Eine Frau mit einem norddeutschen Tattoo auf dem Arm. © behrchen / photocase.de Foto: behrchen / photocase.de

Neue EU-Verordnung: Das Ende der bunten Tattoos?

Stand: 04.01.2022 12:03 Uhr

Eine neue EU-Verordnung verbietet bestimmte Chemikalien in Tätowiermitteln. Tätowierer fürchten um ihre Arbeitsgrundlage. Ein Ortsbesuch bei einer Tattookünstlerin in Hamburg.

von Lea Eichhorn

Niki sitzt auf einem Hocker, Tätowiermaschine in der Hand. Vor ihr liegt auf einer Liege eine Kundin - Daniela. Die Tattookünstlerin erzählt: "Das wird ein farbiges Tattoo - eines der letzten erst einmal. Wir haben den Termin auf das Ende des Jahres gelegt, damit wir das auf jeden Fall noch hinbekommen."

Bunte Tattoos: Endspurt kurz vor Farbenverbot der EU

Das gewünschte Motiv: Ein Bücherstapel, rundherum Blüten und Blätter. Eine Orchideenblüte schimmert lila, die Blätter in verschiedenen Grüntönen. Niki hat die Außenlinien schon in schwarz gezogen. Jetzt füllt sie mit Farbe auf. Daniela verzieht das Gesicht, die Stimmung ist trotzdem locker. Daniela fragt scherzhaft: "Können wir bitte wieder die Außenenlinien machen?" Niki: "War das netter? Ich bin so zärtlich, wie ich nur sein kann…"

Durch die neuen EU-Regeln ist ein Großteil der heutigen Tattoofarben ab Januar 2022 verboten. Tätowierer dürfen sie ab jetzt weder kaufen, noch lagern, geschweige denn benutzen. Sie beinhalten Chemikalien, wie etwa Konservierungsstoffe, die gesundheitsschädigend sein könnten. Einzelne Farbenhersteller verkaufen bereits neue, EU-konforme Farbe - vornehmlich schwarz. Bei bunten Farben ist das schwieriger. Ab 2023 verbietet die EU zusätzlich zu den jetzt betroffenen Chemikalien noch einige grüne und blaue Farbpigmente.

Tattookünstlerin Niki: Warten auf Farben, die genehmigt sind

Niki ist spezialisiert auf farbige Tattoos im Aquarellstil. Der Name ihres Studios: "Farbkollektiv". "Das trifft uns natürlich super doll", sagt die Tätowiererin. "Wir werden versuchen, das zu überbrücken, indem wir erst einmal die Schwarzanteile in den Tattoos tätowieren. Die Farbe wollen wir dann nachträglich hinzuzufügen, wenn wieder Farben verfügbar sind."

Vor Februar oder März rechnet Niki nicht mit neuen, regelkonformen Produkten. Was genau sie ihren Kund*innen sagen soll, weiß sie nicht. Die meisten gingen damit aber entspannt um. Auch Daniela. Sie kann sich nicht vorstellen, dass bunte Tattoos ganz vom Markt verschwinden: "Ich hier jetzt tiefenentspannt rangegangen - aber trotzdem froh, dass der Termin noch im alten Jahr ist. Und jetzt heißt es: Mal gucken, der Arm soll ich ja noch voll und auch bunt werden."

Wie gesundheitsschädlich sind die Stoffe wirklich?

Viele in der Tattoobranche kritisieren: Die Stoffe würden verboten, ohne dass ausreichend erforscht sei, wie gesundheitsschädlich sie wirklich seien. Tatsächlich ist die Studienlage rund um Tätowiermittel und wie sie sich im menschlichen Körper verhalten noch dünn.

Ines Schreiver will das ändern. Die Pharmakologin leitet ein gemeinsames Forschungsprojekt der Berliner Charité und dem Bundesinstitut für Risikobewertung. Sie erklärt: "Risikobewertung heißt, zu ermitteln: Welche potenzielle Gefahr geht von einem Stoff aus? Und wieviel davon gelangt tatsächlich in den Körper? Und aus beiden Faktoren ergibt sich dann das Risiko." Für die Frage, wieviel Farbe tatsächlich in den menschlichen Körper gelange, gebe es Herleitungen, aber noch keine konkreten Daten.  

Bisher nur Forschung an toter Schweinehaut

Um das herauszufinden, untersuchen die Forschenden das Blut und den Urin von Menschen - bevor und nachdem diese sich haben tätowieren lassen. Bisher wurde nur an toter Schweinehaut geforscht. Nicht anhand von echten Tätowierungen am Menschen.

Dass Tätowierfarbe teils problematische Stoffe enthält, ist bereits bekannt. "Man kennt die giftigen Eigenschaften, also die mögliche Gefahr", so die Pharmakologin. "Und wenn man jetzt weiß, wie viel davon in den Körper gelangt, kann man eben Grenzwerte ableiten. Also: Was ist die maximale Konzentration in einer Farbe, die erlaubt sein sollte, damit es zu keinem gesundheitlichen Risiko kommt?"

"Ein längeres Zeitfenster wäre schön gewesen"

Sechs Tätowierkunden haben Schreiver und ihr Team im Rahmen der Studie schon untersucht. 18 weitere sollen noch folgen. Die Erkenntnisse aus ihrer Forschung können sie erst danach veröffentlichen.

Die Tattookünstlerin Niki findet es richtig, dass die Risiken von Tätowierfarbe wissenschaftlich erforscht werden. Und auch das Verbot bestimmter Chemikalien durch die EU kann sie verstehen. Jedoch: Zwischen Bekanntwerden des Verbots und Inkrafttreten lagen rund zwölf Monate - zu wenig für so einen gravierenden Einschnitt in ihre Arbeitsgrundlage, sagt Niki: "Wir wollen natürlich alle gerne mit gesundheitsunschädlichen Farben arbeiten. Nur ein längeres Zeitfenster wäre schön gewesen."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 04.01.2022 | 06:55 Uhr