden." Und das hat geklappt.

Heesters: Ich war nicht zu halten, ja. Es war ein Traum, aber er war sehr realistisch. Es war mir wichtig, ich wollte das. Ich habe den Beruf natürlich später erst richtig kennengelernt und erfahren, was es heißt, Schauspielerin zu sein. Erstmal fand ich es wunderbar: Ich fand eine Bühne faszinierend, den Geruch, den roten Vorhang, der runtergeht und der sich wieder hebt. Das waren alles Momente, die mich gefangen genommen haben. Dass man sehr arbeiten muss, dass man Text lernen muss, dass man auf sich aufpassen muss, dass die Verantwortung groß ist, dass man teilweise auch für diesen Beruf leben muss - das kam dann im Laufe der Zeit. Aber ich wollte diesen Beruf sehr früh und unbedingt.

Hat es eine große Rolle gespielt, dass Ihr Vater Johannes Heesters auch auf der Bühne stand? Oder hatten Sie eher das Gefühl: Nein, das kam eher aus mir?

Heesters: Ich habe meinen Vater zum ersten Mal auf der Bühne gesehen, als ich 13 oder 14 war. Meine Eltern haben das überhaupt nicht gefördert. Und da meine Mutter auch beim Theater war, wussten sie warum. Das ist näherliegend, wenn man in einer Familie aufwächst, die mit diesem Beruf zu tun hat, aber wir haben genug Beispiele, dass Leute zum Theater gehen und dass es wunderbare Schauspieler gibt, die davor überhaupt nichts mit diesem Beruf zu tun hatten. Meine Eltern haben mich nicht dahin erzogen.

Das Gespräch führte Katja Weise, NDR Kultur

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassik à la carte | 12.02.2018 | 13:00 Uhr

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